Anfang Mai tagte die Rektor:innenkonferenz der deutschen Musikhochschulen (RKM) in Dresden. Ein Ergebnis der Tagung war die Wiedereinsetzung der Arbeitsgruppe Fachkräftemangel. Über die Hintergründe und Perspektiven hat Dr. Juan Martin Koch mit Prof. Dr. Thomas Busch (Trossingen), Prof. Dr. Andrea Welte (Hannover) und Prof. Christian Fischer (Trossingen, Vorsitzender der RKM) gesprochen. (Siehe auch Seite 1 der allgemeinen Ausgabe der nmz)
Erste Seite des Hochschulmagazins zur nmz 6/2026.
Es müssen viele Bausteine ineinandergreifen
Was hat die AG Fachkräftemangel bisher gemacht und warum wurde diese zwischenzeitlich ausgesetzt?
Thomas Busch: Sie startete im November 2023 als eine Runde zur Verständigung darüber, wie die Problemlage ist und welchen Handlungsbedarf es gibt. Dann wurden die beiden Studien MULEM-EX und MiKADO-Musik angekündigt und da machte es Sinn, erst einmal die Ergebnisse abzuwarten. Nun können wir auf empirischer Basis konkret über Maßnahmen sprechen, die sinnvoll erscheinen.
Christian Fischer: Dies ist im Kontext der Allianz für Musikalische Bildung zu sehen, die sich unter der Federführung des Deutschen Musikrats gebildet hat und an der wir als RKM zusammen mit dem Verband deutscher Musikschulen beteiligt sind. Was immer die Musikhochschulen jetzt vielleicht an Veränderungen aus ihnen selbst heraus in den nächsten Jahren auf den Weg bringen, ist nur zusammen zu denken mit anderen Aktivitäten auf Bundes-, auf Länder- und auf kommunaler Ebene.
Wie haben sich die Bewerbungszahlen in der Schulmusik seit den Daten der Mulem-Ex-Studie entwickelt?
Busch: Wir haben es hier mit einer Stabilisierung auf einem niedrigeren Niveau zu tun. Das heißt, es geht gerade nicht mehr abwärts, wie es während Corona und unmittelbar danach der Fall war. Die Bewerbungszahlen – auch für das gymnasiale Lehramt – sind zwischen dem Jahr 2019/20 und dem zurückliegenden Studienjahr um 50 Prozent zurückgegangen. Das hat aber auch damit zu tun, dass sich viele mittlerweile nicht mehr an mehreren Hochschulen gleichzeitig bewerben, weil sie wissen, dass ihre Chancen aufgenommen zu werden höher geworden sind. Die Zahlen der tatsächlichen Studienanfänger:innen sind auch auf niedrigerem Niveau stabil und liegen bei 20 Prozent weniger im Vergleich zu 2019/20. Nicht überall gibt es feste Kapazitätszahlen, aber ich würde davon ausgehen, dass zum Beispiel die Studiengänge für das gymnasiale Lehramt im Moment zu etwa über 80 Prozent ausgelastet sind.
Einiges im Gang
Welche Maßnahmen, etwa in Sachen Eignungsprüfung, wurden ausprobiert?
Busch: Man kann auf jeden Fall sagen, dass da einiges im Gang ist an den deutschen Musikhochschulen. Gerade in Sachen Eignungsprüfungen im Bereich Theorie und Gehörbildung wird ausprobiert, was möglich ist, ohne einen deutlichen Qualitätsverlust hinzunehmen. Es ist ein Experimentierfeld mit radikaleren und weniger radikalen Ideen und kurzfristig lassen sich wahrscheinlich nicht so große Effekte erzielen. Die Pädagogischen Hochschulen in Baden-Württemberg haben im Rahmen eines Modellversuchs die Eignungsprüfung ganz durch ein anderes Verfahren ersetzt und dadurch 160 Prozent mehr Studienanfänger:innen gewonnen. Das ist ein enormer Effekt.
Andrea Welte: Im Bereich der künstlerisch-pädagogischen Studiengänge ist manches ähnlich, aber vieles auch anders und die Situationen sind an den verschiedenen Standorten sehr unterschiedlich. In Hannover ist es zum Beispiel so, dass es viele Bewerbungen gibt – auch wenn es dieses Jahr weniger sind als in den vergangenen Jahren –, dass wir aber gar nicht genug Studienplätze und Kapazitäten haben, um alle geeigneten Bewerber:innen zulassen zu können. An vielen Hochschulen stellt die geringe Anzahl an Bewerbungen jedoch ein Problem dar. Dabei zeigt sich der Mangel an geeigneten Bewerber:innen je nach gewähltem Studienprofil oder Hauptfach mehr oder weniger deutlich. Allgemein entstehen Zugangsbarrieren häufig auch durch Verfahrensweisen von Eignungsprüfungen.
Wie können Studienstrukturen dazu beitragen, das System flexibler zu machen und damit das Künstlerisch-Pädagogische zu stärken?
Fischer: Je nach Kapazitäten sollte es an den Hochschulen eine Vielfalt an Möglichkeiten und Modellen geben – Stichwort Y- oder H-Modell. Wir haben hier in Trossingen eine Quote eingeführt und streben an, dass in den Instrumental- und Gesangsstudiengängen 25 Prozent Musikpädagogik-Studierende sein sollen. Wir haben auch, was die Professuren betrifft, festgelegt, dass eine bestimmte Anzahl von Musikpädagogik- oder Lehramtsstudierenden in jeder Klasse genommen werden muss.
Welte: Ich stimme zu, dass an den Hochschulen eine Vielfalt an Studienmöglichkeiten benötigt wird, und möchte ergänzen: Es braucht künstlerisch-pädagogische Bachelor- und Master-Studiengänge, die eine umfassende Qualifizierung und exzellente Ausbildungsqualität gewährleisten, und wir brauchen außerdem künstlerisch-pädagogische Anteile in anders ausgerichteten Studiengängen, etwa in Form eines Basismoduls, der Ermöglichung einer künstlerisch-pädagogischen Profilbildung oder eines Doppelstudiums. Was mich auch umtreibt, ist das Hierarchiedenken.
Selbst- und Fremdbilder
Wir haben es ja bei musikpädagogischen Berufen mit ambivalenten Selbst- und Fremdbildern zu tun. Die äußern sich eben an Hochschulen so, dass das künstlerisch-pädagogische Studium von manchen als weniger wertvoll angesehen wird. Da wollen wir natürlich versuchen, eine grundlegende Änderung zu erwirken, denn die künstlerisch-pädagogische Tätigkeit an sich wird von unseren Absolvent:innen durch die Bank als sehr sinnhaft, als vielfältig, als künstlerisch und pädagogisch anspruchsvoll und als sehr befriedigend erlebt. Das steht aber in Spannung zu den Rahmenbedingungen und auch zu den Zuschreibungen.
Fischer: Sie werden an den Musikhochschulen kaum einen Professor, eine Professorin finden, die nicht davon spricht, wie sinnvoll es ist, dass sich die Studierenden auch pädagogisch bilden. Aber wenn es dann um das Recruiten und das Beraten der Bewerber:innen geht, kommen oft genug doch andere Vorstellungen ins Spiel. Die „Währung“ für viele Instrumentalprofs sind eben immer noch die Erfolge ihrer Studierenden, sprich: Orchesterstelle oder gar Solokarriere und Wettbewerbserfolge. Wir müssen hier unbedingt an einem Change arbeiten, das verlangt viele Einzelgespräche und viel Kommunikation in den Hochschulen.
Gab es auf dem Panel bei der RKM-Sommerkonferenz konkrete Ideen für Sofortmaßnahmen und mittelfristige Strategien, oder wurden schon erfolgreiche existierende Modelle vorgestellt?
Fischer: Es gab sehr viele Ideen und Einzelvorschläge, aus denen wir in weiteren Sitzungen einen dezidierten Fahrplan mit Handlungsempfehlungen erarbeiten werden, parallel zu den anderen Maßnahmen der Allianz für Musikalische Bildung. Es gibt an manchen Standorten schon tolle Best-Practice-Beispiele, etwa was die Zusammenarbeit von Musikschulen und Musikhochschulen angeht. Das Wissensmanagement und den Austausch darüber zwischen den Hochschulen stärker anzuregen und zu strukturieren, das ist eine wesentliche Aufgabe, und natürlich kommunikative Maßnahmen, die sich aus den Studienergebnissen ableiten. Es gibt dazu aber eine ganz wichtige Prämisse, da sind wir uns mit dem VdM einig: Wir wollen keine Deprofessionalisierung. Es muss sicher auch Quereinstiegsmodelle oder Schnellmaßnahmen geben, aber es sollen keine „Musikpädagog:innen light“ ausgebildet werden.
Busch: In Baden-Württemberg und Bayern gibt es eigene Finanzmittel, um den Nachwuchsmangel zu bekämpfen und daraus sind schon allerlei Initiativen entstanden, etwa Scouts, die man von den Hochschulen aus in Schulen, Musikschulen und Landesmusikensembles schickt, oder mehrtägige Workshopangebote mit Übernachtung, bei denen Interessierte die Hochschulen und die Lehrenden kennenlernen können. Natürlich ist auch im Bereich der sozialen Medien allerlei geschehen.
Welte: Musikschulen haben mehr und mehr Talentförderprogramme, die niederschwelliger sind als die studienvorbereitende Ausbildung und wo auch viel Zusammenarbeit mit den Hochschulen stattfindet.
Die Frühförderinstitute sprechen schon länger darüber, dass man im Rahmen dieser Einbindung von Jungstudierenden eben auch schon in Richtung Pädagogik Talente entwickeln könnte. Tut sich da etwas?
Welte: Da passiert gerade sehr viel. Die Frühförderinstitute in vielen Hochschulen, die ihren Fokus bisher eher auf das künstlerische Studium gelegt haben, beginnen, die Bereiche enger zusammenzudenken. In Nordrhein-Westfalen gibt es eine Initiative „Patenschaft auf Ohrenhöhe“, die Musikschulen, Frühförderinstitute und Musikhochschulen verbindet, und im Rahmen von „EMSA – eine (Musik)Schule für alle“ gibt es das Programm der Schülermentor:innen. Auch ehemaligen Jungstudierenden, die künstlerisch-pädagogisch studieren, liegt viel daran, ihr pädagogisches Know-how an Jungstudierende weiterzugeben und entsprechendes Interesse zu wecken. Zwei Masterarbeiten, die nicht mehr in die MiKADO-Musik-Studie aufgenommen werden konnten, haben zum Beispiel ergeben, dass Jungstudierende mit Hauptfach Klavier sehr neugierig und offen für künstlerisch-pädagogische Themen sind.
Fischer: Beim aktuellen Hochschulwettbewerb Musikpädagogik wurde ein digital unterstütztes, kollaboratives Peer-Learning-Modell mit einem 1. Preis ausgezeichnet. Da haben sich Studierende Musikschüler gesucht (zunächst aus SVA-Kursen) und haben ein Feedback-Learning-Modell eingeführt, das inzwischen so gut läuft, dass es sich verselbständigt hat.
Die Hoffnung ist nun also, dass über die AG Fachkräftemangel der Informationsfluss verbessert wird, damit nicht Modelle neu erfunden werden müssen, die sich anderswo längst bewähren?
Busch: Genau so ist es. Zum Teil werden sogar am gleichen Standort verschiedene Initiativen gestartet, ohne dass diese wirklich gut koordiniert würden. Das Wissensmanagement ist ganz besonders wichtig, denn oftmals erlebe ich auch, dass Dinge mit dem Argument nicht gemacht werden: das macht doch kein anderer so. Wenn sich dann eine Hochschule aber etwas traut und darüber geredet wird, dann kommt ein Stein ins Rollen.
Fischer: Ich wünsche mir auf der Webseite der RKM eine Art Landkarte mit Best-Practice-Beispielen, so dass man auch außerhalb der großen RKM-Konferenzen viel schneller an Informationen kommt. Doch selbst mit der Hoffnung, dass sich bei den Musikhochschulen einiges bewegen wird, ist klar: Das alleine wird nicht ausreichen, es müssen viele Bausteine ineinandergreifen. Da ist natürlich das Thema Vergütung bei den Musikschulen ganz wesentlich und die Sichtbarkeit und Wertschätzung der Musikschularbeit insgesamt. Wir werden in den nächsten Monaten hoffentlich Gespräche auf höchster politischer Ebene führen können und da werden wir mit ganz klaren Vorstellungen auftreten müssen. Es gibt manche strukturelle Dinge, die zu ändern wären, etwa wenn es um Nachqualifizierung geht. Das sind klassischerweise Weiterbildungsstudiengänge, die laut Rechtsprechung der meisten Bundesländer vollkostendeckend sein müssen. Aber wer leistet sich in unserem Bereich die zehn- bis zwölftausend Euro, die so etwas kosten würde?
Wie ist die Perspektive für die kommenden Monate?
Fischer: So ernüchternd manches ist, so erfreulich ist es auch, wie viele Player sich gerade zusammenschließen und wirklich ohne Konkurrenzdenken an einem Strang ziehen.
- Interview: Juan Martin Koch
- Share by mail
Share on