Hauptbild
Prof. Anna Theresa Roth. Foto: Roth

Prof. Anna Theresa Roth forscht ab sofort an der HfM Detmold zu Gender- und Intersektionalitätsaspekten. Foto: Roth

Banner Full-Size

Für mehr Chancengleichheit in Musikberufen

Untertitel
Anna Theresa Roth ist neue Professorin für Geschlechterforschung in Detmold
Vorspann / Teaser

Ein heller Raum, ein Stuhlkreis, Kinder, die sich zur Musik bewegen. In solchen Szenen der Elementaren Musikpädagogik werden oft schon früh Weichen für spätere musikalische Bildungswege gestellt. „Was ich jetzt zum Beispiel nicht mehr machen würde, wenn ich mit Kindern arbeite: den Jungen zu sagen, sie sind Löwen, und den Mädchen, sie sind zwitschernde Vögel“, sagt eine EMP-Studentin. Was wie eine spielerische Regieanweisung wirkt, zeigt aber auch stereotype Rollenbilder auf, die Kinder früh verinnerlichen. Sie prägen ihre Wahrnehmung von sich selbst und ihre Vorstellungen davon, was ihnen offensteht. 

Publikationsdatum
Paragraphs
Text

Solche Zuschreibungen sind kein Einzelfall. Sie zei­gen sich oft in alltäglichen Kommentaren: Mädchen werden häufiger für ihr Aussehen gelobt, während bei Jungen Stärke oder Durchsetzungskraft betont werden. An Musikschulen als Orten, an denen viele musikalische Laufbahnen beginnen, setzen sich solche Muster in der Regel fort. Für Prof. Anna Theresa Roth ist das nicht verwunderlich, „Wir er­leben eine andere Person immer als geschlechtlich konnotiert – so wie uns auch.“ Aus dieser grund­legenden Wahrnehmung entstehen Erwartungen und Rollenbilder, die sich im musikalischen Lernen niederschlagen können. 

Besonders deutlich wird das in der Frage, welches Instrument „zu wem passt“. Über Jahrzehnte haben sich klare Zuschreibungen etabliert: Frauen an der Harfe, Männer an den Blechblasinstrumenten. Auch wenn die Praxis an Musikhochschulen heute viel­fältiger ist, wirken diese Bilder immer noch. Das hat Folgen für die Instrumentenwahl und damit auch für die Vielfalt im Musikleben. Die Hochschule für Musik Detmold hat darauf reagiert: Im Dezember 2025 wurde dort eine Professur für Geschlechter-und Intersektionalitätsforschung eingerichtet, ermöglicht durch ein Förderprogramm des Landes Nordrhein-Westfalen für Professuren mit Gender­denomination.

Bild
Frauen spielen eher Harfe als Männer – lassen sich Klischees wie diese aufbrechen? Foto: Pollmeier

Frauen spielen eher Harfe als Männer – lassen sich Klischees wie diese aufbrechen? Foto: Pollmeier

Text

Mit einer Finanzierung von 450.000 Euro über drei Jahre soll die Professur dazu beitragen, Geschlech­ter- und Diversitätsfragen stärker im Studium zu verankern. Anna Theresa Roth, die zuvor zu Gender und Musikpädagogik geforscht hat, richtet ihren Fokus besonders auf die außerschulischen Studien­gänge Instrumental- und Gesangspädagogik sowie Elementare Musikpädagogik. Hier werden Lehrkräfte ausgebildet, die später in Musikschulen arbeiten und Kinder an Musik heranführen – und damit früh Einfluss auf deren weitere Entwicklung nehmen. 

Diese frühen Erfahrungen spiegeln sich später in den Strukturen des Musiklebens wider. Statistiken zeigen, dass die geschlechterspezifische Verteilung von Instrumenten in Berufsorchestern weiterhin ungleich ist. Auch in Musikschulen und auf deren Leitungsebenen lassen sich entsprechende Muster erkennen. Sie reproduzieren sich teilweise selbst, da sie sich auch in den Hochschulen fortsetzen, aus denen ein Großteil des Personals hervorgeht. 

Ein zentraler Aspekt in Roths Forschung ist die Frage, wie stark geschlechtliche Zuschreibungen pädagogische Prozesse beeinflussen. „Der Prozess läuft eher unbewusst ab“, sagt sie. Kaum jemand würde von sich behaupten, Jungen und Mädchen unterschiedlich zu behandeln. Und doch zeigen sich Unterschiede, etwa in der Ansprache, in Er­wartungen oder in der Förderung. Besonders im Jugendalter verstärken sich diese Effekte: Während Mädchen häufiger von traditionellen Rollenbildern abweichen, stehen Jungen oft unter größerem Druck, ihre Männlichkeit zu behaupten, was ihre Entfaltungsmöglichkeiten einschränken kann. Um solche Mechanismen sichtbar zu machen, setzt Roth auf konkrete Analysen. In der Arbeit mit Stu­dierenden werden Unterrichtssituationen per Video ausgewertet, um das Bewusstsein für Rollenbilder zu schärfen. Dabei stehen vier Faktoren im Fokus: die Lehrkraft, die Schüler:innen, die Interaktion und der Unterrichtsgegenstand. Ziel ist es, angehende Lehrkräfte dazu zu befähigen, ihre eigene Praxis kritisch zu reflektieren und bewusster zu gestalten. 

Die Voraussetzungen dafür sind in Detmold günstig. Die musikpädagogischen Studiengänge arbeiten eng zusammen, zudem soll die Vernetzung mit anderen Einrichtungen weiter ausgebaut werden. Dazu zählt die Universität Paderborn, die am gemeinsamen Musikwissenschaftlichen Seminar eine Professur mit Genderschwerpunkt unterhält sowie das Netz­werk Frauen- und Geschlechterforschung NRW. Gleichzeitig betont Roth, dass Veränderungen Zeit brauchen: „Es ist wichtig, sich darüber im Klaren zu sein, dass wir alle selbst Teil dieses Systems sind.“ 

Ein erstes Forschungsprojekt plant sie im Bereich der musikalischen Früherziehung. Dort, wo Kinder erstmals mit Musik in Kontakt kommen. Gerade in diesen scheinbar offenen Lernsituationen entschei­det sich oft, welche Wege sich später eröffnen und welche vielleicht gar nicht erst in den Blick geraten.

Ort
Print-Rubriken