Die Modellregion Detmold ist – neben Wuppertal und Heinsberg – Teil des landesweiten Modellprojekts Talentförderung in Nordrhein-Westfalen. Diese Modellregionen wurden durch das Ministerium für Kultur und Wissenschaft des Landes Nordrhein-Westfalen initiiert und in Kooperation mit dem Landesverband der Musikschulen NRW umgesetzt. Ziel ist die systematische Vernetzung musikalischer Bildungsakteure, um Talente frühzeitig zu identifizieren und kontinuierlich zu fördern.
Klavier mal anders! Experimentelles Musizieren und die Anwendung im Unterricht. Foto: privat
„Klavier mal anders“
Die Modellregionen verbinden Institutionen verschiedener Bildungsstufen zu einer regionalen Infrastruktur musikalischer Bildung. Projektverantwortliche in Detmold sind die Hochschule für Musik Detmold und die Johannes-Brahms-Musikschule (JBM). Die Modellregion dient unter anderem als experimentelles Feld für neue Kooperationsformen zwischen den musikalischen Akteuren Detmolds, wie den allgemeinbildenden Schulen, Amateurmusikverbänden und den vielfältigen kulturellen Einrichtungen der Stadt. Aus ihr hervorgegangen ist das Netzwerk MusikLernen, das die institutionelle Verzahnung musikalischer Lernorte anstrebt. Ziel ist es, durchgängige Bildungsbiografien zu skizzieren und institutionelle Brüche zu reduzieren. Musikalische Bildungswege sollen transparenter werden durch die Entwicklung einer regionalen „Förderlandkarte“ musikalischer Angebote.
Die Hochschule für Musik Detmold übernimmt hierbei mehrere Funktionen: die wissenschaftliche Begleitung und Evaluation der entwickelten Vorhaben, den Transfer musikpädagogischer Forschung in schulische und musikschulische Praxis, die Einbindung von Studierenden in musikpädagogische Projekte und die Entwicklung innovativer didaktischer Formate der Talentförderung. Sie fungiert somit als Schnittstelle zwischen Forschung, Ausbildung und regionaler Bildungspraxis. Als exemplarisches Projekt innerhalb dieser Förderstruktur entstand auf Initiative von Prof. Reinhild Spiekermann das Projekt „Klavier mal anders“. Am 23. Juni 2025 hatte sie die Pianistin, Klavierpädagogin und Konzertmacherin Ji-Youn Song (Kassel) zu dem Workshop „Mein Klavier – GANZ – am Anfang. Methodische Anleitung zum experimentellen Musizieren“ in die Hochschule eingeladen, um mit ihren Studierenden der Klavierpädagogik Erweiterungen traditioneller Klavierdidaktik zu erproben. Ausgehend von diesem Workshop wurde gemeinsam mit dem Projektkoordinator der Modellregion Detmold und stellvertretenden Leiter der Johannes-Brahms- Musikschule Moritz Reuter ein innovatives Format entwickelt, in dem Klavierschüler:innen der JBM, deren Lehrpersonen und Studierende des Seminars Fachdidaktik Klavier in einem mehrwöchigen Zeitraum in verschiedenen Konstellationen kreative und explorative Zugänge zum Instrument entwickelten. Ji-Youn Song gab hierzu einen weiteren Workshop vor Ort in der Musikschule, um alle Akteur:innen auf das experimentelle Vorgehen einzustimmen und sich als prozessbegleitende Expertin vorzustellen. Mit dem Satz „Wie schön wäre es, wenn es im Baumarkt eine Abteilung ,John Cage‘ geben würde!“ wurden die beteiligten zwölf Klavierschüler:innen zwischen 8 und 27 Jahren, ihre fünf Lehrkräfte sowie die sieben Studierenden sofort in ihren Bann gezogen. Im Dialog entwickelten sie in den nachfolgenden acht Wochen ausdrucksstarke Kompositionen, die faszinierende Präparationen des Flügels erforderten, souverän den Innenraum des Flügels bespielten und dabei oft persönliche Geschichten der SchülerInnen erzählten. Aber auch Verfremdungen von vorhandenem klassischen Notenmaterial wurden getestet, teilweise unter Einbezug von elektronischen Mitteln. Alle Stücke wurden grafisch, bildlich oder auch in Mischform mit herkömmlicher Notation festgehalten. Am 16. Januar 2026 wurden alle künstlerischen Ergebnisse in der Hochschule präsentiert.
Didaktisch zielte das Projekt darauf ab, das Klavier nicht ausschließlich als reproduktives Instrument zur Interpretation, sondern als experimentelles Klang- und Ausdrucksmedium erfahrbar zu machen. Innerhalb der Modellregion erfüllte „Klavier mal anders“ gleich mehrere Funktionen: Talententdeckung durch niedrigschwellige Zugänge, Motivation von Kindern am Anfang ihres Unterrichts (und ohne klassische Klaviertradition), Förderung kreativer musikalischer Kompetenzen und die weitere Stärkung der langjährigen Verbindung von Musikschule und Hochschule. Es entspricht dem Konzept regionaler „Bildungslandschaften“, wenn musikalisches Lernen über institutionelle Grenzen hinweg organisiert werden kann. Der Erfolg des Projekts zeigt exemplarisch die innovative und praxisnahe Ausrichtung der Modellregion Detmold. Das Projektformat könnte als Schablone dienen für nachfolgende Kooperationsprojekte zwischen Musikschule(n) und Hochschule(n).
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