Das Sächsische Landesgymnasium für Musik in Dresden kommt in diesem Schuljahr aus dem Feiern gar nicht heraus. Neben dem 60. Geburtstag wird auch ein Jubiläum des Namensgebers begangen.
Es gehe nicht darum, eine riesige Karriere zu machen, sagt Emma Kuban, wenn sie über ihre mögliche Zukunft als Musikerin spricht. Das Gefühl beim gemeinsamen Musizieren lasse sich nicht wirklich beschreiben, meint die 18-Jährige. «Wenn ich jetzt in den Proben für das Crossover-Konzert sitze, fühle ich mich einfach wohl. Ich bin ein Teil von etwas, das klingt. Das ist ein unglaubliches Gefühl.»
Musizieren bringt ein «unglaubliches Gefühl»
Emma Kuban spielt Gitarre und lernt am Sächsischen Landesgymnasium für Musik in Dresden. Noch hat sie die Ausbildung nicht beendet, aber eines steht für sie schon fest. «Ich würde es immer wieder tun, an diese Schule kommen. Ich würde mich auch in jedem neuen Leben der Musik widmen.» Dass Musik eine Schule fürs Leben ist, muss man der Schülersprecherin nicht erklären. Ihren Eltern ist sie bis heute dankbar, dass sie ihr bei ihrem Traum so viel Beistand leisten.
Dabei hatte Emma nicht gerade die besten Ausgangsbedingungen für eine musikalische Ausbildung. Sie wuchs in Ostsachsen unweit der Kleinstadt Bischofswerda auf. Die Wege für Musikschüler sind in der Provinz lang. «Meine Eltern haben mich wirklich jede Woche nach Bautzen zur Big Band gefahren und dann wieder zurück, auch zum Musiktheoriekurs. Sie wollten mich fördern, weil sie wussten, ich möchte das, es tut mir gut.»
Bei Janus Taubert (19) war der musikalische Weg vorgezeichnet. Die Eltern verdienen ihre Brötchen als Musiker. In Leipzig mit seinen renommierten Musikinstitutionen war er ohnehin nah am Puls der Musikwelt. Vor eineinhalb Jahren kam er mit dem Hauptfach Fagott an das Landesgymnasium. Wie Emma Kuban wählte er das sogenannte Universalprofil, bei dem man Zusatzstunden in anderen Fächern bekommt. Bei Janus sind es Gesang, Klavier und Dirigieren.
Das Fagott als musikalisches Ventil
Bis jetzt sei das Fagott sein musikalisches Ventil gewesen, sagt Taubert. Doch inzwischen habe er gemerkt, welch großen Spaß ihm der Gesangsunterricht bereite und dass er sich das beruflich viel besser vorstellen könne. «Dementsprechend ist mein Plan jetzt aktuell, Gesang zu studieren und später eventuell irgendwo in einem Chor zu singen.»
Kuban tendiert mit ihrer Gitarre in Richtung Jazz und Rock. Pat Metheny und den Trompeter Miles Davis nennt sie spontan auf die Frage nach ihren Vorbildern. Klassik-Musiker hätten schnell ein bestimmtes Image weg, meint die 18-Jährige. Bei Jazz, Rock und Pop gelte man dagegen als lässiger Typ. Das sei aber ein Vorurteil. «Musiker sein ist auf jeden Fall harte, harte Arbeit. Viele Menschen sehen nicht, was dahintersteckt. Man muss sich tagtäglich immer wieder zum Üben aufrappeln, auch wenn man manchmal keinen Bock hat.»
Das Landesgymnasium für Musik trägt den Namen des Komponisten Carl Maria von Weber und ist ein Überbleibsel aus der DDR, wo junge Talente in Spezialschulen für Musik gefördert wurden. Außer in Dresden gibt es eine solche Lehranstalt heute nur noch in Weimar und in ähnlicher Form mit dem Bach-Gymnasium in Berlin. Die Einrichtung in Dresden nimmt maximal 150 Schülerinnen und Schüler auf. Sie müssen einen Eignungstest bestehen. Auf jeden Platz kommen doppelt so viele Bewerber.
Zahl der Plätze am Landesgymnasium ist auf 150 begrenzt
Momentan lernen hier 138 junge Leute, 70 Jungen und 68 Mädchen. Etwa ein Drittel von ihnen stammt aus Dresden und Umgebung, der Rest aus Sachsen, anderen Bundesländern und aus dem Ausland. Denn auch aus der Ferne kann man sich auf einen Platz für die kostenfreie Ausbildung bewerben. Der gute Ruf des Landesgymnasiums hat sich herumgesprochen. Nachwuchssorgen hat die Einrichtung nicht. Eine Insel der Glückseligen ist das Gymnasium dennoch nicht.
Probleme anderer Schulen im Freistaat wie Lehrermangel und Unterrichtsausfall kenne man zwar so nicht, räumt Schulleiter Joachim Rohrer ein. Allerdings gebe es etwa räumliche Engpässe. Das Gymnasium mit einem neunjährigen Abitur ist einzügig. Bei der musikalischen Ausbildung - pro Woche bis zu 15 Stunden - führt die Dresdner Musikhochschule Regie. Viele Abiturienten des Landesgymnasiums setzen später an einer Hochschule ihre Ausbildung fort.
Grundsätzlich kann man bis zur Klassenstufe 11 an das Landesgymnasium wechseln. «In der 5. Klasse starten wir meist mit kleinen Klassen», berichtet die künstlerische Direktorin Ekaterina Sapega-Klein. Bei Fünftklässlern sei der innere Antrieb für Musik noch nicht so ausgeprägt wie bei 14-Jährigen - «das Bewusstsein und Empfinden, dass Musik mein Weg ist». Ältere könnten sich auch besser vorstellen, weit weg von Zuhause im Internat zu leben.
In die allgemeine Klage, wonach das Niveau von Schülern immer mehr absinkt, stimmen Sapega-Klein und Rohrer nicht ein. Das musikalische Niveau steige, das lasse sich auch bei Wettbewerben wie «Jugend musiziert» sehen, sagt die Direktorin. «Andererseits merken wir, dass die allgemeine musikalische Bildung nachlässt - alles, was abseits des Instrumentes passiert, etwa Singen und Musiktheorie. In Familien wird heute wohl viel weniger gesungen als früher.»
Breite der musikalischen Vorbildung hat nachgelassen
Rohrer vermisst heute die Breite in der musikalischen Vorbildung. «Eine frühe Sozialisierung mit Musik gibt es häufig nicht mehr.» Früher hätten junge Leute in Chören schon viel Literatur kennengelernt. Heute kämen sie oft ohne Kenntnis der Chormusik von Brahms, Schütz oder Bach zur Hochschule. «Manche haben Techno-Musik im Kopfhörer, dann spielen sie eine Schubert-Sonate.» Darauf müssten sich die Ausbildungsstätten heute viel mehr einstellen.
2025 wurde das Landesgymnasium 60 Jahre alt. Gefeiert wird das ganze Schuljahr - auch der 200. Todestag von Namensgeber Carl Maria von Weber wird festlich begangen. Unter dem Motto «60 Jahre - 60 Orte» waren die jungen Gymnasiasten bereits vielerorts im Land zu erleben.
Am Montag folgt bei «Weber meets Jazz» ein Festkonzert im Dresdner Kulturpalast. Vom Eintritt ins Rentenalter scheint das Gymnasium bei all der jugendlichen Frische jedenfalls noch weit entfernt.