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Nicola L. Hein (links) und Rodrigo Costanzo beim Nachtkonzert. Foto: Karger

Nicola L. Hein (links) und Rodrigo Costanzo beim Nachtkonzert. Foto: Karger

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Was ist echt, was ist authentisch?

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Bei der 79. Frühjahrstagung des Instituts für Neue Musik und Musikerziehung blieben Fragen offen
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Zum Thema „echt“ lud das Institut für Neue Musik und Musikerziehung nach Darmstadt zu seiner 79. Frühjahrstagung. Das Motto gestattet vielfältige Assoziationen, und der komplizierte Einladungstext umfasste 25 Sätze. Trotz lohnender Vorträge, Workshops und Konzerte ging der zarte rote Faden in der Akademie für Tonkunst im Lauf der Tagung schnell verloren. Dies lag vermutlich weniger an den Inhalten als an der Dramaturgie der Veranstaltung.

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Mit dem Begriff „echt“ verbinden sich gleich zwei gesellschaftliche Aufreger-Themen. Das eine ist der Authentizitätdiskurs, oft verbunden mit Begriffen wie „Identität“ und „kulturelle Aneignung“. An ihn wagte sich im allerletzten Vortrag der Tagung Lukas Bugiel, Professor für Musikpädagogik in Dresden. Seine drängende Frage nach Authentizität im schulischen Musikunterricht rührt an ein ernsthaftes Problem – soll dieser doch eine Vielfalt gegenwärtiger und vergangener Musikkulturen in den Blick nehmen und vermitteln, die auf Lehrerseite niemand allesamt gleich gut kennt.

Wer glaubt, von Spezialgebieten wie HipHop oder Neuer Musik nichts zu verstehen und als Lehrerpersönlichkeit nicht dafür einstehen zu können, überspringt im Zweifelsfall lieber das entsprechende Lehrplankapitel. Zugleich drückt sich der Schulbetrieb vor der Komplexität von Gegenständen und Praxen; er vereinfacht, er verfälscht, er weicht aus. „Die da“ von den Fantastischen Vier, so der Referent, sei zum Beispiel kein authentischer HipHop, weil ihm die Erfahrung soziokultureller Ausgrenzung nicht eingeschrieben sei – was nicht heiße, dass der Titel schlechte Musik sei.

Bugiel stellte die These auf, musikalische Authentizität sei im Unterricht wichtiger als die Authentizität der Selbstinszenierung. Darüber hätte man diskutieren können, hätte sich nicht gleich herausgestellt, dass „authentisch“ eben doch als ethisches und ästhetisches Urteil wahrgenommen wird. An keiner Stelle der Tagung waren die Wortmeldungen so vielfältig und so dringlich wie in der letzten Viertelstunde vor Schluss. Im Nachhinein wäre es geschickter gewesen, den Stier zu Beginn an den Hörnern zu packen als ihn in letzter Minute auf die Wiese stürmen zu lassen.

„Die Wirklichkeit der Bilder schiebt sich vor unser Bild der Wirklichkeit.“ Mit diesem Satz sprach Robin Hoffmann, Komponist und Vorstandsvorsitzender des Instituts in der Einladung die historisch neue Dimension medialer Verstörung an. Hier ging die Veranstaltungsregie offensiv vor und beauftragte Petra Gehring, Professorin für Philosophie an der TU Darmstadt und Leiterin des hessischen Zentrums verantwortungsbewusste Digitalisierung, mit einem Einführungsvortrag über generative KI.

Gehring kritisierte vorab schon den Begriff „Intelligenz“; er enthalte „schlechte Formen vergangener Psychologie“. Die Vorspiegelung von Menschenähnlichkeit sei schon seit den 1950er Jahren eine beliebte Werbestrategie, aber letztlich Bluff, und das Kriterium „Wahr oder falsch?“ fragwürdig. Die KI bilde nicht ab, sondern konstruiere Aussagen aus pulverisiertem Wissen entfernt von jedem Weltbezug. Sie sei ein synthetisches Produkt. Sie fingiere und halluziniere, werde aber genieästhetisch verklärt und mit Allmachtsphantasien verbunden und gleichzeitig zur Abkürzung von Bildungsprozessen genutzt. Dabei bediene sie sich inzwischen schon zu 80 Prozent KI-generierter Texte, mit steigender Tendenz. Zur Zukunftsvorstellung, denkfaule Schülerinnen und Schüler würden künftig ihre Hausaufgaben mittels KI erledigen und bequeme Lehrkräfte diese dann von der KI korrigieren lassen, sagte Gehring: „Dann kann man das Lernen wirklich vergessen und sollte ernsthaft über den Stromverbrauch nachdenken.“ Sie wundere sich über die Beliebigkeit im deutschen Schulsystem.

Über die anthropologischen, pädagogischen, ökologischen und künstlerischen Herausforderungen durch den KI-Boom gäbe es viel nachzudenken, und es kamen zahlreiche Nachfragen. Doch die Folgevorträge waren dazu angetan, dass Problembewusstsein wieder einzudampfen. Dem sehr anschaulichen und informativen Beitrag von Henry Keazor, Professor für Neuere und Neueste Kunstgeschichte an der Universität Heidelberg, zur „Wahrheit der Kunst in Zeiten der Täuschung“ konnte man die fast beruhigende Gewissheit entnehmen, dass Fälschung seit jeher zur Geschichte der Kunst gehört. Und dass, wie der Komponist und ehemalige HR-Redakteur Bernd Leukert ausführte, akusmatische Musik, die im Studio gestaltet und im Konzertsaal projiziert wird, vorgefundene Materialien in einem neuen Zusammenhang inszeniert, ist ja durch das Verfahren gegeben und nicht weiter verwunderlich.

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Paul Whittaker beim Gebärden von Musik. Foto: Astrid Karger

Paul Whittaker beim Gebärden von Musik. Foto: Astrid Karger

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Irritierend wirkte dann aber das Nachtkonzert im Keller des Darmstädter Jazz-Instituts mit zwei Solo-Nummern. Rodrigo Costanzo (Manchester) interagierte mit seiner Snare Drum und seinem digitalen Equipment, und danach Nicola L. Hein (Lübeck) ausdrücklich als „Mensch-Maschine-System“ mit seiner E-Gitarre und seinem eigenen „Software-Agenten“. Beides Mal erlebte man hohe instrumentale Virtuosität in doppeltem Sinn, freilich in der introvertierten Haltung des Technik-Freaks, der sich ganz auf sein Gerät konzentriert und dabei eigentlich kein Publikum braucht. Das klanglich-geräuschhafte Ergebnis ließ wenig wiederkehrende Strukturen erkennen, war für das Kellergewölbe sehr laut und im zweiten Set durchaus aggressiv. Wer Jimi Hendrix’ verzerrende E-Gitarren-Version der US-Nationalhymne als Zeitdokument des Vietnamkriegs im Ohr hat, der konnte bei Hein den Eindruck haben, der musikalischen Spiegelung von Donald Trumps kriegerischen Vernichtungsfantasien beizuwohnen.

Wie sollten diese beiden Musiker in einem dritten Set miteinander improvisieren? Lange spielte jeder vor sich hin, aber dann gab es doch einen Seitenblick von Hein, ein Sich-Annähern – und am Schluss gar eine fast amüsante Phase, in der die beiden gründlich miteinander ausloteten, wann ihr Stück denn nun zu Ende sei. Die Mehrheit des Publikums hatte sich da schon sukzessive aus dem Keller des Jazzinstituts davongeschlichen – in der irrigen Annahme wohl, es käme nichts Neues, Menschliches mehr. Thematisiert wurde dieser Abend im Programm leider nicht.

Durchaus reizvoll war die Idee, im Rahmen des Komponistenporträts Rebecca Saunders zwei kontrastierende Vorträge einander gegenüber zu stellen. Julia Kursell, Professorin für Musikwissenschaft in Amsterdam, beschäftigte sich auf ziemlich abstraktem Niveau mit Fragen der angemessenen Terminologie im Beschreiben von Saunders’ Musik. Tina Vogel, Gymnasiallehrerin in Stuttgart mit musikwissenschaftlichem Hintergrund, steuerte einen lebendigen und ungeschminkten Beitrag zu Möglichkeiten und Grenzen ihrer Vermittlung im Schulalltag bei. Wie bereichernd wäre gerade hier das in früheren Tagen praktizierte Format der Lecture-Performance gewesen, bei dem „echt“ erklingende Musik auch „echt“ zur Sprache kommt!

Ungemein bereichernd und voller konkreter Beispiele war der Vortrag des englischen Musikpädagogen, Organisten und Pianisten Paul Whittaker. Er ist von Geburt an taub, nimmt Musik in allererster Linie visuell wahr und gilt inzwischen als Pionier ihrer Vermittlung durch Gebärdensprache. Deren Gelingen verlangt einen reflektierten Einblick in die musikalischen Strukturen und hohes kommunikatives Einfühlungsvermögen. Was das bedeutet, konnte man im Workshop des inklusiv arbeitenden Musiktheater-Kollektivs „(in)operabilities“ ansatzweise auch praktisch erfahren.

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