Geht es in der Politik um die Verteilung von Geld und Ressourcen, fällt die freie Kulturszene regelmäßig unter den Tisch. Aktivrente? Nicht anwendbar auf Freiberufler:innen. Reisefreiheit während der Pandemie? Für den Sport ja, für die Kultur (vorerst) nein. Mindestlohn? Schwer umsetzbar für freie Gruppen, die die höheren Kosten nicht einfach durch Ticketverkäufe ausgleichen können. Dazu entscheiden Politiker:innen in Zeiten knapper Kassen allzu oft, im Bereich der freien Kultur und Projektförderung die Mittel zu streichen – das aber führt explizit hier zu unmittelbaren Programmabsagen und Ausfällen, zu Arbeitslosigkeit, Insolvenzen und Armut. Die Stärke der freien Szene – ihre Größe, Flexibilität, Freiheit und Ungebundenheit – wird also im Handumdrehen zu ihrer Schwäche. Oder?
Keine Ensemblelandschaft ohne FREO
Nicht unbedingt. Das zeigt zumindest mit Blick auf die freien Ensembles und Orchester die Entwicklung der vergangenen zehn Jahre: Nicht die Freiheit, nicht die Ungebundenheit ist das Problem, sondern mangelnde Sicht- und Hörbarkeit und fehlendes Bewusstsein an den Orten, an denen die entsprechenden Entscheidungen getroffen werden. Die Kultur-und Förderpolitik orientiert sich nämlich an den Strukturen und Arbeitsbedingungen großer Institutionen und staatlich getragener Orchester, an deren Berufsbildern und Förderbedarfen – nicht an der Realität von freier Produktion und künstlerischer Arbeit. In seiner Studie „Die deutsche Orchesterlandschaft“ spricht Martin Rempe mit Blick auf Musikarbeit deshalb von einer Zweiklassengesellschaft, die sich „im Laufe des 20. Jahrhunderts (…) zwischen abhängig Beschäftigten und Freischaffenden herausgebildet“ hat. Den Grund dafür sieht er darin, „dass (…) die abhängig Beschäftigten sich auf eine starke Interessenrepräsentation stützen konnten, während freischaffende Musiker*innen nach 1945 lange Zeit schwach oder gar nicht organisiert waren.“
In aller Brutalität zeigten sich die langwierigen Folgen dieser fehlenden Sichtbarkeit während der Corona- Pandemie: Die Soforthilfe des Bundes etwa, die Anfang 2020 beschlossen wurde, half Freiberufler:innen und Solo-Selbstständigen, genau wie kleinen Unternehmen kaum – die Vorgaben berücksichtigten zwar Mietkosten etwa für Ateliers, schlossen aber das Wesentliche, die Lebenshaltungskosten, kategorisch aus. Die Überbrückungshilfe II dann, die Ende 2020 kam, dachte die Realität der Solo-Selbstständigen wieder nicht mit: fixe Betriebskosten (die viele Solo-Selbstständige nicht haben) wurden übernommen, ein Unternehmer:innenlohn dagegen nicht. Dazu blieb lange unklar, ob die verschiedenen Hilfsmaßnahmen überhaupt miteinander kombinierbar waren.
Stimmen bündeln
Wie artikulieren sich nun die vielen Tausend Betroffenen, die keine großen Institutionen oder Gewerkschaften im Rücken haben, die für sie in die Bresche springen? Wie bündeln sie ihre Stimmen, um nicht als „Einzelfälle“ wegignoriert zu werden? „Es war eine glückliche Fügung, dass wir FREO noch vor der Pandemie gegründet haben“, sagt Christian Fausch, Geschäftsführer des Ensemble Modern und Vorsitzender von FREO. „Ich will mir gar nicht vorstellen, wie diese Zeit gewesen wäre für die vielen Ensembles, wenn sie diese Quelle nicht gehabt hätten.“ Das Ensemble electronic ID zum Beispiel trat erst 2019, kurz vor Ausbruch der Pandemie, FREO bei: „Der Informationsaustausch, der dadurch möglich war, hat uns alle gerettet“, sagt Sarah Heemann, Flötistin bei electronic ID und Vorstand von FREO. „Wäre der Verband da erst in der Findungs- oder Organisationsphase gewesen und noch nicht so fest und etabliert, ich glaube, dann hätten wir ein großes Problem bekommen.“
Sechs Jahre lang konnte sich FREO e.V. schon einspielen und etablieren, bevor es 2020 dann endgültig ernst wurde: „Es gab schon 2013 eine erste Arbeitsgemeinschaft freier Ensembles, wo sich die ,alten Hasen‘ der Szene erstmalig zusammengesetzt haben“, erzählt Lena Krause, Geschäftsführerin von FREO. „Denen ist zum Beispiel aufgefallen, dass Personen, die bei Kongressen und entsprechenden Veranstaltungen mit politischen Themen waren, nie für ein einzelnes Unternehmen die Stimme erhoben haben – sondern immer für einen Verband, für eine Interessenvertretung. Dann wurden sie angehört. Sonst nicht.“ Die Themen, die für diese alteingesessenen Ensembles zu dieser Zeit im Mittelpunkt standen, gingen zum Beispiel aus einem anstehenden Generationenwechsel hervor: „Ein Aspekt, an den ich mich sehr stark erinnere, ist das Thema Altersvorsorge und Absicherung von freien Musiker:innen“, sagt Christian Fausch, der die Vereinsgründung miterlebt hat. „Und das ist ja bis heute nicht überall angekommen, es gibt noch immer viel Nachholbedarf.“ In der Pressemitteilung der Kickoff-Veranstaltung zur Gründung des Vereins von 2018 heißt es dementsprechend: „Themen von FREO sind unter anderem die Fördersystematik, die soziale Absicherung der Musiker:innen und Fragen des internationalen Steuerrechts. Darüber hinaus wird FREO über die Arbeitsrealitäten freier Klangkörper informieren und sich im Dialog und Diskurs mit Politik und Öffentlichkeit vermittelnd und fordernd für die Szene einsetzen.“
Kraft der Vernetzung
Christian Fausch erinnert sich gern an den Geist zurück, der die ersten Vernetzungstreffen umwehte: „Die Grundessenz war damals, dass die freien Ensembles erkannt haben: Wir arbeiten alle schön brav in unserem Gärtchen und haben durchaus hier und dort miteinander Kontakt. Aber wir nutzen die vernetzte Kraft nicht, die wir entwickeln könnten.“ Das bedeutete damals einen Paradigmenwechsel: „In den Köpfen der Ensemblemanagements hat ein Umdenken stattgefunden: Wir können zusammen mehr erreichen, und wir sollten das auch tun“, erzählt Christian Fausch. „Ich habe diese Gespräche in extrem schöner Erinnerung, weil es zum ersten Mal einen Zusammenhalt untereinander gegeben hat. Natürlich sind wir alle in einem ähnlichen Markt unterwegs und werden damit auch zu Konkurrenten. Aber gleichzeitig können wir Verbündete sein.“
Als Kölnerin kennt Sarah Heemann die Vorteile dieser Art der Vernetzung – dort arbeiten freie Kulturschaffende schon länger in gemeinsamen Initiativen wie dem IFM (Initiativkreis Freie Musik) zusammen. „Wir kommen also aus einer Kultur, in der klar ist: Es macht keinen Sinn, sich um die Krümel zu streiten, wenn der Kuchen viel zu klein ist“, sagt sie. „Gleichzeitig gab es bei entsprechenden Veranstaltungen immer wieder auch Stimmen von Leuten, die gesagt haben: Ja, aber wir sind doch Konkurrenten.“
Sie selbst glaubt allerdings nicht daran, „dass uns Schaden zugefügt wird, wenn wir uns bei übergeordneten Themen mit Informationen auf die Beine helfen.“ Am Ende bestehe die Konkurrenz auf einer inhaltlichen Ebene, und demzufolge sollte auch der Inhalt der ausschlaggebende Faktor sein, der überzeugt: „Wir saßen vor einiger Zeit mit neun anderen Kölner Ensembles zusammen und haben, jedes Ensemble für sich, die Kernthesen der eigenen Arbeit und die Kernpositionen ausgetauscht. Da haben wir festgestellt: Wir sind am Ende doch extrem unterschiedlich. Also wo genau soll das Problem liegen?“
In Bremen hat sich Barbara Heindlmeier mit ihrem Ensemble La Ninfea für FREO entschieden, „weil wir von wenigen Einzelprojekten gewechselt sind zu sehr vielen Projekten und Engagements. Da muss man anders nachdenken über Dinge wie Altersvorsorge.“ Mit der Unterstützung des Bundesverbandes hat Barbara Heindlmeier zusammen mit anderen Ensemblemanager:innen ein entsprechendes lokales Netzwerk gegründet, mit Fokus auf Bremen: den Freie Ensembles Bremen e.V. – kurz FREB. „Wir haben nach einem gemeinsamen Festival festgestellt, dass es wirklich schön ist, gemeinsam zu produzieren, sich gemeinsam zu zeigen und anders gehört und wahrgenommen zu werden“, sagt sie. „Ich möchte mir ehrlich gesagt keine Ensemblelandschaft mehr vorstellen ohne FREO.“
Woher aber kommt überhaupt dieses hartnäckige Gefühl, sich ewig im Wettbewerb zueinander zu befinden? Andere freie Subszenen, wie etwa die bildende Kunst, Theater- oder Performanceszene, haben sich schließlich schon früher in Netzwerken wie dem Bundesverband Freie Darstellende Künste (seit 1990), dem Bundesverband Bildender Künstlerinnen und Künstler (seit 1971) oder Art but fair (seit 2013) organisiert – „viel früher und viel lauter“, wie Christian Fausch sagt. „Und das war ein wichtiger Impuls, das von außen gespiegelt zu bekommen.“ Dieses Konkurrenzdenken, sagt Sarah Heemann, „mag vielleicht daran liegen, dass man als Musiker:in erst einmal das Studium im stillen Kämmerlein verbringt und wirklich für sich allein arbeitet und übt. Man wird von Beginn an dahin erzogen, irgendwann mal ein Probespiel zu gewinnen, man wächst auf mit dem Glauben daran, dass man es alleine schaffen muss – während du als Theatermensch von Anfang an in Ensembles arbeitest.“ Das habe Folgen für das ganze Berufsleben: „Dieses alleine Stehen, das ist für Schauspieler:innen eher die Ausnahme als bei uns“, sagt Sarah Heemann. „Das beobachte ich auch bei Preisverleihungen – wie sehr die in der Lage sind einander zu feiern und zu unterstützen, und man selbst sitzt daneben und denkt sich, ich wünschte mir eine einzige Preisverleihung, bei der die Szene ihre Leute feiert, selbst wenn sie vielleicht nicht zu den Gewinner:innen gehören.“
Mit der Gründung des Vereins, das wird in den Gesprächen über FREO klar, haben die freien Ensembles nach und nach begonnen, sich einerseits von diesem tiefsitzenden Konkurrenzdenken zu emanzipieren – und andererseits überwinden sie auf diese Weise ihre politische Sprachlosigkeit. Zumindest tut sich etwas: „Ich würde mir ehrlich gesagt noch mehr Gespräche mit Kolleg:innen wünschen“, sagt Barbara Heindlmeier. „Mehr Austausch, mehr Informationsfluss. Häufig werden Anliegen zu FREB getragen, die aber eher ein Anliegen für alle auf Bundesebene wäre. Ich gebe das dann gerne weiter – aber genauso schön wäre es, wenn die Ensembles auch direkt miteinander sprächen, und uns daraus folgend noch mehr Informationen und Ideen aus der breiten Ebene erreichen würden.“
Neustart Kultur
Die Erfolge der Vernetzung und der Kämpfe, die FREO ausgefochten hat, sind messbar: „Das NEUSTART KULTUR-Programm für freie Musikensembles haben wir erkämpft“, sagt Lena Krause. „In der ersten Kulturmilliarde waren die freien Ensembles nicht berücksichtigt, und es hat auch nicht geklappt, sie da nachträglich mit reinzukriegen.“ Also schlug FREO vor: „Wir wäre es mit einem eigenen Programm? Wir haben den Deutschen Musikrat mit reingeholt und nochmal richtig lobbyiert, und dann wurden es am Ende 35 Millionen, von denen 379 freie Ensembles gefördert werden konnten.“ FREO, sagt Lena Krause, hat das NEUSTART KULTUR-Programm, so gesehen, mit ausgehandelt. „Und dann kam die Einreiseverordnung“, sagt Sebastian Haas, Leitung der Geschäftsstelle und Kommunikation von FREO. „Da gab es während der Pandemie eine Ausnahmeregelung für den Sport, aber nicht für Kultur. Da haben wir acht Monate lang mit allen möglichen Leuten geschrieben und verhandelt, wir haben richtig die E-Mail-Postfächer geflutet. Und irgendwann kam die Nachricht, dass es eine Ausnahmeregelung auch für Kultur geben wird.“
Im März 2024 liefert der Verein dann die erste Grundlagenstudie zur freien Ensemble- und Orchesterszene in Deutschland: „Es war eine Idee der ersten FREO-Stunde, die vielen Datenlücken zu schließen, die es gibt“, sagt Lena Krause. Also: Wie viele freie Klangkörper gibt es überhaupt in Deutschland? Welche Rechtsformen haben sie, wie sind sie aufgestellt und organisiert? Wie finanzieren sie sich, wie arbeiten sie? Wie steht es um ihre finanzielle Situation, um ihre Sorgen und die Herausforderungen, mit denen sie tagtäglich zu kämpfen haben?
„Um dieses Level an Engagement und auch Sichtbarkeit halten zu können, werden wir strukturell, also auch personell, wachsen müssen“, sagt Lena Krause.
Vielleicht schafft FREO es dann ja sogar über die Landesgrenzen hinaus: „Eine der großen Ideen für die Zukunft, die uns schon lange begleitet, ist ein europäisches Ensemble-Netzwerk.“ Die ersten Weichen dafür sind schon gestellt.
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