Wenn ein DDR-Theaterbau zum Denkmal wird


21.06.22 -
Schwedt - Die Uckermärkischen Bühnen Schwedt sind jetzt ein Denkmal der Ostmoderne. Die für Stadt und Theater überraschende Entscheidung des Landesamtes für Denkmalpflege verhindert vorerst eine dringende Sanierung des größten Gebäudes der Stadt. Freude kommt da nicht auf.
21.06.2022 - Von dpa, Jeanette Bederke, KIZ

Wer das Foyer der Uckermärkischen Bühnen Schwedt (ubs) betritt, fühlt sich unwillkürlich an den ehemaligen «Palast der Republik» in Berlin erinnert: Der Blick konzentriert sich sofort auf eine tief von der Decke hängende Lampeninstallation aus vernickelten Stahlröhren, zu quadratischen Gebilden zusammen gesetzt. An drei Seiten verglast, dominiert die innere Längswand des Raumes das monumentale Wandbild «Triumph des Todes - Triumph des Lebens» des renommierten DDR-Künstlers Ronald Paris. Wird das Foyer abends beleuchtet, kann das Kunstwerk bereits von der Schwedter Magistrale aus betrachtet werden, die direkt auf das Theater zuführt.

Das umfangreiche künstlerische Interieur, zu dem mehrere großformatige Wandbilder und auch ein «eiserner Vorhang» aus Relief-Kupferplatten im großen Saal gehört, ist ein Grund dafür, dass das Brandenburgische Landesamt für Denkmalpflege den Theaterbau aus den 1970er Jahren im vergangenen Jahr unter Denkmalschutz gestellt hat. «Das ehemalige Kulturhaus Schwedt spiegelt wichtige Etappen der DDR-Kulturpolitik wieder. Am Industriestandort Schwedt bildet es in dieser Größe zugleich eine Ausnahme und zeugt von der herausgehobenen Stellung der Stadt im Wirtschaftsleben der DDR», begründet Julia Gerber, Sprecherin der Behörde. Trotz baulicher Veränderungen im Laufe der Jahre seien zahlreiche Bau- und Ausstattungselemente erhalten und würden die Ostmoderne dokumentieren, sagt sie.

Dessen ist sich auch Theater-Intendant André Nicke bewusst. Dennoch würde er gern die Arbeitsbedingungen seiner Mitarbeiter verbessern, das Haus energetisch sanieren, die aus dem Baujahr 1978 stammenden Garderoben und Sanitäranlagen modernisieren. «Weil das Haus aber jetzt ein Denkmal ist, hat alles Bestandsschutz. Wir müssen selbst beantragen, wenn wir nur eine Wand streichen wollen», macht er die Misere deutlich. Ein rund 12 Millionen Sanierungskonzept war bereits erarbeitet, Fördermitteltöpfe standen bereit, ein Bauantrag sollte im Mai vergangenen Jahres eigentlich von der Stadt Schwedt bewilligt werden. Die Prüfung des Denkmalstatus führte zum Stopp aller Pläne.

Der Denkmalschutz sei für Schwedt völlig überraschend gewesen, bestätigt Hans-Joachim Höppner (CDU), Vorsitzender der Schwedter Stadtverordnetenversammlung. Angesichts der steigenden Energiepreise sei gerade eine energetische Sanierung des Theaters dringend geboten. «Wenn der Denkmalschutz die Funktionalität und Nutzung des Hauses stark einschränkt, fehlt mir dafür jegliches Verständnis.» Nachdem daraufhin die Fördermittelgeber absprangen, musste das Parlament seiner Ansicht nach «die Reißleine zeihen». Höppner hofft, dass spätestens Ende des Jahres eine neue Grundsatzentscheidung zum Theater getroffen werden könne, um neue Fördermittel zu beantragen.

«Je länger wir mit der Sanierung warten, umso maroder wird alles. Ganz zu schweigen von den steigenden Baukosten», mahnt Nicke. Nun aber müsse er als Auflage des Landesamtes eine Denkmal-Grunddokumentation erstellen lassen, um den Bestand aufzulisten. Die koste rund 100 000 Euro und müsse aus Rücklagen des Theaters finanziert werden. «Die Stadt ist zwar Eigentümer des Hauses, wir aber sind wirtschaftlich eigenverantwortlich», erklärt der Intendant, der das fehlende Engagement der Kommune bemängelt. Das Theater werde von den Schwedtern geliebt und sei das größte repräsentative Gebäude in der Stadt. «Dafür braucht es ein Unterhaltungsmanagement, was es aber nicht gibt», macht er deutlich.

Nicke kritisiert auch, dass die «Ostvergangenheit» der Industriestadt, über Jahrzehnte geprägt durch die PCK Raffinerie, nie aufgearbeitet worden sei - auch die des Theaters nicht, das mit dem Werk verbunden sei. 1978 war der damals moderne Bau an die Stelle des in den 1960er Jahren abgerissenen Markgrafen-Schlosses am Ufer der Alten Oder gebaut worden, um den kulturellen Bedarf der schnell wachsenden Industriestadt mit dem Petrolchemischen Kombinat zu decken. Er zeigt Verständnis dafür, dass die Stadtverwaltung aktuell vor allem um eine Zukunft des Industriestandortes kämpft. Durch den Entschluss der Bundesregierung, kein russisches Erdöl mehr zu importieren, ist sie in Frage gestellt. Der Theater-Intendant hat eine Gesprächsreihe «Zukunft jetzt!» initiiert, in der es nicht nur um das PCK geht soll, sondern um die Transformation der ganzen Stadt.

Während viele Schwedter von Existenzängsten geplagt sind, bleibt Nickes optimistischer Tenor: «Einer muss es ja tun». Schließlich gebe es in der Bundesregierung Überlegungen für einen Strukturfonds Schwedt, der vielleicht noch eher umgesetzt werden könnte als der in der Lausitz, glaubt er. «Dann fließen hier möglicherweise ganz andere Mittel - auch für das Theater», hofft der Intendant, der im kommenden Jahr neue Baupläne unter Denkmalschutzauflagen auf den Tisch legen will. Einen Baubeginn zur Sanierung werde es aber wohl nicht vor 2025 geben, meint er.

 

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