Ich beginne heute sehr vorsichtig, weil ich weiß, dass das Thema missverstanden werden kann…kann es sein, dass wir in der musikalischen Förderung unseren eigenen Nachwuchs vernachlässigen? – Und das meine ich jetzt nicht in irgendeinem schrecklichen MAGA-Sinn – man sollte mich gut genug kennen, um zu wissen, dass mir das ein absoluter Graus wäre.
Moritz Eggert.
Der eigene Garten
Ich bin tatsächlich sehr glücklich, in einem der kulturell weltoffensten Länder der Welt zu leben. Ich finde es fantastisch, dass sich Studierende aus aller Welt an unseren Hochschulen bewerben, und ich finde es grandios, dass viele von ihnen sich entscheiden, in Deutschland zu bleiben, um hier ihr Talent einzusetzen (was ihnen in ihren eigenen Ländern – zum Beispiel dem Iran – oft verwehrt ist). Unser Land ist erfreulich offen für ausländische Talente und fördert diese auch.
Für unsere Kulturszene ist diese kosmopolitische Situation hervorragend. Dennoch mache ich mir Sorgen um unseren eigenen Nachwuchs. Nicht aus irgendeiner nationalistischen Ideologie heraus, sondern deswegen, weil es schon auch etwas wie eine landeseigene künstlerische Identität gibt und dies keineswegs etwas Schlechtes ist. Wir empfinden etwa Spektralmusik als spezifisch „französisch“, Minimal Music als „amerikanisch“, und das ist nicht abwertend gemeint. Vielmehr haben diese landesgeprägten Stile in anderen Ländern einen Widerhall gefunden, der sich dann mit der dortigen Identität vermischt und wieder eigene Ausprägungen entwickelt hat. Das finde ich schön, weil so die Welt mittels Kultur miteinander kommuniziert, über Grenzen hinweg.
Was ist aber im Moment musikalisch typisch „deutsch“? Das ist tatsächlich gar nicht so leicht zu sagen. In gewisser Weise hat sich die deutsche Musikszene in den letzten Jahrzehnten eher weggeduckt, was eine eigene ausgeprägte Identität angeht. Berühmte eigene Namen gibt es, zweifelsohne, aber manchmal werden diese dennoch erstaunlich stiefmütterlich behandelt, wenn es um große Aufträge oder Förderungen geht. Kommt das aus einer gewissen Scham vor der Vergangenheit heraus (was verständlich wäre)? Bei manchen Neue-Musik-Festivals muss man heimische Namen inzwischen schon mit der Lupe suchen.
Das ist auf jeden Fall auf Dauer nicht gesund, auch nicht für die, die hier leben und arbeiten und nicht aus unserem Land sind. Denn in was für einem Raum bewegen sie sich kulturell und sozial, mit welcher Identität interagieren sie? Auch ein Beethoven war einst ein „Zugereister“ in Wien, die Kommunikation mit der dort sehr ausgeprägten und für ihn auch fremden Identität war ein entscheidender Einfluss in seinem Werk, das dadurch eher gewann. Wäre Beethoven derselbe gewesen, wenn er immer in Bonn geblieben wäre?
Wenn ich Schulklassen besuche, merke ich, dass unserem eigenen Nachwuchs das Metier der klassischen Musik oft fremd ist. An unseren Hochschulen bewerben sich immer weniger junge Menschen aus unserem eigenen Land, im Fach Komposition nach wie vor so gut wie nie Frauen. Man kann das unserer Bildung ankreiden, aber ich glaube, dass das nur Teil des Problems ist. Unsere eigenen Talente sind nicht genug im Fokus, was ja auch als Vorbild und Anregung dienen würde.
Wie gesagt, schwieriges Thema. Aber eines, das wir angehen müssten, denn sonst können wir irgendwann nicht mehr das anbieten, weswegen so viele zu uns kommen.
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