Hauptbild
Theo Geißler. Gemälde von Anneliese von Markreither. Foto: Theo Geißler

Theo Geißler. Gemälde von Anneliese von Markreither. Foto: Theo Geißler

Hauptrubrik
Banner Full-Size

Theos Kurz-Schluss: Wie ich einmal erkennen musste, dass es jede Menge ganz anderer Erkenntnis gibt

Vorspann / Teaser

Es reicht. Ungefähr zwanzig Jahre lang habe ich versucht, an dieser Stelle die für meine individuelle Wahrnehmung faktisch erkennbare Realität so reizvoll wiederzugeben, dass Fehler und Macken in den Feldern Kultur, Kunst und Politik auch von noch so einseitig fanatisierten Funktionärinnen und Funktionären erkannt und ausgebessert werden konnten. Nach einem Volltreffer durch einen nordkoreanischen Silvesterböller wurde mein kalkstarres Neuronenfluss-System offenbar so kräftig durchgeschüttelt und beweglich gemacht, dass mir pythiamäßig ein ganz anderer alle Sinne konzentrierender freier Blick auf das nächste Jahr, also 2027, sich eröffnete. So wird es werden:

Publikationsdatum
Paragraphs
Text

2027 — The Glow Age: Die Welt hat den Reset-Button gedrückt. Kein WLAN verpestet mit kranken, perversen Bits-and-Bytes mehr die friedlich-cleane Atmosphäre, kein endloser Scroll durch die Bedeutungslosigkeit ausbeuterischer Ideologien. Stattdessen: pure Vibes, natural Flow, Soft Power. Die Menschen schauen wieder nach oben – nicht aufs Display, sondern in den Himmel. Die Sonne hat wieder schleierfreie Kraft, der Wind schreibt kollektives Wissen eindrücklich auf die Haut. Keine Maschinen derangieren die Emotionen. Kein Algorithmus diktiert den Tagesablauf. Kein Trump, kein Putin, keine künstlichen Leader, die reden, um zu herrschen. Die Menschheit hat sich detoxed – digital, sozial, spirituell. Im Jahr 2027 zittert keine Luft mehr vom Brummeln der Server, kein Finger streicht über kalte Tastaturen, kein Herz pocht nach dem Rhythmus maschineller Benachrichtigungen. Stattdessen singen die Lüfte wieder. Der Wind trägt Stimmen, das Lachen von Menschen, die sich in die Augen sehen, anstatt auf Bildschirme. Die neue Erde atmet wieder menschlich – mit warmem Atem, der nach Schwarzbrot, Haut und Heu duftet.

Kultur ist das Rückgrat der neuen Gesellschaft – nicht zwecks Konsum, sondern als Lebensenergie. Musik, Malerei, Literatur: wunderbare Sprachen der Verbindung. Kein Geld, kein Status, kein Fame – nur Ausdruck. Musik geschieht überall. Ohne Bühne, ohne Charts. Pure Frequenz. Morgens, in den goldenen Hügeln, jammen Jugendliche im Tau. Handgetrommelte Beats, Stimmen wie flüssiges Licht. Sie nennen es »sunrise drop«, und jedes Mal klingt es neu, weil Wind und der Gesang von Vögeln Teil des mächtigen Tracks sind. Am Meer stehen Musizierende barfuß im Sand, Saxofon, Hangdrum, Vocals – Jazz meets Nature. People listen with closed eyes, heads swaying, barefoot in the foam. Heavy hängt bassige Ambient-Musik über den Feldern – so deep, dass die Sterne im Takt aufleuchten. Kein Konzert, kein Publikum – einfach Life jamming back. 

Painting: Bilder werden nicht mehr besessen, sondern geteilt, wie Stimmungen. Malen ist allgegenwärtiges Ritual. Farbe ist Seele. Kein Wettbewerb, kein Verkauf. Jede Linie schafft eine Beziehung. In den Städten hängen Mosaike aus wiedergefundenen Materialien, reflektierend im Sonnenlicht, changing Farben each minute. Kollektive malen mit Biolumineszenz – Bilder leuchten, leben, atmen. Ein Sternenhimmel an Wänden.

Sprache ist clear again. Authentisch, roh, fließend. Kein Text für Likes, sondern für evergrowing Connection: Die Alten erzählen Mythen am Feuer, aber mit Slang: »Bro, when the ocean first breathed, it was literally vibing.« Junge Poeten schreiben Verse direkt auf Blätter, lassen sie im Sommerwind aufsteigen und davonfliegen – ephemeral poetry, no save, no archive. Sprache lebt. Kein Grammatikdogma, sondern Freestyle-Mind. Wörter sind Sound, Farbe, Emotion. Syntax who? It’s all about tone. 

Das Gehirn der neuen Menschheit funktioniert im Modus sync without control. Kein Machtdenken, kein EGO.exe, keine Dominanz. Menschen verstehen einander nonverbal. Kommunikation ist telepathisch angehaucht – leuchtende Gedankenstränge zwischen Augen, Hirn, Fortpflanzung und Herz. Wenn zwei sich austauschen, entsteht kein Konflikt, sondern Fusion. Gespräch wird zum Designprozess. Ideen tanzen, Worte fließen, keiner will gewinnen. Philosophie hat wieder Style bekommen. Menschen diskutieren wie Impro-Musiker – argumentieren mit Flow, nicht mit Druck. Truth isn’t static – it’s a dance. Wissenschaft ist keine kalte Analyse mehr, sondern vibrierendes Staunen. Forscher nennen sich curiosity weavers. Erkenntnis bewegt sich in Rhythmen, nicht in Zahlen.

Die Erde hat sich erholt. Kein Plastik, kein Noise, kein Rush. Die Menschen sind wieder Teil des Ökosystems, nicht dessen Gegner. Jeder Tag beginnt im Garten – mental, möglichst real. Bäume sprechen wieder. Keine Esoterik, sondern simple Normalität. Man hört sie atmen, wenn Wind durch ihre Blätter fließt – deep green vibes. Flüsse glitzern in chromatischem Blau, moosige Steine reflektieren den Himmel wie NFT-free Mirrors. Städte sind wieder Biotope. Häuser aus Lehm, Glas, Holz – organisch verschmolzen mit Efeu, Farn, Myzel. Wege wachsen aus Wildblumen, Dächer summen vor Bienen. Architektur klingt wie Musik; jede Wand, jede Kurve folgt innerem Rhythmus. Licht ist kostbar geworden. Kein Overexposure. Nachts herrschen Dunkelblau und Feuerfarben, sanft tanzend wie Slow Beats in einem Summer Dream.

Im Jahr 2027 hat die Menschheit etwas verstanden, was ihr in Jahrhunderten zuvor entglitten war: dass Bewusstsein geil ist. Dass Empathie Power ist. Man lacht wieder, echt, tief, loud – from the belly, not the ego. Man lebt slow but balanced und trotzdem voller Drive. Man liebt, ohne zu besitzen. Man denkt, ohne zu trennen.

Die Welt ist nicht perfekt – aber sie ist ehrlich geworden. Fehler sind Features. Chaos ist Teil des Designs. Wenn nachts über den Feldern das Summen der Grillen in einen sanften Beat übergeht, dann spürt man sie wieder: diese unsichtbare Resonanz zwischen Erde, Mensch, Luft und Traum. Everything beams. Everything breathes. Everything glows.

Und wenn wir nicht gestorben sind, erleben wir’s noch morgen, oder übermorgen?

Theo (Paulus) Geißler

Theo Geißler ist Herausgeber von Politik & Kultur