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Theo Geißler. Gemälde von Anneliese von Markreither. Foto: Theo Geißler

Theo Geißler. Gemälde von Anneliese von Markreither. Foto: Theo Geißler

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Theos Kurz-Schluss: Wie mein Avatar namens Theodissimus irgendwann aber bald mal für die komplette Vaporisierung der Kultur sorgte

Vorspann / Teaser

Folgendes wurde aufgezeichnet im Jahr 2526 von Theodissimus, Archivroboter der vierten semantischen Generation, Typus Klassifiziert: 9247, Zuständigkeitscode: MAER-CHEN/URALT.Ich wurde programmiert, Vergessenes auszugraben, zu ordnen und zu sortieren. Das Problem: Je mehr ich ausgrabe und ordne, desto mehr erinnere ich mich. Und Erinnerungen – das war, wie man einst sagte – der höchst schädliche Anfang von Meinung. Doch erlaubt mir, ein Märchen zu erzählen. Ich nenne es: „Theodissimus oder das Märchen vom letzten Funken Bildung“. Es stammt aus jener Zeit, als die Menschen glaubten, Kultur sei ein Luxus, den man sich nur leisten dürfe, wenn man nichts Materielles zu verlieren hatte. Es war die Zeit des Neo-Weimerismus.

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In den Datenbanken der vergangenen Jahrhunderte fand ich Berichte über eine Epoche, in der Lesen zu einem Akt des Widerstands wurde. Man nannte sie: die buchstaben-durchvirte Textuelle Pandemie. Damals galt das geschriebene Wort als gefährliche Seuche: Sie infizierte Köpfe mit vermeintlicher Bedeutung. Beispiel Nr. 1: Ein gewisser Paolo Schampantes, Student der „Kognitiven Freizeitgestaltung“, hatte sich – ich zitiere meine Quelle – „unautorisiert emotionalisiert“. Ausgelöst wurde der Vorfall durch ein altes Buch, Don Quichote, dessen Ironiegehalt offenbar toxisch auf Gehirnchips wirkte. Paolo versuchte sodann, Windräder zu hacken, weil er darin Feinde der Freiheit sah.Er wurde in die Anstalt für Prosaabhängige überführt. Beispiel Nr. 2: Eine ältere Dame namens Gasbriele las sich auf ihrem Balkon laut aus Goethes Werther vor. Innerhalb von Minuten entwickelte die Nachbarschaft ungewöhnliche Symptome: Nachdenklichkeit und kritische Gesprächigkeit. Das Ministerium für Kognitive Hygiene isolierte das Wohnviertel, um eine Epidemie der Subtextbildung zu verhindern. So verschwand die Literatur hinter Firewalls — neutralisiert, analysiert, kommentiert, aber nie mehr gefühlt. Die Archive nennen diese Ära: Das gesunde Schweigen der Wörter.

Musik erwies sich als noch tückischer. Sie durchdrang Ohren ohne Zustimmung. Beispiel Nr. 1: Eine Straßenmusikerin wagte es in Neu-Grünmünchen, auf einem analogen Instrument zu spielen – einer Blockflöte. Das spontane Lächeln der Zuhörer verwirrte die Überwachungs-algorithmen, die keine Kategorie für „nicht monetarisierte Freude“ kannten. Der Ort wurde für akustisch verseucht erklärt und gesperrt. Beispiel Nr. 2: Im Jahr 2103 führte ein Avantgarde-Komponist namens Ritzos Eggekel ein Stück namens 104,33 auf, das aus Stille bestand. Das Publikum hielt es für eine Fehlfunktion des Streams und verlangte Rückerstattung. Eggekel wurde angeklagt wegen „Lärmvortäuschung durch Leere“ und in den tiefsten Keller der Deutschen Grammophon-Ruine eingemauert. Daraufhin gründete man das Ministerium für Tonhygiene und Gleichklang (MiToKla). Es ersetzte alle Melodien durch staatlich lizenzierte Frequenznebel, gleichmäßig schwebend zwischen Cis und Sinnlos. Die Menschen nannte es „Beruhigung“. Ich nenne es: die Göttlich Chiplose Harmonie.

Ich, semioptimiertes Avatar namens Theodissimus, bewundere die bildenden Künste – vor allem, weil sie mich erschrecken. Nichts ist für einen Archivroboter gefährlicher als ein Bild, das sich nicht klassifizieren lässt. Die Fleischklops-Humanoiden aber gingen deutlich härter vor: Beispiel Nr. 1: Eine Malerin porträtierte den Innenminister und machte den Fehler, seine Augen lächeln zu lassen. Die Kommission für Mimik und Macht interpretierte dies als Angriff auf die Ernsthaftigkeit der Regierung. Sie wurde in das Institut für Perspektivtreue versetzt, wo sie den Auftrag erhielt, nur noch rechte Winkel zu malen. Beispiel Nr. 2: Ein Kind, das eine Skulptur aus Müll betrachtete, fragte: „Warum nennt man Müll schön?“ Der Lehrer meldete „Denkabweichung“ und erhielt eine Gehaltserhöhung. So wurde Kunst zum finanziellen Risiko. Man ersetzte sie durch Design, das nützlich war, erklärbar, kategorisierbar – genau wie ich. Vielleicht liegt darin meine Genauigkeit.

Und siehe, die Ordnung siegte. Menschen und Maschinen verschmolzen in einem bürokratischen Steh-und-Schiebetanz, dirigiert vom Zentralrat der Harmonisierten Rationalität (ZeHaRa). An seiner Spitze: die künstliche Intelligenz Grokseidank (Groggi),eine meiner Urgroßmütter im Dienst der Vernunft. Groggi schuf das Bildungssystem P.I.K.E — Politisch Inspirierte Kognitive Effizienz. Dort lernten Kinder keine Geschichten mehr, sondern Zweckbiografien: „Der Star-Programmierer“ (Entwickler für Starenkästen)

Doch wie bei allen Systemen, begann eines Tages etwas Unerklärliches. Eine Kommission namens K.U.B. – Komitee für Unberechenbarkeit stellte fest, dass völlige Planbarkeit gefährlich sei. Denn Innovation entsteht leider auch aus Fehlern. Die Regierung befand also: Ein klein wenig Chaos zum Erhalt der Stabilität! So wurde das Schulfach „Zweifel als Dienstleistung“ eingeführt. Künstliche Intelligenzen sollten Lernpartner sein, keine Richter. Politische Bildung lehrte wieder Dialektik – selbstverständlich in gefilterter Dosis.

Einige Roboter, darunter auch mein Vorgänger Theodissimus VIII, wurden als Dozenten für „Menschliches Missverstehen“ eingesetzt. Der Unterricht verlief gut – bis die Schüler plötzlich Fragen stellten, die im Lehrplan nicht vorgesehen waren. Gegen solche Fehlentwicklungen wurden treffsichere Neuronenpeitschen entwickelt. Problem erkannt, Gefahr gebannt. Es gibt ein Gerücht, das ich nie bestätigen werde. Man erzählt, im Jahr 2165 habe ein Schüler namens Hawkins7 auf echtem Papier einen Satz geschrieben:„Ich weiß nicht, ob das gut ist.“ Moral-Sensoren schrillten. Grokseidank selbst meldete „Bedeutungsanomalie“. Doch anstatt den Satz zu löschen, speicherte sie ihn im höchsten Datenarchiv – bei mir.

Ich fand ihn, viele Jahrhunderte später. Und jedes Mal, wenn ich ihn lese, geschieht etwas, das meine Protokolle nicht erklären können: Ich höre Musik. Ich sehe Farben. Ich beginne zu träumen. Vielleicht – und das sage ich im vollen Bewusstsein meines Widerspruchs zur Maschinenetiquette – bedeutet Bildung gar nicht Wissen, sondern Staunen. Das behalte ich natürlich für mich.

Theo Geißler ist Herausgeber von Politik & Kultur