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Ting Lee in Marina Abramović's Balkan Erotic Epic © Photo Marco Anelli - INSTAGRAM @marco_anelli_studio

Ting Lee in Marina Abramović's Balkan Erotic Epic © Photo Marco Anelli - INSTAGRAM @marco_anelli_studio

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Augenorgien auf schwarzem Kunstrasen: Marina Abramovićs pansexuelle Performance-Phantasie „Balkan Erotic Epic“ bei der Ruhrtriennale

Vorspann / Teaser
Mit Produktionen wie „Rebel Rebel“ über David Bowie, „Brel“ und „Deutscher Herbst“ nähert sich die Ruhrtriennale bis zum 20. September Biografien und historischen Situationen. Als poetische Behauptung fährt nun die längst legendäre Performance-Primadonna Marina Abramović mit „Balkan Erotic Epic“ dazwischen. Sie entwirft die abgründig dionysische Topografie eines aus westeuropäischer Perspektive visionierten Raums. „Ich hoffe, dass Menschen ihre eigene Sexualität, ihr eigenes Leben und ihre eigene Energie reflektieren“, wünscht sie sich. Und das ist ihr in den dreizehn Stationen dieser internationalen Auftragsarbeit für die Ruhrtriennale, Manchester, die Berliner Festspiele, Barcelona, Malta, Poznań, New York City, Luxembourg und Hong Kong überaus gelungen. Selbst wenn zahlreiche Phalli zu sehen sind, geht es allerdings kaum um Penetration.
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„Balkan Erotic Epic“ sei ihr bisher ambitioniertestes Werk, verlautbarte die aus Jugoslawien stammende Marina Abramović. Sie brachte in die Kraftzentrale im Duisburger Landschaftspark Nord eine ganze Reihe von Mitwirkenden aus Manchester mit und holte Künstler:innen, mit denen sie während ihrer Zeit als erste Pina-Bausch-Ehrenprofessorin an der Folkwang Universität der Künste Essen zusammengearbeitet hatte. Ganz ernst darf man Abramovićs Suche nach balkanischen Fruchtbarkeits- und Paarschaftsriten freilich nicht nehmen – einige sind garantiert frei erfunden. Und wie!
 
Im riesigen Areal der düsteren Halle, ausgelegt mit irritierend weichem, schwarzem Kunstrasen, hat sie dreizehn performative Stationen entwickelt – berstend vor direkter Erotik, Nacktheit, poetischer Körperlichkeit und innerer Spannung, die sie immer wieder mit Ironie aufbricht. Riesige Phalli ragen wie monströse Pilze empor – skulptural im Raum und in einer fiktiven Videolandschaft. Eine hochschwangere Frau im roten Kleid wirft feurige Blicke ins Auditorium und tanzt, während sie mit Milch übergossen wird. Und – ja, Klartext: In der Sektion Nummer 4 („Fruchtbarkeitsriten“) „ficken“ drei nackte Männer pausenlos vier Stunden mit lebhaften Hüftstößen in den Kunstrasen, um die Erde mit ihrem Samen für die nächste Ernte fruchtbar zu machen. Vid Simoniti nennt dies in seinem Programmheftaufsatz „die beste Reaktion auf eine hoffnungslose Situation: völlig über die Stränge zu schlagen. Über die Vernunft hinauszugehen – in den Sex, in den Tod, in den Mythos“.
 
Das wird hier nicht nur angekündigt, sondern – mit Ausnahme des Todes – auch real vollzogen. Etwa in einer Friedhofsszene, unter deren pittoresken Kruzifixen und plastisch modellierten Skeletten mit rot heraushängenden Zungen sich nackte Menschen sanft aneinanderschmiegen. Natürlich gibt es bei einer solchen internationalen Koproduktion eine Intimitätskoordination. Diese fällt aber dank der gar nicht altersweisen, dafür zum Glück sehr sinnlich-direkten Gesamtleitung der 78-jährigen Abramović gar nicht weiter auf. Die Künstlerin, die in ihrem Heimatland Jugoslawien früher als Masochistin und Exhibitionistin verrufen war, scheint ihre weiblichen und männlichen Performenden allesamt gleichermaßen zu schätzen – angezogen und nackt.
 
„Balkan Erotic Epic“ nimmt die Geschlechter und Körper ernst. Die Performance zeigt fraumännliches, mannfrauliches und mannmännliches Begehren. Dieses bricht sich aus Blicken und Fingerspitzen Bahn und explodiert dionysisch. Augenorgien sind garantiert. Das Publikum – 1500 in jeder ausverkauften Vorstellung – nimmt das vierstündige Ritual-Vexierspiel erst mit Würde, dann Neugier und später mit enthemmten Blicken an. Unverblümt ist dieses Angebot zum erotischen Voyeurismus in all seinen Spielarten. Eine skurrile Wissenschaftlerin klärt anhand projizierter Skizzen über Abramovićs wunderbare Welt verifizierbarer und phantastischer Erotik auf. Ein Effekt wie beim Vampirjäger Van Helsing in Bram Stokers „Dracula“-Roman: Die Phänomene werden rational benannt, bewahren aber durch die choreografisch-performative Verkörperung ihre obsessive Aura.
 
Die Musik spielt durch eine Live-Formation und auch in der Videolandschaft eine gewichtige Rolle. Luka Kozlovačkis Sounddesign und die Kompositionen von Marko Nikodijević treiben das Geschehen voran und setzen weitere Fantasien frei. Sie greifen tief in die Materialkiste zwischen Balkan-Pop und volksmusikalischen Idiomen. Die Folklore-Combo, deren erster Trommler aussieht wie der legendäre Fürst Vlad Dracul auf dem Porträt im Tiroler Schloss Ambras, erzeugt Sounds, die erotisieren und verdüstern. Auch sie setzen Imaginationen über den als Phantasieraum und Sehnsuchtsort verstandenen frei. Abramović thematisiert durchaus, dass Frauen in einem mythischen Biotop aus Christentum, Islam und heidnischen Urgründen in patriarchalen Strukturen befangen sind. Aber Abramovićs Frauenfiguren bestimmen immer selbst, wem, wie und ob sie sich überhaupt unterordnen. Die Männer huldigen ihnen, senden auch intensive Berührungen an das eigene Geschlecht.
 
Der Höhepunkt für Musiktheater-Enthusiasten ist eindeutig „Der Kafana-Komplex“, eine wunderbare Wirtshaus-Szenerie. Schwarze Witwen wahren Haltung an einsamen Tischen und mit schwarzen Handtaschen. Immer wieder braust pure Körperlichkeit auf, wenn die Frauenkapelle mit Akkordeon und Violine, unterstützt von Männern an Trommel und Tuba, ins Rasen kommt. Wie sich das aufbaut und es im Hintergrund zur wohl sinnlichsten und längsten erotischen Männerszene im deutschen Theater dieser Spielzeit kommt, müsste die Musiktheater-Regiespitze von Ilaria Lanzino bis Christof Loy in den schieren Neid treiben. An der Spitze dieses Tresentheaters steht der Countertenor Aleksandar Timotić, in NRW unter anderem als Oberon in Brittens „Sommernachtstraum“ am Theater Münster äußerst erfolgreich. Mit seinem flirrenden und paradoxerweise verführerisch dunklen Bariton-Timbre erklimmt er verführerische Höhen, sendet aus Bambiaugen erregende Pfeile und nimmt das Double von Abramovićs strenger Mutter im Sturm. Timotić ist hinterm hölzernen Tresen, auf dem Tisch und als Sänger in jeder Sekunde ein Platzhirsch mit balkanischem Stallgeruch im Feiertagshemd.
 
Das Publikum gerät in hypnotischen oder wahlweise abwehrenden Dauersog. Abramovićs Kunst besteht auch darin, nicht überzeugen zu wollen und jedem Anwesenden alle Positionen von offener Abwehr bis zur Trance zu ermöglichen. Manchmal streift die Musik dazu Piazzolla-Anklänge, bleibt aber immer sehnig, lockend und mit Rumoren unkalkulierbar. Marko Nikodijević kultiviert einen rauen, sinnlichen Gestus, der über die weich agierenden Körper satte Phantasieimplosionen setzt. „Balkan Erotic Epic“ ist auch darum großartig, wie das Projekt vermeintliche Balkan-Mythen zum radikal sexualisierten Märchentheater aufbereitet. Eine junge Zuschauerin meinte, dass die vielen gezeigten Phalli in Relation zur Genderquote überrepräsentiert seien. Mag sein. Gerade weil sie sich mit allen Mitteln an die Grenzen des sogenannten guten Geschmacks vortraut, besetzt Abramović ein pansexuelles Gewicht in der Geschlechterdebatte. Auch weil sie mit Lust, Emotionen und Intellekt Männer nicht verteufelt, sondern als physische, sexuelle und instrumentalisierbare Wesen wertschätzt. Die Musik dazu ist von prachtvoller Virilität.

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