Man könnte denken, es geht nur um ein Instrument ganz allein. Die Aktion „Instrument des Jahres“ stellt in jedem Jahr ein Instrument in den Mittelpunkt der Betrachtung. In der praktischen, klingenden Musik gibt es tatsächlich zahlreiche Instrumente, die gut allein aufspielen können. Manche Instrumente brauchen aber mindestens ein Zweitinstrument an ihrer Seite, um ihre Klanglichkeit voll entfalten zu können. Das Instrument des Jahres 2026, das Akkordeon, ist beides: ein Alleinunterhalter, aber auch ein guter Partner im Duo. Ein erster exemplarischer Blick auf mögliche Duo-Kombinationen mit Akkordeon.
Das Jahr des Akkordeons in der nmz (Teil 6): Akkordeon plus I (Der Alleskönner)
Selten sind sich Musiker so einig wie beim Akkordeon. Akkordeonspieler freuen sich, wenn sie mit einem anderen Instrument(alist)en gemeinsam musizieren können. Zumeist fungiert dabei das Akkordeon quasi als Harmonieinstrument, das andere Instrument steuert in dem Duo den Melodie-Part bei. Soweit, so gut. Viel spannender ist es zu hören, dass eine überwältigende Anzahl (alle?) an Instrumentalisten mit den unterschiedlichsten Instrumenten der Meinung sind, dass ihr eigenes Instrument wunderbar mit dem Akkordeon zusammenpasst, harmoniert.
Das Akkordeon ist ein Aerophon, ein Instrument, das gerade durch den Balg und die Luft, die darin wirkt, der menschlichen Stimme, diesem Urinstrument der Menschheit und der lebendigen Natur, am ähnlichsten ist. Durch das atmende Gestalten der Musik und die Möglichkeit, gleichzeitig ein die Musik tragendes Harmonieinstrument zu sein, ist es bei vielen Instrument(alist)en als Partner sehr geschätzt. Die kleinen – häufig intonatorischen – Schwierigkeiten beim gemeinsamen Musizieren lassen sich in der Regel gut ausgleichen.
Hier wollen wir nun drei Duos aus Akkordeon plus einem anderen Instrument (Orgel, Saxophon, Orchester) kurz beispielhaft beleuchten und zeigen, wie sich die beiden Partner ans gemeinsame Musikzieren machen, wo sie vielleicht Literatur finden, und wie das Alter des eigenen Instrumentes eine wesentliche Rolle im Zusammenfinden spielt.
Akkordeon plus Orgel
„Kannst Du Dich erinnern, warum es Dein Wunsch war, ein neues Konzertprogramm ausgerechnet im Duo mit Akkordeon zu erarbeiten?“, fragt die renommierte Akkordeonistin Eva Zöllner die Konzertorganistin Kerstin Petersen. „Ja“, antwortet diese, „das Akkordeon hat mich immer interessiert, weil es so ungeheuer dynamisch und flexibel mit dem Wind umgeht und dazu auch mit Geräuschen und experimentellen Spieltechniken arbeitet. Ich hatte das Gefühl, dies passt bestens zur Orgel und beide Instrumente können sich beflügeln und vielleicht auch ein bisschen ‚Klischee‘ abschütteln, das der Orgel als kirchlichem Gebrauchsinstrument anhaftet – und dem Akkordeon durch seine volkstümliche Tradition mit ‚Schunkelfaktor‘. Gemeinsam wollten wir etwas ganz Neues ausprobieren und frischen Wind in das (damals kaum existierende) Duo-Repertoire bringen.“
Zwei Aerophone kommen sich ganz nah, verschmelzen zu einer gigantischen Windmaschine: Das Duo A&O – Kerstin Petersen (li.) und Eva Zöllner. © privat
Man muss beim Akkordeon berücksichtigen, dass es ein sehr junges Instrument ist, das in seiner heutigen Erscheinungsform gerade mal etwa einhundert Jahre auf dem Buckel hat. Das Repertoire für Akkordeon solo und auch für Duo-Besetzungen ist allein wegen dieses im Verhältnis kurzen Zeitraumes insgesamt noch nicht so ausgebaut. Der von Petersen erwähnte „Schunkelfaktor“ hat darüber hinaus sicher auch verhindert, zumindest verzögert, dass im Bereich der ersten Musik, gar der Neuen Musik, viele Werke entstanden sind. Für die Kombination Akkordeon und Orgel (das Duo nennt sich übrigens „A&O“, was nichts anderes meint als „Akkordeon & Orgel“) sind Zöllner und Petersen sicher diejenigen, die die meisten Kompositionen, zumeist von Komponistinnen, angeregt haben.
Die besondere Herausforderung beim Zusammenspiel von Akkordeon und Orgel sind ihre beider Stimmungen. Der Stimmton a´ des Akkordeons liegt bei 443 Hz. Bei vielen Orgeln liegt er tiefer, bis etwa 438 Hz. Dieser scheinbar minimale Unterschied in der Tonhöhe ist aber bereits deutlich hörbar. Für ein kurzfristiges Umstimmen zum gemeinsamen Musizieren sind beide Instrumente nicht geeignet. Bei manchen Orgeln kommen dann je nach Stilistik modifizierte Temperierungssysteme (z.B. Werckmeister, Kirnberger, pythagoreisch) hinzu, die sich mit dem Akkordeon, das typischerweise in reinster Orchesterstimmung steht, „beißen“. Die neuen Kompositionen arbeiten daher oftmals hauptsächlich mit dem gemeinsamen Charakteristikum beider Instrumente – dadurch „verschmelzen“ die beiden Instrumente geradezu zu einem einzigen gigantischen Windinstrument. Dabei entstehen im Zusammenwirken mit den konkurrierenden Stimmungssystemen oftmals unerhörte, ungehörte und leider oft auch nicht zu reproduzierende Klänge.
Akkordeon plus Saxophon
Darf man Anton Bruckner Glauben schenken, so kann ein Akkordeon „kein[en] sauberen Ton, und vor allem kein[en] schönen“ hervorbringen. Das mag in den Anfangszeiten des Akkordeons so gewesen sein – heute aber ist der technische Standard des Instrumentes ein höherer und darf klanglich viel positiver eingeschätzt werden, auch wenn das Akkordeon noch immer zu den jungen Instrumenten zählt. – Hier wollen wir einen kurzen Blick auf ein Duo werfen, das mit zwei jungen Instrumenten agiert. Das Saxophon wurde um 1840 von dem belgischen Musiker, Erfinder und Instrumentenbauer Adolphe Sax erfunden. Sax erkannte das Fehlen eines gut klingenden Holzblasinstrumentes der tiefen Lage und wollte ein Instrument entwickeln, das zwischen dem „wärmend-biegsamen“ Klang der Klarinette und dem eher durchdringenden, näselnden Sound der Oboe liegt.
Das erste ernsthafte Duo aus Akkordeon plus Saxophon: Das Duo Aliada mit Bogdan Laketic (li.) und Michal Knot. © Siavash Talebi
Das Duo Aliada mit dem Akkordeonisten Bogdan Laketic und dem Saxophonisten Michal Knot hat seine Existenz letztlich einem Zufall zu verdanken. Beide lernten sich im Jahr 2013 während ihres Studiums an der Uni Wien kennen. Um an dem universitätsinternen Fidelio-Wettbewerb teilnehmen zu können, gründeten sie das Duo Aliada, das damit eines der ersten ernstzunehmenden Akkordeon-Saxophon-Duos war. Als besonders hilfreich erwies sich, dass ihre Instrumentallehrer grundsätzlich sehr für Kammermusik eingenommen waren und diese Neugründung im Unterricht speziell förderten. So entstand ein Wettbewerbsprogramm mit Werken von Antonio Vivaldi, Alban Berg, Anton Webern und Alexander Kaiser. Der „Clou“ dabei war, dass Knot in jedem der Stücke ein anderes Saxophon in einer anderen Stimmlage spielte. Das war nicht vorgesehen oder vorgeschrieben, hinterließ aber sicher auch einen guten Eindruck – die beiden gewannen den Wettbewerb! Man blieb in der Folge als sehr erfolgreiches Duo zusammen und bekam sogar eine Förderung des Österreichischen Staates, die sie in die größten Konzertsäle von etwa 40 Ländern führte.
Da beide Instrumente noch sehr junge Instrumente sind, gibt es wenig Originalliteratur für diese exklusive Besetzung. Nach ihrem Wettbewerbserfolg haben sich einige Kommilitonen aus den Kompositionsklassen daran gemacht, für dieses ausgezeichnete Duo Werke zu schreiben. Das eröffnete eine gewisse Exklusivität, die die beiden spielten. Darüber hinaus setzen sie auf Vielseitigkeit – Piazzolla, Volksmusik. Folk, Jazz. Viele der Stücke, die sie zur Aufführung bringen, haben sie selbst gefunden und selbst arrangiert. Dabei ist das erste Kriterium, dass es ihnen persönlich gefällt. Dann setzen sich beide an den Schreibtisch und arrangieren Stücke. Manches wie zum Beispiel Barockmusik eignet sich dabei mehr, als etwa extrem romantische Werke mit großen dynamischen Breiten oder virtuose Klavierwerke (gar mit Pedal). Mittlerweile komponieren beide auch selbst. – Laketic resümiert die Arbeit des Duos heute mit den Worten: „Es sind gute Zeiten für Akkordeon und für Saxophon auch!“
Akkordeon plus Orchester
Das Solokonzert mit Orchester ist für jedes Instrument quasi die Königsdisziplin. „Alte“ Konzerte für Akkordeon gibt es nicht, da das Akkordeon noch jung ist. Wir sind also bei Originalkompositionen für Akkordeon und Orchester immer im Bereich der zeitgenössischen Musik. Tatsächlich gibt es eine ganze Anzahl von solchen Akkordeonkonzerten. Die allermeisten davon sind aber nur ein einziges Mal aufgeführt worden und dann quasi in der Schublade verschwunden. Das sagt nicht unbedingt etwas über die Qualität dieser Kompositionen aus. Situationen, in denen ein Akkordeonkonzert aufgeführt werden kann, gibt es nicht allzu viele, noch weniger gibt es ausreichend professionelle Akkordeonisten, die diese Werke auch spielen können. Letztlich sind wir immer im Bereich der „Neuen Musik“, die es ja ohnehin im Konzertbetrieb gelegentlich schwer hat.
Nur ein einziges Akkordeonkonzert hat den Sprung ins Konzertrepertoire geschafft: Sofia Gubaidulinas „Fachwerk“ für Bajan [Anm.: die osteuropäische Variante des Chromatischen Knopfakkordeons], Schlagzeug und Streichorchester. Helmut Peters schreibt über dieses Werk: „Für Sofia Gubaidulina enthält der Begriff Fachwerk […] zwei Komponenten. Zum einen steckt darin die handwerkliche Arbeit, die notwendig ist, um die Komposition in Struktur, Form, Architektur und zeitlichem Ablauf zu einem aufführbaren musikalischen Werk zu machen. Zum anderen hat der Begriff auch eine ästhetische Komponente. Dient doch die Fachwerkbauweise der Häuser des späten Mittelalters und der frühen Neuzeit nicht nur statischen Gesichtspunkten, sondern verleiht den Gebäuden auch ein besonders reizvolles, malerisches Aussehen. Auch in dem Instrument Bajan manifestiert sich aufgrund seiner Bauweise und seiner spezifischen Klangmöglichkeiten in den Augen der Komponistin das ‚Fachwerk‘-Prinzip in vollendeter Weise. So verbinden sich in Sofia Gubaidulinas […] Instrumentalkonzert […] Schönheit und Konstruktion zu einem künstlerischen Ganzen.“
Die lettische Akkordeonistin Ksenija Sidorova ist Auftraggeberin und Widmungsträgerin zahlreicher Kompositionen für Akkordeon. © Benne Ochs
Möglicherweise wird es bald ein zweites Akkordeonkonzert geben, das sich seinen Weg ins Repertoire bahnt. Fazil Say, dessen Musik die Besucher des Schleswig-Holstein Musik Festivals im vergangenen Jahr – als Says Portraitkünstler des Festivals war – klanglich sehr begeistert und überzeugt hat, hat für die diesjährige Portraitkünstlerin, die lettische Akkordeonistin Ksenija Sidorova, ein Solokonzert geschrieben. Diese Gattung scheint Fays zu liegen, hat er doch schon für zahlreiche unterschiedliche Instrumente Solokonzerte mit Orchester komponiert.
Ein erster Blick in die Partitur verspricht eine spannende und unterhaltsame Musik. Der Musikjournalist Manuel Brug schreibt in seinen Programmnotizen zur Uraufführung in der Elbphilharmonie am kommenden Sonnabend, dem 4. Juli: „Wie so oft bei Fazil Say, sucht er einen klassischen Aufbau: Hier sind es vier Sätze, die zusammen etwa 25 Minuten dauern. Im Orchester gibt es zusätzlich Tomtoms, Bongos und die Klanghölzer Claves. Er wollte das Akkordeon bewusst in einen anderen Kontext stellen, also nicht das Instrument der Straßenmusik, der Folklore oder des Tangos. Schließlich ist Fazil Say stets auf der Suche nach virtuosen Klangfarben, rhythmischer Energie und poetischen Momenten, die sich zu einem vielschichtigen Dialog fügen sollen. Im ersten Satz, einem Adagio, folgt nach der Introduzione als dolce moderato mit Orchester gleich die Cadenza: Das Instrument darf sich etwa zwei bis drei Minuten solistisch vorstellen, das macht Fazil Say gern. Im Scherzo finden sich die von Say so geliebten jazzigen Momente wieder, bevor als dritter Satz ein lyrisches Andante folgt, bei dem er das Akkordeon so richtig zum Schwelgen bringen will. Also – die perfekte Referenz an das Akkordeon als das Instrument des Jahres 2026.“
Klänge:
- Oxana Omelchuk: „…die Bäume wachsen in den Himmel nicht…“
https://www.youtube.com/watch?v=kO-DNgKwObY
Duo A&O (Eva Zöllner, Akkordeon, und Kerstin Petersen, Orgel) - Johann Sebastian Bach: Goldberg-Variationen BWV 988
https://www.youtube.com/watch?v=Fm0_ZnHQcPo&list=RDFm0_ZnHQcPo&start_radio=1
Duo Aliada (Bogdan Laketic, Akkordeon, und Michal Knot, Saxophon) - Sofia Gubaidulina: Fachwerk for bayan, percussion and string orchestra
https://www.youtube.com/watch?v=Fm0_ZnHQcPo&list=RDFm0_ZnHQcPo&start_radio=1
Geir Draugsvoll, bayan, Hans Kristian Kjos Sørensen, percussion, Norwegian Chamber Orchestra
- Share by mail
Share on