[…] In der Bestimmung des Regisseurs für eine nur von den wenigsten in ihrer Wesensart recht erkannte und so selten gebührend gewürdigte Arbeit liegt eine leise Tragik, und wenn man nicht wüßte, daß die echte Kunst in ihrer Wahrheit und Reinheit sich selbst am schönsten belohnt, möchte man den Künstler, der bestimmt ist, unerkannt und ungedankt im Verborgenen zu wirken, um der Gleichgültigkeit willen, die man seiner verantwortungsreichen und schweren Arbeit entgegenbringt, fast bedauern. Denn wenn heute auch sein Name zwischen dem des Autors und des dirigierenden Kapellmeisters im Programm aufgedruckt erscheint, so nimmt man doch von dem Anteil, den er an der Wiederbelebungsarbeit eines bühnenmusikalischen Kunstwerkes hat, fast nicht mehr Notiz wie bis vor den wenigen Jahrzehnten, da man ihn auf dem Theaterzettel überhaupt noch nicht nannte. […]
Neue Musik-Zeitung – Vor 100 Jahren
Der Opernregisseur
Je mehr sich aber aus dem unscheinbaren Rudiment einer dramatischen Aktion, wie es das ältere Opernkunstwerk enthielt, ein der Musik wert- und wesensgleiches Supplement herausbildete, das durch Wagners Werk sogar als das Primäre, Ursächliche, als das Herrschende die sekundäre Erscheinung der Musik, die um ihretwillen überhaupt erst entstand, in eine dienende Stellung rückte, um so mehr machte sich eine Text und Musik zur Einheit verbrüdernde Regie nötig, der sich mit dieser Einstellung auf ein bisher ungekanntes Ideal nun ein überreiches Feld interessantester Betätigung erschloß. […]
Da die grundbedingende Voraussetzung zu allen vor dem Regisseur liegenden Arbeiten in einer restlosen Beherrschung des Stoffes besteht, muß des Spielleiters erste Tätigkeit sein, in gründlichstem Studium des Textbuches und des Klavierauszuges sich dieser Herrschaft über die Materie zu versichern, um die Summe der einzelnen Erscheinungsformen des körperhaft auskristallisierten Ethos im Gesichtswinkel ihrer erkenntnismäßigen Werte und der herrschenden Gefühlssphäre recht ausdeuten zu können. […] Auf Grund dieses in seiner Seele geschauten Phantasiebildes geht er nun an die Aufzeichnung einzelner Regiepläne, in denen er die verschiedenen Bühnenbilder im Grundriß aufzeichnet, den Verlauf der Beleuchtung fixiert, eine Aufstellung über Art und Zahl der benötigten Requisiten usw. niedergelegt und diese dann dem Leiter des Theaters übermittelt. […]
Rudolf Hartmann, Neue Musik-Zeitung, 47. Jg., 2. Februar-Heft 1926
Nach der Entwicklung unseres Musikdramas jedoch, mit dem Hand in Hand die Regiekunst zu erfreulicher Höhe ausreifte, ist es von grundsätzlicher Wichtigkeit, daß der Regisseur ein durchgebildeter Musiker ist, der alle seine Regieanweisungen der Musik zu entlösen weiß, wo sie unausgesprochen zwischen den Noten verankert liegen. […] Der Regisseur muß also auf regressivem Wege die Stimmungen wiederzufinden suchen, die in der Seele des Komponisten der Anstoß zur Gestaltung der einzelnen tonalen Einheiten wurden, die im Entstehungsprozeß des Tondramas also lediglich deren Uebertragung, ihre Umschaltung in die musikalische Sprache darstellen. Hat er nun eine bestimmte musikalische Phrase, einen dynamischen Akzent, eine charakteristische Figur in eine entsprechende Bewegung umgewertet, so wird die Bewegung im Blickfeld der Szene fortschreitend eine Projezierung der Bewegtheit akustischer Werte in das sichtbare Leben der Bühne darstellen, so daß immer Musik und Szene sich gegenseitig erschließen und bestätigen, sich überhaupt erst zur Einheit einer künstlerischen Tat ergänzen. […]
Diese zusammengedrängten und sich nur auf das Wesentlichste beschränkenden Ausführungen dürften vielleicht genügen, trotz ihrer Kürze unseren Blick einmal auf den abseits stehenden Künstler zu lenken und den Uneingeweihten wenigstens ahnen zu lassen, mit welcher ernsten Arbeitsenergie der Regisseur unter bewahrender Führung eines feinen Taktgefühls und eines vornehmen Sinnes für Stilreinheit die Eigenheiten eines Opernkunstwerkes durch Verschmelzung mit den Elementen einer tiefen und vielseitigen Bildung zu körperlich-greifbarer Plastik erhebt. Und wenn es den vorstehenden Zeilen gelungen sein sollte, beim Genießen eines musikalischen Bühnenwerkes uns in stillem Gedenken auch einmal den Regisseur suchen und ihm ein gutes Teil der gefundenen Erbauung danken zu lassen, so würden sie damit ihren schönsten Lohn gefunden haben.
Rudolf Hartmann, Neue Musik-Zeitung, 47. Jg., 2. Februar-Heft 1926
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