Es ist eine Binsenweisheit, dass der Tod zu uns oft ohne Anmeldung kommt – er kommt, wann er will und er nimmt mit, was er bekommen kann. Trotzdem haben wir die Vorstellung, dass es Zeiten gibt, die wir dem Tod zugestehen mögen – zum Beispiel wenn jemand alt oder krank ist. Wenn aber ein irrer, ein wahnsinniger, ein fehlgeleiteter Mensch die Aufgaben des Todes in de eigene Hand nimmt, „Tod spielt“, dann ist der Schrecken ungleich größer. Größer, weil dieser Tod auf der einen Seite noch ungeahnter kommt und auf der anderen Seite zeigt, welche Unberechenbarkeit, Grausamkeit und Krankheit im Menschen selbst, unserer Rasse, stecken kann.
Die Hochzeitsgesellschaft ist klein – eigentlich will man mit der Familie keinen Kontakt haben. Foto: © Thomas M. Jauk
Gibt es eine Zukunft nach dem Tod? – Kaija Saariahos „Innocence“ am Staatstheater Braunschweig
De profundis clamavi – der 130. Psalm ist einer der bedeutendsten Bußpsalmen der Bibel: „Aus der Tiefe rufe ich, Herr, zu Dir.“ An diese Tiefe und ihre Trost- und Hoffnungslosigkeit muss man unwillkürlich denken, wenn das Orchester unter der Leitung von Alexander Sinan Binder in Kaija Saariahos Oper „Innocence“ einsetzt. Im Gegensatz zum biblischen Psalm, in dem der, der da in der Tiefe der Verzweiflung sitzt, bereits durch sein Rufen aktiv geworden ist, bleibt Saariahos Musik in einer eigenartig unaufgelösten Schwebe. Der Hörer, der sich mit der Handlung der Oper vielleicht vorher nicht vertraut gemacht hat, weiß klanglich von Anfang an, dass da etwas im Argen liegt. Selbst als auf der Drehbühne eine Hochzeitsszene sichtbar wird, bleibt die Musik – anders als man das im Normalfall von einer hoffentlich ausgelassenen Hochzeitsgesellschaft erwarten dürfte – in einer nur leicht aufgehellten de-clamavi-Stimmung.
Worum geht es in „Innocence“? Kaija Saariahos Oper „Innocence“ (deutsch: Unschuld) ist das Produkt eines Gemeinschaftsauftrages von fünf Festivals bzw. Opernhäusern (Festivals d’Aix-en-Provence, Niederländische Nationaloper, Finnische Nationaloper, Royal Opera House Covent Garden, San Francisco Opera), „eine von der modernen Welt inspirierte Oper zu schreiben“. Aleksi Barrière, der für das mehrsprachige Libretto dieser Oper verantwortlich zeichnet, berichtet im Programmheft zu der Frage über das für die Oper zu wählende Thema: „Natürlich ging es bei dieser Frage um mehr als den Reiz des Neuen. Über die gesamte Bandbreite menschlicher Erfahrungen wurden Oper geschrieben: Liebe, Eifersucht, Ehrgeiz, Götter, Tyrannen, Mörder, Vergewaltiger, Sklaven, Rebellen. Auf welches zeitgenössische Phänomen könnten wir die Werkzeuge der Oper anwenden, um unser Verständnis für die Art und Weise zu erweitern, wie Menschen Schmerz verursachen, empfinden und überleben?“
Von Anfang an werden auf der Bühne drei Erlebnis- und Zeitebenen gleichzeitig miteinander verknüpft. Da geht es in der Jetztzeit um eine Hochzeit. Bei dieser Hochzeit springt Tereza (Isabel Stüber Malagamba) kurzfristig als Kellnerin ein. Schnell erkennt sie, dass es sich bei der Familie, der Hochzeitsgesellschaft, um die Angehörigen des Mannes handelt, der als Amokläufer vor zehn Jahren – die Handlung beruht nicht auf realen Hintergründen – an einer internationalen Schule in Helsinki zehn Schüler und einen Lehrer getötet hat. Terezas Tocher Markéta (Erika Hammarberg) war eines der Opfer und steht stellvertretend für die Getöteten auf der Bühne. Die dritte Ebene wird von Überlebenden, Schüler und eine Lehrerin, gebildet, die über die einschneidenden Veränderungen in ihrem Leben berichten, die dieser Amoklauf in ihnen hervorgerufen hat. Diese Ebene wird von Schauspielern in Sprechrolle abgedeckt.
Die Handlung von vor zehn Jahren bildet nur thematischen Rahmen – auch in den Erinnerungen der Überlebenden wird sie nicht etwa durch brutale Gewalt- oder Schussszenen inszeniert. Da der Täter noch minderjährig war, wird er in psychiatrische Behandlung überwiesen und kommt nach zehn Jahren mit einer neuen Identität wieder auf freien Fuss.
Kann Liebe Wahrheit vertragen?
Tuomas (Marius Pallesen), der Bruder des Attentäters, hat in Bukarest seine Frau Stela (Victoria Leshkevich) kennengelernt. Nicht zuletzt wegen der Entfernung von Finland zu Bukarest hat Stela von diesem Amoklauf überhaupt keine Kenntnis. Auch hat niemand aus der Familie sie über diese Verwicklung eines Familienmitgliedes in ein Kapitalverbrechen unterrichtet. Warum auch – schließlich will man als Familie irgendwie doch zu einer Art Normalität zurückkehren.
Tereza kann es nicht ertragen, dass die Angehörigen des Mörders ihrer Tochter scheinbar unbeschwert ihr Glück genießen wollen und forciert die eine und andere Aussprache. In den Gesprächen treten immer mehr Details aus der Vergangenheit, dem Umfeld und den vermeintlichen Beweggründen des Täters zu Tage: Mobbing in der Schule, erniedrigende Videos von ihm im Internet, heimliche Schießübungen im Wald, Gewaltspiele im Internet.
Die Welt wird nach einer Katastrophe für mache Menschen manchmal sehr eng du klein. Foto: © Thomas M. Jauk
Schwer wiegt die Tatsache, dass sich herausstellt, dass sowohl Lilly (Viktoria Karlsson), die Ex-Freundin von Tuomas Bruder, als auch Tuomas in den Vorbereitungen und der Durchführung des Massakers mit eingebunden waren. Erst am Morgen während des Amoklaufes haben Lilly und Tuomas einen Rückzieher gemacht. Für Tuomas war sei Bruder ein Held – und er hat auch nun wieder Kontakt zu ihm. Trotz aller Scham liebt es seinen Bruder noch immer. Obwohl Stela nun um die Hintergründe weiß, will sie die Beziehung mit Tuomas fortsetzen, Tuomas gibt ihnen aber keine Zukunft.
Weiterleben – trotz allem
Mit großem Einfühlungsvermögen schildert das zehnsprachige Libretto wie durch eine große und starke Lupe betrachtet die persönlichen Zustände und Seelennöte aller Betroffenen, derer, die überlebt haben, derer, die als Familie nicht oder nur indirekt beteiligt waren und derer, die gestorben sind. Arbeitslosigkeit und vielfältige Ängste, Auswanderung, Flucht, Rückzug ins Private und eigene Innere, Scham und (Mit-)Schuld und das Gefühl, daß man diese Entwicklung des Täters doch früher hätte bemerken müssen. Spätestens an der Stelle, wo eine der Überlebende feststellt, dass sie am Morgen des Tages noch nicht wusste, welchen Beruf sie eines Tages erlernen wolle und am Abend wußte, dass sie Ärztin werden wolle, scheint die akribische Darstellung zu kippen. Der Versuch irgendwie alle Fragen der Welt dieses Amoklaufes in 105 Minuten klären zu wollen, gerät an seine Grenzen. Etwas weniger wäre hier mehr gewesen!
Die Musik ist – besonders auch in der Instrumentation – hochdifferenziert und weiß bei breiter Verfügbarkeit mannigfaltiger Stilanklänge das ganze Spektrum von Ausdrucksformen der Oper auszuschöpfen. Die Musik ist moderat modern und gut hörbar. Letztlich aber verpasst sie es immer wieder zum tragenden und tragfähigen Element der Oper zu werden. Trotz einer großen Ausdrucksbreite bleibt sie trotz mancher eruptiver Spitzen nur Untergrundmusik. Vielleicht ist gerade aber diese zurückgenommene Bedeutung der wirklich feinen „Untergrundmusik“ die einzige Möglichkeit einer solch tragischen Szene, die die Erkenntnis des Rufers aus Psalm 130 noch nicht erreicht hat, unprätentiös gerecht zu werden. Schade, dass ein solch bemerkenswertes Stück in Brauschweig nur sechs Aufführungen erleben darf!
Weitere Informationen:
- Weitere Aufführungstermine von „Innocence“ [Achtung: „Inocence“ wird in der kommenden Spielzeit nicht wieder ins Programm aufgenommen!]: https://staatstheater-braunschweig.de/produktion/innocence
- Am 31. Mai, 19:30 Uhr, findet eine Vorstellung mit Audiodeskription für blinde und sehbehinderte Menschen statt.
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