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„Die Zauberflöte“ am Theater Bremen. Vorabfoto: Jörg Landsberg

„Die Zauberflöte“ am Theater Bremen. Vorabfoto: Jörg Landsberg

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Gleichzeitigkeit von Hoffnung und ihrer Unmöglichkeit – „Die Zauberflöte“ am Theater Bremen

Vorspann / Teaser

Es ist nun schon eine jahrzehntelange Inszenierungstradition der weltweit meistgespielten Oper, dass sie sich jeglicher Deutbarkeit entzieht. Wolfgang Amadeus Mozarts in seinem Todesjahr 1791 entstandene „Die Zauberflöte“ brilliert geradezu mit dramaturgischer „Unlogik“, was Georg Wilhelm Friedrich Hegel dazu führte, sie in seinen Vorlesungen in den Zwanzigerjahren des neunzehnten Jahrhunderts ein „Machwerk“ zu nennen. Und je mehr Zeit vergeht, sind wir – die RegisseurInnen und das Publikum – aufgefordert, die Fässer zu nennen, die Mozart so unsterblich und gewaltig aufmacht – es zumindest zu versuchen.

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Und das sind u.a. die auch gewalttätigen Erziehungssysteme, die man in der Zauberflöte auch Gehirnwäsche nennen könnte, die Frage nach dem Erwachsenwerden und der Liebe, und immer wieder ganz groß eben die Frage nach der Mündigkeit und Selbstständigkeit der Menschen: Damit steht das Werk an der Nahtstelle zwischen Absolutismus und Aufklärung. Und ist – heute mehr denn je – hochaktuell. Dass Mozarts Spätwerk sich in diesen Fragen nie erschöpft, sondern im Gegenteil, zeigte jetzt der zukünftige Operndirektor am Theater Bremen, Marco Štorman.

Štorman ist in Bremen kein Unbekannter, er hat hier Benjamin Brittens Außenseiterdrama „Peter Grimes“ inszeniert, „Parsifal“, dann „Candide“ von Leonard Bernstein und „Lulu“ von Alban Berg. Konsequent beantwortet Štorman für die „Zauberflöte“ keine einzige Frage, sondern arbeitet im Gegenteil an Punkten und knallt die regelrecht heraus, an denen wir weiterdenken können und müssen ... für Mozart ist nach dem wilden Optimismus der „Hochzeit des Figaro“ über „Don Giovanni“ und „Cosi fan tutte“ alles anders geworden. Und Štorman präzisiert: Paminas Bild ist ein leuchtender kleiner Stern, der an eindeutigen Körperstellen leuchtet. Diesen Stern hat auch Papageno statt eines Glöckchenspiels: Beide Männer, schon im Projektionsbild zur Ouvertüre innigst verbunden, suchen zum Teil reichlich verdaddelt und homoerotisch aufgeladen nach einer Neudefinition einer (ihrer) fragwürdig gewordenen Männlichkeit. Dazu gehört auch die enorm selbstständige Pamina – der einzige Kuss der Oper findet zwischen Pamina und Papageno statt –, während die schlichte Papagena mit ihrer Hoffnung auf die „vielen Kinderchen“ im Bühnenboden versackt. 

Das Ganze hat viele Science-Fiction-Elemente. Pamina ist gefangen in einer außerirdischen Kommando-Kabine, aus der später auch Papagena herauskrabbelt (geschickte und geheimnisvolle Bühne von Jill Bettermann). Die verbalen Dialoge sind gestrichen, dadurch geht besonders bei Papageno viel Witz verloren. Szenen sind umgestellt, seine Vorstellungssarie singt Papageno zum Beispiel viel später an einer anderen Stelle, als Pamina ihn fragt: Wer bist du denn? Und als Vogelfänger ist er auch nicht angezogen: Er trägt eine dicke Daunenjacke, die ihm viel zu groß ist – sucht er auch so seinen Ort? Für die weiß gekleidete Pamina – Kostüme von Sara Schwartz – scheint alles easy zu sein, was habt ihr überhaupt? Unabhängig und selbstsicher geht sie mit ihrer narzisstischen Mutter um, bis sie ob der Zumutung, dass sie Sarastro ermorden soll, doch eher einknickt. 

Die ständigen Seitenwechsel – wer gehört eigentlich zu wem – machen sich fest an Monostatos, der – hier natürlich weiß – zu einer Schlüsselrolle wird: Sarastros Strafe für seine Vergewaltigungsmentalität vollzieht er selbst an sich. Zunächst markiert er den Wechsel der Lager, dass es bei Sarastro so menschenlieb nicht sein kann, dann merken es Tamino und Pamina, die zwar ihre Prüfungen bestehen, aber im neu erworbenen Kosmos hilf- und orientierungslos umherirren. 

Musikalisch erleben wir mit den Bremer Philharmonikern einen echten Sasha Yankevych: enorme Tempi, klare Profilierungen der Soli und immer ein synkopengeschärfter Vorwärtsdrang, der die Sehnsuchtsebene der Inszenierung bestens unterstützt. Und die SängerInnen: alle dank einer szenisch wie musikalisch präzisen Führung und intensiver Persönlichkeiten auf begeisterndem Stand: Elisa Birkenheier als coole Pamina, Ulrike Mayer als quirlige Papagena, Diana Schnürpel als wütende Königin der Nacht und Sara-Jane Brandon, Nadine Lehner und Nathalie Mittelbach als durchaus unterschiedliche drei Damen, die aus der Luft herangeschwebt kommen. Jan Spinetti als schöner, leicht begriffsstutziger Tamino, Arvid Fagerfjäll als suchender Papageno, Jasmin Rammal-Rykala als Sarastro, der seine Welt nicht mehr versteht. Zentrale Wucht kam von Fabian Düberg als Monostatos.

Nicht wenige Regisseure haben ja gesagt, dass Mozarts „Die Zauberflöte“ das schwierigste Stück überhaupt sei. Diese Aufführung räumt mit allen Vorurteilen über das ewig rätselhafte Werk erneut auf und verweigert erneut mögliche Antworten. Denn die Ambivalenz ist ja komponiert: Wie es weitergeht, weiß niemand. Štorman sagte im Interview, es kann gar nicht genug Zauberflöten geben. Recht hat er. Die Nachdenklichkeit, mit der man nach Hause ging, macht glücklich. Stehende Ovationen. 

  • Weitere Aufführungen: 29.5., 6., 16., 25 und 28. Juni und 2. Juli. Die Inszenierung wird in die nächste Spielzeit übernommen. 

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