Die Dur-Moll-Skalierung, gleichschwebende Temperatur und Taktmetrik der europäischen Musik entwickelte sich im 17. und 18. Jahrhundert zeitgleich mit der Vermessung, Klassifikation und Eroberung der Welt durch die Kolonialmächte. Was bedeuten vor diesem Hintergrund dann im 20. Jahrhundert die Auflösung der Funktionsharmonik, die Emanzipation des Geräuschs und die Nutzung des gesamten Raum-Zeit-Kontinuums? Der Mensch hat sich mit Wissenschaften, Werkzeugen und Technologien die Natur verfügbar gemacht und im Zuge dieses Rationalisierungsprozesses wird auch in Kunst und Musik nichts mehr von Systematisier-, Gestalt- und Komponierbarkeit ausgeschlossen. Entfernen sich dadurch Kunst und Natur immer weiter voneinander? Oder schlägt im Sinne von Horkheimer/Adornos „Dialektik der Aufklärung“ Musik womöglich wieder in Natur um, nachdem sie dieser einst durch artifizielle Setzungen abgetrotzt wurde?
DIe letzte Seite der nmz 2026/05.
Lausch der Glaskugel
Wechselwirkungen
Wie lassen sich die Wechselwirkungen zwischen Musik und allgemein gesellschaftlichen, technologischen und wirtschaftlichen Entwicklungen ergründen, zumal wenn wir Beobachtende selbst Teil des beobachteten soziokulturellen Gefüges sind und an den Rändern unserer Erfahrung ständig merken, dass ein Überblick über das Ganze unerreichbar ist? Statt sich in vagen Spekulationen zu verlieren, sollte man sich besser auf das Hier und Jetzt an Musik konzentrieren. Davon gibt es reichlich bei Frühlingsfestivals in Tirol, München, Hannover, Schwetzingen und anderswo. Denn wie in einer Scherbe der großen Glaskugel kann in jeder uraufgeführten Komposition ein Quäntchen Welt- und Selbsterkenntnis aufblitzen.
Die vierte Ausgabe des Kammermusikfestivals „listening closely“ in Wattens, Innsbruck und Schwaz in Tirol bietet vom 1. bis 10. Mai die Premieren von Bernd Richard Deutschs „Stati d’animo“ für Quatuor Diotima, Ralph Mothwurfs „Konzert für Saxophon und Modern Jazz Orchestra“ sowie eines neuen Werks von Çya Bazzaz/Hannes Vonmetz für Tambourin und Stimme. Die Münchener Biennale für neues Musiktheater präsentiert vom 8. bis 20. Mai unter neuer Leitung von Katrin Beck und Manuela Kerer Novitäten von Zara Ali, Piyawat Louilarpprasert, Daniela Strasfogel, Asia Ahmetjanova/Franziska Angerer, Monthati Masebe, Maximiliano Soto Mayorga, Margareta Ferek-Petrić, Ailís Ní Ríain/Julie Herndon und Yuri Umemoto. Die KunstFestSpiele Herrenhausen haben mit Brigitta Muntendorf ebenfalls eine neue Leiterin. Uraufgeführt wird in der Hannoveraner DHC-Halle am 29. Mai die Club Opera „die tonight – live forever“ auf ein Libretto von Sivan Ben Yishai mit Musik von Michael Beil, Oxana Omelchuk und Benjamin Scheuer. Und die Schwetzinger SWR Festspiele präsentieren am 17. Mai erstmalig Bushra El-Turks „Ṣadā. A Dialogue in Wood“ mit Cellist Lionel Martin, Stuttgarter Kammerorchester und SWR Experimentalstudio.
Weitere Uraufführungen:
- 09.05.: Jay Schwartz, Arbor Vitae für SWR-Vokalensemble, St. Fridolinmünster Bad Säckingen; Žaneta Rydzewska, Superheroines, und Alex Hren, Cotton Candy für Ensemble Musikfabrik, Kölner Philharmonie
- 10.05.: Sara Glojnarić, Station Paradiso, Eine Mixtape-Oper, Staatsoper Stuttgart; Bret Dean, Of One Blood, Nationaltheater München
- 11.05.: Riccardo Nora, Soloperkussionstücke für Dirk Rothbrust, Studio Musikfabrik Köln
- 14.05.: Sarah Nemtsov, WIR (WE), Theater Dortmund
- 16.03.: Elena Kats-Chernin, Simsalabim – Das magische Leben des Dr. Schreiber, Sächsische Staatsoper Dresden
- 30.05.: Malika Kishino, IROHA-Chant für Kölner Vokalsolisten und Choreographie von Stephanie Thiersch, Abschlusskonzert zamus: early music festival Cologne, St. Michael Köln; Enjott Schneider, Orgelsinfonie No. 17 Der Schwan, eine mythologische Reise mit Jean Sibelius, St. Martin Memmingen
- Share by mail
Share on