Anna Weber macht Gioachino Rossinis „Die Reise nach Reims“ zu einem kurzweiligen Dauerspaß. Das Ensemble des Theater Bremen ist in der Lage, Rossini als den Vater der Gesangskunst zu präsentieren.
Adele Lorenzi, Fabian Düberg, Diana Schnürpel, Christoph Heinrich (hinten), Nathlie Mittelbach, Oliver Sewell, Daniel Ratchev, Arvid Fagerfjäll, Elias Gyungseok Han, Yoona Jang. Foto: Jörg Landsberg
Surrealistischer Blödsinn in der Oper – Rossinis „Die Reise nach Reims“ in Bremen
Was für ein Abend! Stehende Ovationen dankten dem Theater Bremen für die Premiere „eines der verrücktesten und erheiterndsten Unterhaltungsstücke, die je aus der Feder eines Opernkomponisten geflossen sind“, so Richard Osborne über Gioachino Rossinis 1825 in Paris uraufgeführte Oper „Il Viaggio a Reims“. Dieses „dramma giocoso“ tobte jetzt drei Stunden lang regelrecht in einer Inszenierung von Anna Weber. Die an der Hochschule für Musik Hanns Eisler in Berlin ausgebildete Regisseurin debütierte 2022 am Nationaltheater Weimar und mischt die Opernszene seitdem mit einem ganz eigenen Stil auf: Sie will die jungen Menschen und Opernmuffel wieder ins Theater bekommen. Wer will das nicht, aber Weber hat da so ihre Methoden in einer Mischung aus freier Szene und Stadttheatern. Sie setzt ebenso auf qualifizierte Unterhaltung wie auf klare gesellschaftspolitische Positionen. Und sie lässt die Musik mitreißend leben. Welches Stück würde da besser passen als jene Oper von Rossini, die der Komponist nach ersten Erfolgen wieder zurückzog, die dann lange verschollen war und 1984 von Claudio Abbado in Pesaro wiederaufgeführt wurde. In der letzten Zeit war das absurde Stück u.a. 2019 in Dresden, 2024 am Salzburger Landestheater und 2025 in Leipzig zu hören.
„Il Viaggio a Reims“ ist eine satirisch erzählte Story, in der sozusagen nichts stimmt und die Vorlage für eine unfassbar sprudende Musik bildet, mit der der dreiunddreißigjährige Komponist nicht nur den Text, sondern seine Gattung auf den Arm nimmt, indem er zu grotesken Situationen seine SängerInnen in immer verrücktere Virtuosität treibt. Es geht um eine neunköpfige Truppe von adeligen Reisenden, die, eingeladen zur Krönung Karl X., irgendwo an der Weiterfahrt gehindert werden, weil es keine Kutschen mehr gibt. Diese Menschen beschnüffeln, begehren und streiten sich auf unterschiedliche, vollkommen absurde Weise, und es gibt ein Happy End. Da schlägt Weber zu und macht mit deutschen Dialogen und italienisch gesungenen Arien etwas ganz anderes aus der Story: Mit dramaturgischen Purzelbäumen trifft sich zu einem Gesangswettbewerb für die Jury eine Reihe von berühmten SängerInnen. Eine von ihnen, Corinna, erinnert sich, dass vor zehn Jahren – wieder an einem Gesangswettbewerb – ein Mordanschlag auf sie ausgeübt wurde. Sie überlebte und will nun herausbekommen, wer das war. Dazu überredet sie Madame Cortese, den Hotelaufenthalt zu organisieren: die Truppe hängt in Bremen wegen eines Sturms fest und das Theater Bremen wird umgebaut: Die Reise nach Bremen heißt es nun, und eine Krimikomödie wurde uraufgeführt.
Elisa Birkenheier (hinten), Nathalie Mittelbach, Oliver Sewell. Foto: Jörg Landsberg
In einem genialen Bühnenbild von Stella Lennert, das den Hotelflur nachbildet, treffen sich die bizarr gekleideten Ehemaligen – Kostüme von Hanna Rode – wieder und Altes kommt ebenso hoch wie sich Neues bildet. Ein ausgeschlagenes Auge läuft herum, ebenso eine verbrannte Hand, der Koch serviert ganze Schweineköpfe und auch sonst nur alles aus Schwein, eine Languste verfängt sich auf dem Esstisch, eine Hotelzimmerflucht und ein Fahrstuhl sorgen für permanent neue Halluzinationen und Überraschungen. Corinna geistert als weißes Gespenst durch die Flure. Durch geschickte Videorückblenden – von Cantufan und Lio Klose – besuchen wir den damaligen Wettbewerb, in dem Corinna sich schon frühzeitig als unschlagbare Siegerin herausstellt. Nun halten alle zusammen, sie soll umgebracht werden.
Corinna kann sie überführen und jetzt wird die ganze Truppe zu den bewegenden Klängen aus Rossinis „Stabat mater“ in den Himmel geführt, Weber versagt das Happy End. Dieser Moment, der unvermittelt aus dem ganzen surrealistischen Blödsinn eine zutiefst existenzielle Situation beschwört, ist in jeder Hinsicht großartig und ergreifend gelungen.
Und das Ensemble ist in der Lage, Rossini wieder einmal als den Vater der Gesangskunst zu präsentieren: allen voran glänzend Elisa Birkenheier als einsame Corinna, Nathalie Mittelbach als dauererregte Diva Marchesa Melibea, Diana Schnürpel als superkomische Hutfetischistin mit einem kleinen Leoparden als Schosshündchen, den Corinna schlachten lässt, Adele Lorenzi als stramm organisierende Madame Cortese, Oliver Sewell meisterhaft komisch (ein Cowboy mit Fellmantel) mit perfekt sitzenden Koloraturen, Arvid Fagerfjäll, Fabian Düberg, Elias Gyungseok Han, Christoph Heinrich und Daniel Ratchev runden ein Ensemble ab, von dem man gar nicht genug kriegen kann. Auch der Chor (Karl Bernewitz) konnte sängerisch und spielerisch glänzen. Dasselbe gilt für die Bremer Philharmoniker, denen Sasha Yankevych eine rasende und quirlige Komik abverlangt, Weber bescheinigt der Musik eine „unglaubliche Sogwirkung“. Ovationen zu Recht!
- Die nächsten Aufführungen: 14., 19. und 28.2., 13. und 22.3., 3. und 26.5.
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