[…] Ein bedeutendes, wenngleich auch problematisches Ereignis war die Aufführung des Fragments „Atlantida“ von Manuel de Falla in einer Neufassung von Ernesto Halffter. Diese „szenische Kantate“ war von dem de Falla-Schüler Halffter bereits zwischen 1954 und 1961 in eine mehr oder weniger praktikable Form gebracht und konzertant und auf der Bühne mehrfach ausprobiert worden. Seinerzeit erntete Halffters Arbeit mehr Kritik als Begeisterung. So machte sich der Bearbeiter auf, eine neue Version herzustellen. Sie wurde in Luzern zum erstenmal aufgeführt. Freilich konnte auch sie nicht restlos befriedigen. Möglich, daß sich de Falla, ein langsam und heikel produzierender Autor, überhaupt schwer tat mit der monumentalenen Konzeption eines „Hauptwerks“; er begann „Atlantida“ bereits 1928 und bei seinem Tode 1946 lagen offenbar nur Einzelteile fertig vor, das meiste sonst auf losen Skizzenblättern. Halffter blieb freilich auch jetzt wieder die Auskunft darüber schuldig, welche Abschnitte von de Falla stammen und welche der Ergänzer de facto hinzukomponieren mußte. So ist die „Atlantida“ weiter ein geheimnisvoller Zwitter.
Vor 50 Jahren: Manuel de Fallas „Atlantida“
Der katalanische Dichter Jacinto Verdaguer gibt in seinem Atlantis-Poem eine mystisch-katholische Synthese antiker Motive und mittelalterlich-spanische Legendenhaftigkeit (wohl kein Zufall, daß sich gerade der ultramontane deutsche Dirigent Eugen Jochum für das Werk einsetzte). De Falla, der 1939 Franco-Spanien verließ, fühlte bald vielleicht selbst ein Unbehagen angesichts dieses Stoffes, dessen ideologisches Substrat durchaus in die Nähe falangistischer Geschichts-Glorifizierung hätte gerückt werden könne. Demgegenüber setzte sich der künstlerische Impuls, ein typisch iberisches Gegenstück zu den szenischen Oratorien Strawinskys, Honnegers und Milhauds zu schaffen, beim Autor nicht durch.
Hans-Klaus Jungheinrich, Neue Musikzeitung, XXV. Jg., Nr. 4, Oktober 1976
Der groß und lapidar angelegte Prolog scheint noch am ehesten den „echten“ de Falla zu zeigen. Halffter ließ ihn und den ersten Teil des dreiteiligen Werkes gegenüber der 1961 vorgelegten Fassung so gut wie unberührt. Dramaturgisch raffende Veränderungen und Umstellungen gab es vor allem im zweiten Teil; im Schlußabschnitt wurde die bombastische Chor-Apotheose nun weggelassen, das Werk endet jetzt, bald nach dem Gebet der Königin Isabella, mit einem verhaltenen Chorbild. […]
Hans-Klaus Jungheinrich, Neue Musikzeitung, XXV. Jg., Nr. 4, Oktober 1976
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