Joe Henderson +++ Yusef Lateef +++ Ike Quebec
Nach einem halben Jahrhundert klingt das Spiel von Joe Henderson immer noch wie auf dem neuesten Stand
Drei Meister des Tenorsaxophons
Nach einem halben Jahrhundert klingt das Spiel von Joe Henderson immer noch wie auf dem neuesten Stand, so auf „Consonance“ mit umwerfenden Live-Aufnahmen von 1978. Seine Soli haben himmlische Längen (fünf Stücke sind länger als 20 Minuten) aber so atemberaubend und energetisierend, dass man als Hörer stets bei der Stange bleibt und davon nicht ermüdet, sondern gestärkt wird.
Nach einem halben Jahrhundert klingt das Spiel von Joe Henderson immer noch wie auf dem neuesten Stand
„Inner Urge“ heißt das zweite Stück dieses Albums und es beschreibt, obwohl es anders gemeint war, was wir in diesem Konzert im Chicagoer Jazz Showcase erleben. Drang von innen: Da spielt keiner, der es ebenso hätte lassen können. Und keine Phrase, keine Wendung ist antrainiert. Das Ausprobieren auf offener Bühne war sein Ding. Das Repertoire – etwa sein berühmtes „Recorda Me“ oder die Ballade „Good Morning Heartache“ – mag man ja gut von ihm kennen, doch keine Version gleicht der anderen. Wenn Jazz, wie Whitney Balliett es einmal formulierte „the sound of surprise“ ist, dann verkörperte Joe Henderson ihn in besonderer Weise. Der liebenswürdige Gigant des Tenorsaxophons wurde hier mit einem an Coltranes Begleitgruppe der 60er-Jahre gemahnenden Trio aus Joanne Brackeen (Klavier), Steve Rodby (Bass) und Danny Spencer (Schlagzeug) in Bestform aufgenommen. (Resonance Records)
Den Begriff Jazz lehnte der Multiinstrumentalist Yusef Lateef für seine Musik strikt ab; er nannte sie „Autophysiopsychic Music“. Die auf „Golden Flower – Live In Sweden“ erstmals veröffentlichten Aufnahmen entstanden mit dem Drummer Al „Tootie“ Heath und 1967 mit Lars Sjösten (p), Palle Danielsson (b) beziehungsweise 1972 Kenny Barron (p) und Bob Cunningham (d). Viele seiner einst radikalen Ideen –modale Spielweisen, fremde Skalen – waren inzwischen Teil des modernen Jazz und ein übermäßiger Sekundschritt aus einer arabischen Skala klang schon ebenso vertraut wie eine blue note. Auf diesen Auftritten ließ er die meisten seiner exotischen Instrumente daheim, verzichtete größtenteils auf „Exotik“ und ließ Oboe sowie zahlreiche fremde Instrumente weg. Im Fokus standen sein kraftvolles Tenorsaxophon und die eindringliche Querflöte, die er selbst „auf dieselbe Weise, wie die Fulani-Hirten in Nigeria aus Baguda-Bäumen“ fertigte. Überraschungen gibt es bei ihm immer: Im ersten Konzert kommentiert er die schlichte Melodie des Abzählversleins „One Little Indian“, die von der Rhythmusgruppe durchaus „straight“ begleitet wird, mit Free-Jazz-Kaskaden auf dem Saxophon – sein humoriger Kommentar zum Jazz jener Tage. Das zweite Konzert endet in einer zwanzigminütigen Blues-Ekstase: „Yusef’s Mood“. (Elemental Music)
Im Gegensatz dazu kein unveröffentlichtes Material und doch nicht sonderlich bekannt: Auf „The Complete Blue Note 45 Sessions“ sind alle Singles versammelt, die der Tenorsaxophonist Ike Quebec zwischen 1959 und 1962 aufnahm. Sie waren nicht etwa LP-Auskopplungen, sondern wurden auf die Bedürfnisse der Musikboxhörer nach tanzbarer, melodisch eingängiger Musik zugeschnitten und weisen daher auch die Besetzung der damals gerade populären Orgelcombos auf. Er hatte wegen seiner Heroinabhängigkeit viele Jahre keine Aufnahmen mehr gemacht, als er mit diesen Singles für seine raue, aber herzliche Spielweise neue Anhänger fand. Quebec war einer der besten Tenorsaxophonisten der späten Coleman-Hawkins-Schule und ein Meister von Blues und Balladen. Standards wie „Ill Wind“ oder „If I Could Be With You“ finden sich hier in geradezu exemplarischen Interpretationen. Er zelebrierte sie nicht nur mit seinem sinnlichen Sound, sondern servierte sie wie ein guter Geschichtenerzähler mit logischer Linienführung, Liebe zum Detail und stimmigem Spannungsaufbau, ohne je die Haupthandlung, das melodische Thema, aus dem Blick zu verlieren. (Blue Note)
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