Bohuslav Martinůs Symphonik +++ Anne-Sophie Mutters 50-jähriges Bühnenjubiläum
Bohuslav Martinůs Symphonik: Gesamteinspielung der Bamberger Symphoniker unter Jakub Hruša
Ein Spätberufener, eine Dauerbrennerin
Geheimnissvolle Glissandi, betörende harmonische Rückungen, eine zwischen slawischer Schwermut und französischer Finesse oszillierende Kantilene, ein subtil in den Orchestersatz verwobener Klavierpart, metrische Überraschungen: Von den ersten Minuten seines ersten Gattungsbeitrags an nimmt uns Bohuslav Martinůs Symphonik gefangen. Serge Koussevitzky, der Martinů schon seit dessen Pariser Zeit in den 1920ern kannte und schätzte, haben wir es zu verdanken, dass aus dem Spezialisten für moderne Concerti grossi ein veritabler Symphoniker wurde. Er beauftragte 1942 die erste Symphonie für sein Boston Symphony Orchestra und wurde auch Widmungsträger der ernsteren, dramatischeren Dritten (1944) mit ihrem packenden Largo-Mittelsatz. Martinus sechste und letzte Symphonie („Fantaisies symphoniques“) ist ebenfalls mit dem Orchester in Boston assoziiert, das sie 1955 anlässlich seines 75-jährigen Bestehens unter Charles Munch uraufführte. Dessen überragende, im Jahr darauf für RCA entstandene Aufnahme der formal faszinierend freien Sechsten ist vielleicht die einzige Referenz, hinter der die neue Gesamteinspielung der Bamberger Symphoniker unter Jakub Hruša ein wenig zurücksteht. Ansonsten ist diese Box mit drei CDs vorbildlich gelungen. Die Bamberger stürzen sich mit hörbarem Enthusiasmus in diese für sie nicht alltägliche Klangwelt und finden für die wechselnden Werk- und Satzcharaktere den richtigen Ton. Hruša fächert Martinůs feine orchestrale Mischungen vorbildlich auf, wählt überzeugende Tempi und hält diese rhythmisch präzise, aber immer elastisch auf Zug. (Deutsche Grammophon)
Bohuslav Martinůs Symphonik: Gesamteinspielung der Bamberger Symphoniker unter Jakub Hruša
Diese Aufnahme zeigt, was bei einem Major Label (hier in Co-Produktion mit dem Bayerischen Rundfunk) möglich ist, während eine andere CD die Kehrseite dokumentiert. Denn der DG ist zu Anne-Sophie Mutters 50-jährigem Bühnenjubiläum nicht mehr eingefallen als eine lieblose Best-of-Playlist (kein physisches Produkt). So realisiert die Geigerin – immerhin der größte internationale Klassikstar Deutschlands der letzten Jahrzehnte – ihr Aufnahmeprojekt mit ihr gewidmeten Werken bei Alpha Classics. Das erste Album („East Meets West“, wiederum mit dem BR und weiteren Partnern produziert) vereint Werke vom Solo über Kammermusik bis zum Konzertstück mit Orchester. „Likoo“ von Aftab Darvishi ist ein eindringlicher Klagegesang auf die blutig niedergeschlagenen Proteste gegen das iranische Regime von 2022/23, der angesichts der aktuellen Lage schmerzhaft aktuell ist. Die Komponistin greift darin Elemente aus der persischen Volksmusik auf, darunter charakteristische, absteigende Glissandi, und verschränkt sie auf zwingende Weise mit der klassischen Tradition unbegleiteter Violinmusik, wobei Bach einen naheliegenden Bezugspunkt bildet. „Gran Cadenza“ von Unsuk Chin verwandelt die klassische Virtuosentradition in ein intensives Duo für zwei Violinen, das Zwiegesang und Konfrontation miteinander verschränkt. Nancy Zhou ist hier voll auf Augenhöhe mit der Maestra. Jörg Widmanns geistreiches 6. Streichquartett – die erste seiner Auseinandersetzungen mit Beethovens Quartettschaffen – realisieren Mutter und ihre (Ex)Stipendiat:innen mit überragender Technik und mitreißender Verve. Ein Zitat aus Sibelius’ sechster Symphonie steht am Beginn von „Air – Hommage to Sibelius“ für Violine und Orchester von Thomas Adès. Es entfaltet sich ein etwas gleichförmiger, in der zweiten Hälfte der gut viertelstündigen Spielzeit sich intensivierender Gesang, der die isoliert-resignative Stimmung des Entstehungsjahrs 2021 zu reflektieren scheint. Das Ereignis ist hier Anne-Sophie Mutters von innen heraus glühender Ton, den sie mit feinen Vibratoabstufungen differenziert.
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