Lange Zeit führte die E-Gitarre ein Schattendasein in der zeitgenössischen Komposition. Instrumente, die ihren angestammten Ort in der vermeintlich ordinären Rockmusik hatten, waren in der Adorno-gestählten europäischen Avantgarde über Jahrzehnte hinweg eher ungern gesehen. Das änderte sich merklich zu Beginn des neuen Jahrtausends als eine junge Komponistengeneration ganz neue Klangideale implementierte.
Darmstädter „Electric Guitar Diaries“
Stratocaster-Avantgarde
Einen sehr schönen Einblick in die holprige Erfolgsgeschichte der E-Gitarre in der Neuen Musik gibt eine ansehnliche Schallplatten-Box des Internationalen Musikinstituts Darmstadt (IMD) zusammen mit der Basler Musik Akademie, die den Beginn der „Darmstadt Sonicals“ markiert. Die Veröffentlichungsreihe will sich weniger ausgetretenen Pfaden der Geschichte zeitgenössischer Komposition widmen, die in Darmstadt dennoch ihre Spuren hinterlassen haben. Yaron Deutsch, momentan der E-Gitarrist der Neuen Musik-Szene, hat sich in den „Electric Guitar Diaries“ durch die Darmstädter Archive gewühlt und aus 60 Jahren Aufführungsdokumenten eine Geschichte der E-Gitarre modelliert. Das kann natürlich keinen Anspruch auf Vollständigkeit erheben: Klassiker des Solo-Repertoires wie Tristan Murails „Vampyr!“ (1984) oder Fausto Romitellis „Trash TV Trance“ (2002) wird man ebenso vermissen wie die frühen, aber wegweisenden Experimente des Norwegers Bjørn Fongaard aus den 1960er-Jahren. Dennoch veranschaulicht das reichhaltige Material wesentliche ästhetische Entwicklungen und ist allemal für Entdeckungen gut. Technisch stand dabei keine digitale Glättung des vielfach historischen Materials im Vordergrund, sondern wird die Atmosphäre des dokumentierten Live-Geschehens bewusst erhalten, Stör- und Nebengeräusche inklusive. Über die ersten vorsichtigen Einbeziehungen der E-Gitarre in den Ensembleklang bei Mauricio Kagel („Sonant“, 1960) und Lukas Foss („Paradigm“, 1969) führt der Weg zunächst zu den französischen Spektralisten: Hugues Dufourts „La Tempesta d’après Giorgione“ stellt 1976 einen ersten Höhepunkt dar, wo die E-Gitarre kein schüchterner Zaungast mehr ist, sondern elementarer Bestanteil eines hybriden Klangraumes.
Darmstädter „Electric Guitar Diaries“
Der Großteil des zu Tage geförderten Materials stammt jedoch aus den vergangenen 20 Jahren und dokumentiert das Schaffen einer Komponistengeneration, die unter dem Primat der Verstärkung für einen klangästhetischen Paradigmenwechsel einsteht. Nun konnte die E-Gitarre – im Leisen wie im Lauten – mit all ihren spezifischen Timbres und Effekt-Apparaturen zum elementaren Bestandteil instrumentaler Ensembletexturen werden. Dabei wurde beileibe nicht nur das omnipräsente Mittel der Verzerrung ausgereizt. Stücke wie Alexander Schuberts „Bird Snapper“ (2012) oder Elena Rykovas „Know-how to skyrocket your Stratocaster and Zigzag to Callisto“ (2018) arbeiten in energetischen Performances ganz bewusst mit den Klischees des Instrumentes. Anderes wiederum dekontextualisiert die E-Gitarre komplett aus ihrer rockmusikalischen Herkunft: als eingeschmolzener Teil geräuschträchtiger Klangräume wie in Clara Iannottas „Outer Space“ (2018); als Inszenierung abstrakter Rhythmustexturen aus Kabelgeräusch und dem Klacken ein- und ausgeschalteter Effektgeräte in Simon Löfflers „For three musicians“ (2012).
Erweitert wird das auf drei Schallplatten gepresste Material durch eine „Online Edition“, die auf den gängigen Streaming-Plattformen verfügbar ist. Sie verspricht weitere Entdeckungen mit Stücken etwa von Mark Barden, Peter Evans, Brian Ferneyhough, Stefan Prins, Matthew Shlomowitz oder Jagoda Szmytka. Hervorzuheben sind neben den instruktiven Einführungen von Yaron Deutsch und Christoph Haffter auch die sehr guten Werkportraits der Darmstädter Teilnehmer! In Zeiten umfassender Ent-Materialisierung ist diese LP-Box von vorne (Grafik) bis hinten (Texte) eine Wohltat! (IMD; 3 LPs)
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