Hauptbild
„Schönberg pfeifen“ mit Wolf, Marino Formenti und Schnaps. Foto: Filmgarten

„Schönberg pfeifen“ mit Wolf, Marino Formenti und Schnaps. Foto: Filmgarten

Hauptrubrik
Banner Full-Size

The Artist Is Present

Untertitel
Marino Formentis „Schönberg pfeifen“ im Film bei Wien Modern
Vorspann / Teaser

Angenommen, es gäbe einen Marina-Abramović-Award, für den ebenfalls Musiker in Frage kämen, auch wenn Teodor Currentzis sich selbst anböte und trotz Patricia Kopatchinskaja, die im besagten Projekt allerdings einen wunderbaren Auftritt hinlegt, so gebührte ein solcher Preis dennoch einzig und allein Marino Formenti. So wie sich die große, mittlerweile zur universalen Balkan-Antigone avancierte Performancekünstlerin stets individuell der Empfangsbereitschaft und oft auch Willkür einzelner ihres Publikums ausgesetzt hat, wochenlang etwa in „The Artist Is Present“, so hat auch der feinfühlige italienische Pianist und hingebungsvolle Performer immer die eigene Person in die Musik und ihren jeweiligen Kontext auf eine Weise eingebracht, auf dass diese Art von Präsenz in einer weit größeren aufging.


 

Publikationsdatum
Paragraphs
Text

Auf dass die Werke begannen, ganz anders als gewohnt zu wirken, umfassender, aufgehobener, gleichermaßen ver- wie entweltlicht. Ob mit Feldman, Cage, Lang und Satie 24/7 in „Nowhere“, ob bei tagelangen Improvisationen über Frobergers berühmteste Fantasie in „Ma Mort“, oder in „Triester Straße 66“, als Marino Formenti einen Monat lang unter und mit den vielen Bewohnern eines sozialen Wohnblocks in Graz lebte, sprach und aß, mit einer finalen Party am Schluss und der Verlesung der Universalen musikalischen Menschenrechte. Wo Kunst und Kontext immer öfters in großsprecherischem Anschlussgeschwurbel vitriolisiert werden, da sind Formentis nicht minder anspruchsvolle Projekte subtiler, menschennäher, eindrücklicher, nicht zuletzt schlicht pianistischer.

Nun hat heuer zu Wien Modern, wo beinahe zeitgleich Intendant Milo Rau sich großsprecherisch an Peter Thiel verhob, Marino Formentis neustes Projekt als Film von Thomas Marschall Premiere gehabt: „Schönberg pfeifen“, zum 150. Geburtstag des immer noch nicht wirklich geliebten Wiener Großmeisters. Fast als würde er das alte Wienerlied „Weil i a oider Draher bin“ heimlich mitsummen, zieht der Pianist mit seinen, natürlich: Bösendorfern an Orte und Unorte des heutigen Wien, um jedermann und -frau mit Musik und, ja, Schnaps anzulocken, und um so Schönbergs vielleicht sogar halbernstes Bonmot zu überprüfen, eines Tages würden die Leute seine Musik auf den Straßen nachpfeifen wie etwa die Prager das „Non piu andrai“ aus Mozarts Figaro vor fast 240 Jahren. Nun also die Wiener und Wientouristen, nun also Teile und Phrasen aus Schönbergs Klavierstücken op. 11 und 19, Ausschnitte aus dem „Pierrot Lunaire“, in einer Shoppingmall, im Schlosspark von Schönbrunn, inmitten des Bahnhofsvorplatz-Charme am Praterstern, auf dem Flohmarkt am Naschmarkt, unter den aufwändig kos­tümierten Besuchern einer Cosplay Messe. Ein Ringelspiel von Szenen und Situationen, ein mehr oder weniger zufälliges Kaleidoskop durchweg einzigartiger Menschen, von der Stargeigerin bis zum Obdachlosen. Diese und alle anderen neugierigen Passanten egalisiert ebenso wie individualisiert allein die Übung, ein paar Töne mit Stimme und allerlei Luftgeräuschen nachzuahmen.

Weil Formenti ein musikalischer Herumtreiber und zugleich ein exquisiter Menschenfänger ist, ein empathievoller Draher halt, kommt es dabei reihum zu großartigen Momenten, ob sie nun Sekunden dauern oder mehrere Minuten. Nicht immer wird dabei Schönberg gepfiffen, manchmal herzerwärmend schräg und unrhythmisch, manchmal aber auch mit verblüffendem Intonationsvermögen und Taktgefühl. Es wird über das, was die einzelnen so an musikalischen Habseligkeiten mitbringen freudig improvisiert, über Gott, Schönberg und die Welt geredet, Waldhimbeergeist getrunken, werden Philosopheme und Plattitüden ausgetauscht, und jedes Mal eröffnen sich vermittels der Musik Lebensräume, dem Œuvre Schönbergs mal näher, mal ferner, und jedes Mal von diesem angeregt und für dieses empfänglich. Und wie Schönberg sich seiner Exzeptionalität zwar bewusst war, sich jedoch nicht als den einzigen Musiker empfand, so klingt auch öfters andere Musik an: Liszt, Bachs C-Dur-Präludium (WT 1), Chopins postumes cis-Moll-Nocturne sowie, schlicht umwerfend, die Verleumdungsarie aus Rossinis „Barbier“, vorgetragen von Formenti und einem 87-Jährigen, der seine Zähne dank der Mangelwinter im Nachkriegs-Wien verloren hatte und sich selbst welche anfertigen will.

Wer sich fragt, was das alles mit Musik im Allgemeinen und der Schönbergs im Besonderen zu tun hat, der kann in den musikalischen Performances von Marino Formenti oder auch in diesem Film sehen und hören, dass sie der Grund für das alles nicht nur sein kann, sondern vielmehr ist. Wo ansons­ten nichts zu bemerken wäre, stellt sie etwas dar und hin. Die Kunst ist anwesend.

Disclaimer: Dieser Text ist auch eine späte Reverenz an einen einfachen Klavierabend vor beinahe zwanzig Jahren. In Passau. Marino Formenti spielte „… sofferte onde serene…“ von Luigi Nono und unter anderem Schumanns „Geistervariationen“. Was schon alles sagt.

Kinotipp

  • „Schönberg pfeifen“, 75 Minuten, Österreich 2026, Buch: Marino Formenti und Thomas Marschall, Regie und Kamera: Thomas Marschall; der Deutschland-Start steht noch aus

Weiterlesen mit nmz+

Sie haben bereits ein Online Abo? Hier einloggen.

 

Testen Sie das Digital Abo drei Monate lang für nur € 4,50

oder upgraden Sie Ihr bestehendes Print-Abo für nur € 10,00.

Ihr Account wird sofort freigeschaltet!