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The History of Sound

The History of Sound

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Von der Stille zu ersten Aufnahmen

Untertitel
Der Film „The History of Sound“ imaginiert zwei Pioniere der Klangaufzeichnung
Vorspann / Teaser

Der originale Filmtitel signalisiert zu viel. Erzählt wird nicht „The…“, also „Die Geschichte…“, sondern „Eine…“, also „A…“ – sonst wäre ja wohl doch eine mehrteilige Serie oder Dokumentation angebracht. Davon ist der Film von Oliver Hermanus weit entfernt: er umfasst zwei fiktive Lebensspannen von 1910 bis 1980 – doch er verzichtet im Erscheinungsjahr 2025 fast vollständig auf den heute üblichen durchgehenden „Sound“ – zwei Stunden gleichsam wohltuend neues Hören aus der Stille heraus… schon das ein Film-Erlebnis der besonderen Art!

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Der südafrikanische Regisseur Hermanus (*1983) hat nicht eine reale Geschichte aus der Tonaufzeichnung aufgegriffen, sondern den Autor Ben Shattuck gebeten, seine Kurzgeschichte zum Drehbuch zu weiten. Selbst homosexuell, hat Hermanus die zeitweilige Beziehung der zwei Hauptfiguren aber nicht zum alleinigen Zentrum seines Films gemacht. Tatsächlich geht es beiden um alle Klänge: über Kindheit, Studentenzeit bis ins Mannesalter – und bei einem dann über seine Gesangs- und Lehrtätigkeit bis ans Lebensende. Da wird Lionel (Paul Mescal) aus der Stille der Farm in Kentucky als Junge eingeführt, der alle Klänge synästhetisch erlebt: ein „D“ ist gelb, das h-Moll der Geige seines Vaters „bitter“… Mit seiner schönen Stimme bekommt er ein Stipendium am renommierten Boston Conservatory, lernt über das sie verbindende, traditionelle Folk-Liedchen „Silver Dagger“ in der Studentenkneipe David (Josh O’Con­nor) kennen. Beider scheue Liebe wird 1917 durch den Kriegseintritt der USA unterbrochen.

Als David lebend zurückkehrt, gibt er vor, von einem College einen Forschungsauftrag zu haben. Beide beginnen einen Marsch durch die vielfältige Landschaft Maines. Wo immer sie singenden oder musizierenden Menschen begegnen, ob mit „Fiddel“, begrenzter Stimme, im schönen Duett oder gar als kleine Singgruppe: sie nehmen auf einem „Edison Standard“ Walzen mit dieser traditionellen Musik, mit alten Songs und Balladen auf – besonders schön: dazwischen sind nur Naturlaute, spärlicher Dialog und – Stille (!) zu hören. Genau das gibt dem Film durchgängig eine eben leise, unwiderstehliche Aura, Feinheit und Intimität (ruhige Kamera: Alexander Dynan).

So wirkt der Tod des Vaters in den niedrigen Zweigen eines Apfelbaums wie „eingebettet“ in den Kreislauf der Natur. Die Begegnung mit vielfältig Musizierenden zeigt beider Sensibilität im Umgang mit diesen Menschen. Insgesamt aber bleibt die Filmhandlung dann bei den fiktiven privaten Lebensläufen von Lionel und David.

Beider Leben trennen sich, die Verbindung reißt ab; dann endet sie reizvoll mit dem Wiederauffinden aller Walzen – und zeigt dann 1980 den zum „Ethnomusikologie-Professor“ aufgestiegenen Lionel beim Zurücksinken in die Klangerinnerungen.

Den anspruchsvollen Filmtitel im Kopf muss sich da der Musikfreund wünschen, dass die Handlung zumindest einmal die reale Klanggeschichte der Folk-Music einblendet: dass der erst posthum ausgezeichnete, überragend verdienstvolle Alan Lomax auftaucht, dessen Folk-Music-Recherchen und -Aufzeichnungen alles überragen; zumindest Leadbelly, Muddy Waters, Bessie Smith oder Jelly Roll Morton sollten als schon damals bekannte Stimmen auftauchen – und dass der Name „Woodie Guthrie“ überhaupt nicht genannt wird, ist befremdlich…

So bleibt als Haupteindruck: dass eher die Frauen überragen. Das leise sorgende Leben der Mutter Lionels macht Molly Price bewegend ansichtig und „Silver Dagger“ vergisst der Musikfreund nicht. Die mit David bis zu seinem frühen Tod verheiratete Belle zeigt Hadley Robinson als zerbrechlich zarte Frau, die alle Briefe und eben den Walzen-Koffer aufgehoben hat. Die Aufnahme der anrührenden Ballade „The unquiet Grave“ im ärmlich dunklen Zuhause der jungen Farbigen namens „Thankful Mary Swain“ macht Briana Middleton zu einem unvergesslichen Fixpunkt des ganzen Films – ursprünglich-einfacher „Sound of Music“, der überwältigt und Augen feucht werden lässt…

Aus der Film-Stille zurück in unsere „Sound“-Welt könnte vielen Musikfreunden eine historische Szene einfallen: Hellsichtig gesteht der damals etablierte Komponist Arthur Sullivan bei der Ton-Vorführung eines Edison-Walzen-Grammophons im Oktober 1888 (!), dass er neben allem Staunen über diese Errungenschaft doch erschrocken sei „bei dem Gedanken, dass so viel abscheuliche und schlechte Musik für immer festgehalten werden könnte“ – hat er unsere Kaufhaus-, Bar- und Kneipen-Klangwelt bis hin zum eigenen Streaming-Smartphone geahnt?

  • Ab 9. April in den deutschen Kinos

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