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Geschichtenerzähler Florian Paul überzeugt auch live. Foto: Paul Kreuzer

Geschichtenerzähler Florian Paul überzeugt auch live. Foto: Paul Kreuzer

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Genre is dead – es lebe die Melancholie

Untertitel
Einfach guter Pop oder doch mehr? – Florian Paul & Die Kapelle der letzten Hoffnung
Vorspann / Teaser

Da gibt es dieses eine Lied, das wir durch Zufall auf Spotify gefunden haben und uns beide gleichermaßen begeistert: Der Zirkus.

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Text

„Wir saßen auf staubigen 
Fensterbänken
Und rauchten und hörten 
Jacques Brel
Und wie‘s nun mal kommt, seit wir Menschen gedenken
Da streifen sich Blicke und Hände recht schnell
(…) 
Seh‘n sie den Zirkus der Sehnsucht heut Nacht!
Den traurigen Clown, den 
Dompteur
Den Affen, der brav seine 
Kunststückchen macht
Den albernen blinden Jongleur
Und ich tanz auf dem Drahtseil, mit Dornen im Schuh
Aber du sitzt da unten und siehst gar nicht zu
Du trinkst deinen Weißwein, 
du lehnst an der Bar
Wer liebt, der ist in Gefahr.“

Wir, das sind mein 19-jähriger Sohn, der normalerweise Bands wie 01099, Bones MC oder Ski Aggu hört (fragen Sie mich nicht, wer das ist…), und ich, fast 58, groß geworden mit Velvet Underground und Jacques Brel. Abgesehen von dem tiefsinnigen Text ist da natürlich die melancholisch mitreißende Melodie, gespielt von einer richtig guten Band (damals) mit Flurin Mück (Drums), Sam Hylton (Keys), Nils Wrasse (Saxophon) und Robin Jermer (Bass) – über allem die ausdrucksstarke rauchige Stimme des damals erst 23-jährigen Florian Paul, der alle Texte und Kompositionen der Band alleine verantwortet.

Seit dem Debüt-Album „Dazwischen“ (Millaphon Records/Blaue Katze) und dem „Zirkus“ von 2019 ist einiges passiert. Aber gehen wir kurz zurück zu den Anfängen in einer kleinen Stadt namens Schwelm, der „Pforte Westfalens“, nahe Wuppertal. Dort wächst Florian Paul als Sohn eines Ingenieurs und einer Cello spielenden Musiklehrerin auf und macht im Elternhaus musikalisch Bekanntschaft mit Reinhard Mey und Herbert Grönemeyer. Weitere Vorbilder sind Die Toten Hosen und Udo Lindenberg: „Ich bin tatsächlich der allergrößte Tote-Hosen-Fan. Ich könnte, glaube ich, jetzt aus dem Stegreif, ohne Textzettel, ein zwei Stunden-Tote-Hosen-Programm aufführen. Solange ich nur singen muss, wäre das kein Problem. Ich komme ja aus NRW, und Düsseldorf war nicht weit, da war das natürlich total das Ding“, erzählt er im Interview im Proberaum im Münchener Gasteig.

Auf zum Theater

Nach dem Abitur geht Florian Paul nach Bochum und will Schauspieler werden, erst mal beim Off-Theater-Ausbildungsprojekt „Theater total“. Nach dem ersten Jahr geht es mit der Shakespeare-Inszenierung „Viel Lärm um nichts“ drei Monate auf Tournee, und er stellt fest, dass „einige einfach viel besser sind“. Er fängt an, im Stück Musik zu machen, spielt Gitarre und Cello. Als nach der Ausbildung alle an Schauspielschulen vorsprechen, will er sich lieber an einer Musikhochschule für klassische Komposition einschreiben und merkt, dass er von Musiktheorie keine Ahnung hat. Bei einer Lehrerin der Folkwang Hochschule Essen nimmt er Unterricht, bas­telt an einer Mappe und bewirbt sich, aber schnell wird klar, dass das auch nicht so wirklich sein Ding ist.

Zwischenzeit

Weil er auf der Shakespeare-Tour auch für das Lichtkonzept verantwortlich war, spielt Florian Paul kurzzeitig mit dem Gedanken, sich als Beleuchter am Schauspielhaus Bochum zu bewerben. Doch besagte Folkwang-Lehrerin rät ihm: „Fahr nach München zur Aufnahmeprüfung für Filmmusik. Die ist zwar die härteste, aber die ticken anders. Das könnte dir gefallen.“ Also macht er das und ist zunächst entmu­tigt, weil alle Mitbewerber bereits Komposition oder ein Instrument studiert haben. Er rechnet sich kaum Chancen aus.

Dann sitzt im Kolloquium Gerd Baumann, Professor für „Komposition für Film und Medien“ an der Hochschule für Musik und Theater München (HMTM), Leiter des Instituts für Neue Musik, Komposition und Dirigieren sowie seit zehn Jahren eine Hälfte des gefeierten Duos Dreiviertelblut. Am Abend ruft er an der HMTM an, um das Ergebnis zu erfragen. „Gut, dass Sie anrufen“, heißt es dort. „Sie sind der Letzte. Alle anderen sind raus.“ Baumann hat sein Talent klar erkannt und wird fortan ein Förderer und Wegbereiter. „Unbezahlbar“, nennt Paul ihr Verhältnis. „Ohne ihn gäbe es diese Band nicht.“

„Wenn du mich suchst, 
ich bin dazwischen
Und warte, dass der Nebel sich 
verzieht.
Zwischen Selbstmitleid und 
Größenwahn,
Industriegebiet und Autobahn.
Dazwischen
baue ich Schlösser aus den 
Scherben der Vergangenheit,
suche nach der Wirklichkeit.
Zwischen Anarchie und Kir Royal
und Nymphenburg und 
Wuppertal…
Dazwischen
ziehe ich einsam meine Bahnen durch den Strom der Zeit
suche die Leichtigkeit auf deiner Haut“.

Das Filmmusik-Studium verbindet genau die Bereiche, die ihn interessieren: Regie, Film und Musik. Er schreibt und komponiert Lieder und findet Gleichgesinnte unter seinen Kommiliton:innen, die seine Ideen ins­trumental mit ihm umsetzen. Eine Band entsteht, das erste Konzert findet über die Vermittlung Baumanns 2018 in der Milla statt. Als das Programmheft in Druck gehen soll, fehlt noch ein Bandname: „Ich weiß noch, dass ich das Wort ‚Kapelle‘ mochte. Das fand ich irgendwie witzig. Ein paar Tage später waren wir auf einer Bar-Neueröffnung. Alle hockten so rum, keiner wusste, wie es weitergeht, wie das halt so ist. Dann kam unsere Freundin Marie dazu, und jemand sagte: ‚Ein Glück! Gut, dass du kommst. Marie, du bist unsere letzte Hoffnung.‘ Und in dem Moment hat es bei mir sofort klick gemacht. Ich dachte: Letzte Hoffnung – das ist doch ein geiler Begriff. Also ‚Kapelle der letzten Hoffnung‘.“

Auf Sand gebaut

2019 geht es dann richtig los: Mit dem ersten Album „Dazwischen“, mit Auftritten in ganz Deutschland, unter anderem im Berliner „Tipi am Kanzleramt“. Schnell sind die Newcomer für 2020 ausgebucht – dann kommt Corona. 2022 dann die zweite Platte: „Auf Sand gebaut“, die musikalisch schon einen Schritt weiter geht, aber dem „Zeitgeist“ entsprechend sehr nachdenklich und melancholisch wird: Unsere „Heile Welt“, wie wir sie kannten, zerbricht …

Außerdem will Paul einen Film dazu drehen und schreibt parallel zur Platte ein Drehbuch. Er sammelt via Crowdfunding 20.000 Euro, bekommt FFF-Förderung, letztendlich dreht er mit 60.000 Euro Budget und teilweise 120 Leuten am Set. Der 30-minütige Film „Auf Sand gebaut“ mit Elisa Schlott, Konstantin Gries und Oliver Stokowski spielt in einer surrealen beengten Welt, in der ein Paar jeden Tag Ravioli aus er Dose isst und um 17 Uhr in die Bar Kalypso geht. „Aber da muss doch mehr sein, oder?“ „Auf Sand gebaut“ gewinnt beim Fünf-Seen-Festival als bester Mittellang-Film den ersten Preis.

Auch Florian Paul und seine Band, heute in der Besetzung Johannes Roth­moser (Drums), Giuliano Loli (Keys), Nils Wrasse (Saxophon) und Susi Lotter/Hannah Wiese (Bass), bleiben nicht stehen. Sie mögen es auch gar nicht, in die Chanson-Ecke gestellt zu werden. „Großen Pop“ streben sie an: „Natürlich haben wir uns das am Anfang ein Stück weit selbst eingebrockt – durch die Orte, an denen wir gespielt haben, durch die frühen Texte, durch die Art, wie das Ganze begonnen hat. Aber das, was wir heute machen, hat mit Chanson eigentlich nichts mehr zu tun.“ Und wer sich durch das dritte Album „Alles wird besser“ genau durchhört, wird auch eines Besseren belehrt. Das ist einfach tanzbarer Pop mit intelligenten Texten und eingängiger Musik.

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v.l.n.r.: Johannes Rothmoser (Schlagzeug), Giuliano Loli (Klavier), Florian Paul, Susi Lotter (Bass) und Nils Wrasse (Saxophon). Foto: Joel Heyd

v.l.n.r.: Johannes Rothmoser (Schlagzeug), Giuliano Loli (Klavier), Florian Paul, Susi Lotter (Bass) und Nils Wrasse (Saxophon). Foto: Joel Heyd

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Live und ausverkauft

Beim Konzert im Dezember 2025 in der ausverkauften Muffathalle in München fällt einem sofort wieder auf, wie generationenübergreifend auch seine Fans und das Publikum sind. Mütter und Töchter, Frauengruppen um die 40, junge Menschen natürlich auch … Florian Paul und seine Kapelle begeis­tern Menschen, die Melodien, Geschichten und Haltung suchen. Die Show ist von Anfang bis Ende einfach mitreißend. Die Bässe dringen in untere Körperregionen, eine moderne Lichtregie – dem „großen Pop“ sehr angemessen. Während dann auf der großen Bühne noch ein Lichtoval pulsiert, erscheinen drei der Musiker mitten im Saal und singen a cappella nur mit Gitarre begleitet „Wie Planeten“, was den einen oder die andere ein Tränchen zerdrücken lässt. Ein magischer Moment und „nur ein Hauch von Glück, den man nie wieder vergisst“ – wie wahr.

Alle, abgesehen vom Schlagzeuger, sind übrigens angenehm langhaarig, keine Selbstverständlichkeit heutzutage. Als Frontman ist Florian Paul im schwarzen Anzug und weißem Hemd charismatisch und hat sicherlich das Zeug zum Popstar, aber er ist auch ein Teamplayer und lässt den Soli des Weltklasse-Saxophonisten und Multiinstrumentalisten Nils Wrasse zum Beispiel viel Raum. Die Kapelle der letzten Hoffnung ist eine echte Live-Band, die ihre Fans auch übers echte Spielen gewinnt, weniger online oder über Social Media, wovon Florian Paul wenig begeistert ist. Und der studierte Filmkomponist versteht es einfach, Emotionen zu wecken. Seine Texte haben immer poetische Tiefe und sind nie banal. Mitgesungen wird bei „Geheimnis“, „Alles wird besser“ oder „Einfach nur liegen“ kräftig, was auch für Gänsehautmomente sorgt.

Ausblick

Dieses Jahr wird es wieder ein neues Album geben, Arbeitstitel „Hauptsache anders“, Release im November im Circus Krone in München. Florian Paul möchte es „mehr als echte Band“ konzipieren und realisieren: „Mehr gemeinsam im Raum, mehr Zusammenspiel, weniger dieses Hin-und-Herschicken von Spuren. Ich habe total Lust auf dieses klassische Arbeiten: zusammen schreiben, zusammen proben, zusammen aufnehmen. Wir wollen weg von diesem permanenten Release-Druck, nicht alle drei Monate irgendwas rausballern, sondern wieder ein klares Projekt ins Leben heben. Schreiben, aufnehmen, fertig. So, wie man es früher gemacht hat.“ Chapeau.

  • Film-Porträt „Endlich unsterblich“ in der BR-Mediathek

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