Die jazzahead! feiert Geburtstag! Zum 20. Mal öffnet die Musikmesse in Bremen die Pforten. Sie hat sich vom kleinen Szenetreffen zu einer internationalen Branchenplattform entwickelt, für die rund 20 000 Teilnehmende erwartet werden. 38 Showcases stellen neue Bands vor, insgesamt 160 Konzerte reichen mit Clubnacht und Grand Opening nach Bremen und neuerdings Bremerhaven hinein. Sybille Kornitschky ist als Leiterin von Anfang an dabei und wird seit drei Jahren von Götz Bühler als künstlerischer Berater unterstützt. Ralf Dombrowski sprach mit ihr über das Partnerland Schweden, die Chance der Labelarbeit und die Perspektiven und Wünsche für die nächsten 20 Jahre.
Sybille Kornitschky. Foto: © jazzahead!
Brücken bauen in die Jazzmärkte der Zukunft
neue musikzeitung: Bei einem Jubiläum geht der Blick zugleich zurück und nach vorne. Welche Themen sind aus Sicht der jazzahead! gerade wichtig?
Sybille Kornitschky: Da gibt es einiges, wir haben Schwerpunktthemen ausgewählt. Zwei davon sind mir im besonderen Maße wichtig. Das eine ist ‚Jazz in den Medien‘, in diesem Jahr mit Fokus auf Jazz im Radio. Gemeinsam mit der EBU (‚European Broadcasting Union‘, www.ebu.ch) wird es da vor allem um das Gegensatzpaar ‚Menschliche Leidenschaft und Kuration vs. KI und Algorithmen’ gehen. Jazz in den Medien ist einerseits ein Dauerthema und wenn wir über Zukunft des Jazz nachdenken, dann brauchen wir die Medien. Da reicht es nicht zu jammern, sondern wir müssen an die Verantwortung appellieren und sie mit ins Boot holen. Es geht da nicht um Bashing etwa der Öffentlich-Rechtlichen. Das machen andere. Wir wollen eher die positiven Seiten sehen.
nmz: An welche Initiativen knüpft ihr an?
Kornitschky: Wir freuen uns, dass die EBU mit etwa 15 Producern aus ganz Europa vor Ort sein wird. Sie ist mit einem internen Treffen bei uns, aber eben auch durch die Präsenz auf der Messe. Wir würden uns natürlich freuen, wenn das zu einer Dauerinstitution werden könnte. Es ist ein Austausch, nicht überall sieht es gleich aus und von guten Beispielen kann man ja etwas lernen. Vielleicht kann man auch manches übernehmen. Wir versuchen außerdem, Menschen einzuladen, die nicht aufgegeben haben, ihre Vision von Jazz im Radio umzusetzen. Da haben wir noch Joker im Ärmel, die aber eine Überraschung bleiben.
nmz: Und der andere Schwerpunkt?
Kornitschky: KI wird dieses Jahr eine größere Rolle spielen. Da hat es im Vorfeld zum Beispiel zusammen mit unserem Partnerland Schweden einen Workshop gegeben. Schweden wird mit der STIM (www.stim.se), quasi der schwedischen GEMA, auf die Messe kommen und ein Projekt vorstellen, das sich neben der Rechtewahrung auch um Einnahmen kümmert. Das läuft unter der Rubrik ‚How intelligent artists use Artificial Intelligence‘. Und das wollen wir gemeinsam mit Schweden ausführlich bearbeiten. Da steht eine Premiere, eine spezielle Präsentation auf der jazzahead! auf dem Plan.
nmz: Diese Verbindung liegt bei Schweden als Heimat von Spotify ja nahe …
Kornitschky: Wir hatten auch überlegt, ob wir Spotify dazu bewegen, auf der Messe zu erscheinen, schon aus diesem Grund. Allerdings meinten die schwedischen Kolleg:innen, dass der Dienst mit ihrem Land kaum noch etwas zu tun hat. Er hatte mal seinen Ursprung in Schweden, aber wohl nicht einmal mehr einen eigenen Standort im Land. Das ist längst ein globales Unternehmen.
nmz: Wo arbeitet die Messe noch mit Schweden zusammen?
Kornitschky: Ein weiterer Punkt ist ‚Mentale Gesundheit‘. Da wird Schweden einige Themen öffnen, aber auch andere Länder und Initiativen sind da sehr aktiv. Unser Programm speist sich immer schon aus drei Elementen, unsere eigenen Themen, die Dinge, die wir in Koproduktion auf die Beine stellen, und die Themen von Dritten. Da hat sich gezeigt, dass viele Angebote von unseren Ausstellenden in Richtung ‚Mental Health’ gehen.
nmz: Welche Themen betreffen darüber hinaus direkt die einzelnen Beteiligten?
Kornitschky: Worum geht es in vielen Fällen? Ein Drittel der Teilnehmenden sind Künstlerinnen und Künstler. Sie haben ein Ziel: Sie wollen gebucht werden. Sie wollen gesehen, wahrgenommen, besprochen werden. Wir kümmern uns daher um die Frage: Wie sieht denn das Buchungsverhalten in Europa tatsächlich aus? Wir geben der Initiative ‚Voice for Jazz Musicians in Europe‘ (VJME, vjme.eu) hierfür ein Podium, die hat das Buchungsverhalten statistisch evaluiert.
Gefühlte Wahrheiten
Es gibt oft gefühlte Wahrheiten, die aber nicht immer mit der Wirklichkeit übereinstimmen. Und da gibt es jetzt endlich eine wirkliche Grundlage, über die man sprechen kann. Aus Dänemark kommt eine Initiative ‚Who gets the Gig?‘, die auch die Hintergründe der Genderthematik behandelt. Wie viele Frauen stehen tatsächlich in den Programmen?
nmz: Jazz ist traditionell die Spielwiese kleiner Labels …
Kornitschky: Und die sind auch einer unserer Schwerpunkte. Wie sieht heute erfolgreiche Labelarbeit aus? Zwei Labels haben wir eingeladen, exemplarisch ihre Arbeit genauer vorzustellen. Das ist zum einen Unit Records aus der Schweiz, die in diesem Jahr sogar mit vier Showcases auf der Bühne vertreten sind. Das zweite Label ist Edition Records aus England von Dave Stapleton. Es fällt auf, dass viele der erfolgreichen Labels heutzutage von Musiker:innen geführt werden. Sie bringen viel von ihrer eigenen Erfahrung mit, denken Labelarbeit anders als früher und bekommen die Grenzen, an die sie stoßen, von mehreren Seiten zu spüren. In den Vorgesprächen nahm auch Dave Stapleton oft Bezug auf die Verantwortung der Medien. Das ist ihm sehr wichtig.
Wenn es denn noch welche gibt. Die Erwerbsgrundlage ist für Freischaffende nahezu vollständig weggebrochen. Was auch daran liegt, dass Labels kaum Anzeigen schalten, die wiederum das Überleben von Magazinen ermöglichen.
Spannende Debatten
Aber das fühlt sich ja auch nicht gut an. Klar, den Zusammenhang zwischen Anzeigen und Aufmerksamkeit hat es immer schon gegeben. Aber wie viel Gewicht haben Anzeigen in Printmedien noch? Für Labels rechnet sich das nicht immer. Community-Building findet vor allem online statt. Social Media wird gerne verteufelt, bei Streaming ist es ähnlich, aber sie haben ihre Funktion. Traditionelle Medien sollten viel mehr am Community-Building von Künstlern beteiligt werden. Da steht uns eine spannende und produktive Debatte bevor! Am besten wäre es, wenn wir damit das Thema auch so setzen können, dass es fortlaufend behandelt wird und wir es immer weiter hervorholen können.
nmz: Welche Bedeutung haben im Zusammenhang der Labels denn Plattformen wie Bandcamp oder Soundcloud?
Kornitschky: In diesem Jahr sind sie nicht ausdrücklich dabei, auch weil uns die Zeit auf der Messe fehlt. Ich hätte da noch ein paar Wünsche mehr, gerade in diesem Feld von Community-Building. Aber bei manchen Themen müssen wir das kommende Jahr anvisieren.
nmz: Wie sieht denn die Wahrnehmung der Szene international aus?
Kornitschky: Dazu gibt es einige Punkte, zum Beispiel zum Blick von Amerika auf den europäischen und den deutschen Jazz. Da wird es ein Gespräch mit dem Agenten und Promoter Matt Merewitz geben, außerdem auch mit dem Künstler-Duo Genevieve Artadi und Louis Cole, das beim Grand Opening mit der schwedischen Norrbotten Big Band auf der Bühne steht. Gilles Peterson hätten wir gerne als Gesprächspartner gehabt, ist aber leider terminlich gebunden. Nächstes Jahr vielleicht! Bei anderen warten wir noch auf Bestätigung, es lohnt also, unsere Neuigkeiten per Newsletter oder auf unserer Webseite zu verfolgen.
nmz: Wo gibt es denn wirklich einen Grund zum Feiern?
Kornitschky: Also wir haben das Gefühl, dass wir trotz aller Widrigkeiten und Schwierigkeiten der letzten Jahre – Corona, Kriege, ein Markt, der sich komplett verändert – eine voraussichtlich tolle Veranstaltung haben werden. Und dass es immer noch Leute gibt, die tatsächlich zum ersten Mal kommen. Wir haben auf der Messe extra eine große Fläche für diese neuen Köpfe freigehalten, denn es gibt ja weiterhin Menschen, die zum Beispiel neue Festivals kreieren! Unser Blick geht eher nach vorne, in die Zukunft.
nmz: Hilft da der Deutsche Jazzpreis, der ja im Umfeld der jazzahead auch in Bremen stattfindet?
Kornitschky: Die deutsche Jazzszene ist von Anfang an unser Kernthema. Und da arbeiten wir auch mit dem Deutschen Jazzpreis zusammen, um Synergien zu schaffen und zu vermeiden, dass Sachen einfach nur parallel laufen, die miteinander zu tun haben. Wir machen einen Talk mit dem Pianisten Moses Yoofee, der beim Jazzpreis auftreten wird. Und Götz Bühler moderiert die Veranstaltung. Unser Programm, das uns meiner Meinung nach in diesem Jahr besonders gut gelungen ist, spiegelt ja unser offenes Musikverständnis der jüngeren Szene wider. Das ist unser Blick auf die Jazzwelt von heute. Vielleicht ist es ja auch die Neue Deutsche Jazzwelle, die wir präsentieren.
nmz: Wie soll es denn weitergehen?
Kornitschky: Wenn man Geburtstag hat, darf man auch Wünsche äußern! Ich wünsche mir, dass man aufhört, die Szene kleinzudenken, sie in Schubladen zu packen und mehr die Chancen und Potentiale sieht, als das Beschwerdebuch zu öffnen. Wir verstehen uns als Brückenbauende für die Szene, hinein in Jazzmärkte der Zukunft, wie die pazifische Weltregion zum Beispiel ab dem kommenden Jahr. Wir versuchen zu vermitteln, an Exportstrategien für die Szene aus Deutschland zu arbeiten. Und wir sind noch lange nicht müde! ¢
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