Die Fachgruppe E-Musik plus (FEM+) des Deutschen Komponist:innenverbandes (DKV) verlieh am 16. Oktober 2026 im Rahmen der Donaueschinger Musiktage im Museum Art.Plus die Ehrennadel 2026 an die Komponistin Charlotte Seither. Die Laudatio hielt Frank Kämpfer als langjähriger Kenner ihres Schaffens und Wirkens. Mit dieser Auszeichnung würdigte die FEM+ eine der profiliertesten Persönlichkeiten der zeitgenössischen Musik, deren künstlerisches Schaffen, kulturpolitisches Engagement und unermüdlicher Einsatz für die Belange der Komponierenden die Neue Musik in Deutschland und weit darüber hinaus nachhaltig geprägt haben. Auf ihrem Weg erhielt sie u. a. den Förderpreis der Ernst von Siemens Musikstiftung, das Stipendium der Villa Aurora Los Angeles, den Musikautor:innenpreis der GEMA und den Rom-Preis für die Deutsche Akademie Villa Massimo.
(v.li.): Andreas Fischer, Alexander Strauch, Charlotte Seither, Johannes K. Hildebrandt, Kathrin A. Denner und Laudator Frank Kämpfer. Die Laudatio können Sie auf www.nmz.de nachlesen. Foto: Bernhard Plechinger
Ehrennadel für Charlotte Seither
Ihr langjähriges Engagement ist prägend für die musikalische Kultur und die Interessen der Komponierenden. Sie bringt und brachte ihre Erfahrung und Überzeugungskraft in zahlreichen Gremien ein wie seit 2016 im Vorstand des DKV, im Präsidium des Deutschen Musikrates und bis 2025 im Aufsichtsrat der GEMA. Als Jurorin, Kuratorin und Mentorin setzt sie sich mit großer Leidenschaft für künstlerische Qualität, den musikalischen Nachwuchs und die Sichtbarkeit zeitgenössischer Musik ein. 2020 wurde sie von Kulturstaatsministerin Monika Grütters mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet.
Die FEM+ ehrte Charlotte Seither mit der Auszeichnung in Anerkennung ihres Lebenswerks, das künstlerische Exzellenz, gesellschaftliche Verantwortung und unermüdliches Engagement für die zeitgenössische Musik in beispielhafter Weise miteinander verbindet. Gemeinsam mit Charlotte Seither als langjährigem Mitglied im Vorstand des DKV engagieren sich die im Mai diesen Jahres neugewählten Persönlichkeiten in diesem Gremium. Hans Lüdemann will als neuer Vizepräsident dem komponierten Jazz größere Sichtbarkeit verleihen. Auf dem Weg zu einer möglichen neuen Fachgruppe gründet er aktuell mit Kolleg:innen die AG Jazz-Komposition im DKV. In der Vergangenheit fehlte es dafür sowohl an fachlicher Vertretung innerhalb des Vorstands als auch an gezielter Ansprache für Komponierende in diesem Bereich. Damit sollen zunächst Mitglieder des DKV angesprochen werden, die im Jazzbereich arbeiten, aber auch insgesamt die Jazzszene stärker sensibilisiert und auf die Aspekte ihrer Arbeit im Bereich der Komposition und deren besondere Bedeutung aufmerksam gemacht werden.
Auch Andreas Wolff und Hans-Ulrich Pohl sind neu im Vorstand des DKV und initiieren die AG PI (Populäre & instrumentale Musik). Die AG widmet sich den Anliegen der Kolleg:innen aus den Bereichen Pop, Rock, Songwriting, Schlager, Volks- und Blasmusik, Hip-Hop/Rap, EDM, Neoklassik, Crossover und derer, die sich im L/U-Bereich ansiedeln. Ziel der AG ist es, einen Raum für Austausch, Vernetzung und gemeinsame Interessenvertretung zu schaffen. Die vielfältigen Themen sollen von digitalen Geschäftsmodellen und Streaming über GEMA- und Live-Vergütungen bis hin zu KI, Urheberrecht und den Veränderungen der Arbeitswelt für Musikschaffende reichen.
Angestoßen von bisherigen und neuen Vorstandsmitgliedern erfolgt jetzt auch die Gründung einer AG mit dem Schwerpunkt Diversität, Inklusion und Fair Practice. Langfristig wird sie sich auch für Interessierte außerhalb des DKV öffnen.
Neu im DKV ist auch die Fachgruppe German Professional Arrangeurs & Producers (APRO) für Musikbearbeitung, Arrangement, Musikproduktion und Orchestration, die ihre Mitglieder durch Vernetzung, Information, Beratung und Workshops unterstützt und sich für faire Honorare und Beteiligungen in GEMA-Fragen einsetzt. Die Fachgruppe Deutsche Filmkomponist:innen DFK repräsentiert die Film- und Fernsehkomponist:innen im DKV. Mit diesen Angeboten unterstreicht der DKV sein genreübergreifendes Selbstverständnis und möchte die unterschiedlichen Sparten und Genres sich fachlich zu Berufsthemen entfalten lassen und mit den AGs und Fachgruppen in den Austausch bringen. Denn gemeinsam und dialogbereit werden wir am besten in diesen vielfältig krisenhaften Zeiten für den Bestand und die Bedeutung von Musikautor:innen eintreten können.
Laudatio für Charlotte Seither von Frank Kämpfer
anlässlich der Überreichung der FEM-Nadel des DKV am 16.10.2026 in Donaueschingen
Christa Wolfs Erzählung namens „Kein Ort. Nirgends“ skizziert eine saturierte Gesellschaft in der Gesellschaft, die wenig politische Wirkungskraft hat – sich aber mit Kunstschaffenden schmückt, die sich ihrerseits wirkungsarm an den Rand gedrängt fühlen. Der Ende der 70er erschienene Text spielt um das Jahr 1800 – in Winkel am Rhein, also „im Westen“, er meinte aber die Ex-DDR.
Eine der Hauptgestalten darin nun unternimmt eine Art soziales Experiment mit einem ihm treu ergebenen Hund: Das harmlose Tier, das durch Freude am Gehorchen auffällt, bekommt von zwei ihm vertrauten Personen Befehle, die es zuvor gern und oft ausgeführt hat – jetzt erfolgen sie allerdings zeitgleich, so dass sie sich widersprechen. Der Konflikt ist für den Hund nicht zu lösen – er läuft ratlos von einem Befehlsgeber zum anderen, legt sich schließlich in deren Mitte und schläft umgehend ein. Der Experimentator – kein Komponist, ein Theaterschriftsteller und Journalist – ringt seinerseits um eine Dramengestalt, die er mit Absicht als jemanden darstellt, der sich nicht durchringen kann, sich zu entscheiden, zu handeln. Andere als der vermeintliche Held werden folglich aktiv, er scheitert … und auch das Theaterstück bleibt Fragment, zumal sein Autor – historisch belegt – sich selbst das Leben nimmt.
Die Künstlerin und kulturpolitisch Tätige, die wir heute ehren, ist von anderer Art und Natur. Sie scheut keine Entscheidung und keinen Disput. Wissend durchaus um den eigenen Preis ihres Tuns, wissend auch um die mögliche Kraft ihres Beispiels, begibt sie sich aktiv mitten in das Ringen hinein: um Mündigkeit etwa, um Emanzipation, um Perspektiven für eine ganze berufliche Zunft. – Ich bin mir recht sicher, auch wenn sie einen Kampf nicht gewinnt, kommt sie ohne größeren Schaden davon. Anders als die oben erwähnte Romanfigur wird sie überleben. Ich hoffe … wir alle überleben und können fortfahren in unserem bisherigen Tun.
Die FEM-Nadel, ich meine die Ehrennadel der Fachgruppe E-Musik Plus des Deutschen Komponist:innen-Verbandes e.V. … diese Nadel wird, so wage ich jetzt zu behaupten, nicht an alle verliehen. Uneigennütziges Tun, Engagement im Übermaß, gepaart mit Sachverstand und Selbstreflektion scheinen mir entscheidende Voraussetzungen – zumal, wenn ich mir Personen und Institutionen, die sie bislang erhielten, vergegenwärtige.
In die Schaar derer, die mit Maß und Verantwortung handeln, zugleich hyper-wach Gegenwart orten, nicht zuletzt die Entwicklung und Arbeit anderer fördern und sichern – in jene kleine Schaar Integrer reiht die DKV-Jury in diesem Jahr Charlotte Seither. Charlotte, 1965 geboren im pfälzischen Landau, bekommt die FEM-Ehrennadel 2026 verliehen für … [ich zitiere:] „in Anerkennung eines Lebenswerks, das künstlerische Exzellenz, gesellschaftliche Verantwortung und unermüdliches Engagement für die zeitgenössische Musik in beispielhafter Weise verbindet“.
Die Erfahrung von komplexeren Widerspruchsgefügen, das Sich-orientieren darin und das Finden eigener Wege … all das hat Charlotte Seither bereits als Studierende exemplarisch gelernt. An der Hochschule Hannover das kulturpolitische Engagement – in Berlin das Widerstehen gegen Ver-suche, als Frau ins Bedeutungslose geschoben zu werden. Sensibilität für autoritäre Systemik wird dabei geweckt, und ein Lebensthema wird deutlich: die Frage nach Chancengleichheit der Geschlechter. Als eine der ganz wenigen Frauen steht sie das Kompositions-Studium durch, schließt es ab und entscheidet sich für den Beruf als musikalische Urheberin. Erste Orchesterwerke entstehen, der 1. Preis beim Internationalen Kompositionswettbewerb „Prager Frühling“ wird ein Markstein für sie: Künstlerische Autonomie ist erreicht – und anerkannt.
Ein international wahrgenommenes, erfolgreiches Komponieren in nahezu allen Gattungen beginnt – erstreckt sich über nun mehr als vier Jahrzehnte. Es wird mit namhaften Stipendien und Preisen bedacht – und unter den Deutschen, die sich bis heute schwertuen mit weiblicher Urheberschaft in der Musik, ist sie eine der wenigen Frauen ihrer Generation, die standhält in dem immensen Betrieb von Kunst und Kultur, ohne sich selbst aufgeben zu müssen dabei.
Frage an Charlotte Seither: Was ist für Sie wichtig? Die Antwort [ich zitiere wieder:] „Wichtig ist mir die Freiheit, mich nach meinen eigenen Wünschen und Bedürfnissen weiterentwickeln zu können. Dazu gehört der Umstand, von meiner Arbeit leben zu können, die eigenen Kräfte nicht an Dritte verkaufen zu müssen und zwischen eigentlicher und uneigentlicher Lebensaktivität unterscheiden zu müssen.“ – Das Statement, gedruckt im Ensemble Modern Newsletter vom April 2003, sagt viel. Vor allem sagt es etwas über den Glücksfall gelebter Wirklichkeit aus.
Ich überlege … genau dieser der Wortlaut könnte eigentlich auch von einer ihrer historischen Lieblings-Figuren sein, die Charlotte bis heute immer neu inspirieren. In diesem Fall wäre es die französische Schriftstellerin und Revolutionärin Olympe de Gouche (1748–93), die ergänzend zur berühmten Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte 1791 die überhaupt erste Erklärung der Rechte der Frau und Bürgerin verfasst. Stellen wir uns einmal vor, sagt Charlotte Seither, Olympe de Gouche wäre nicht unter die Guillotine gekommen, sondern hätte sich durchgesetzt und ihre Erklärung hätte Gesetzes-Charakter bekommen – wo wären wir heute da, und wie wäre das 19. Jahrhundert verlaufen?
Die Guillotinen von heute heißen Shitstorm, Mobbing, auch Selbstüberlastung. Charlotte Seither indes geht ihren Weg. Bei ihr kommt alsbald kulturpolitische Gremienarbeit zum Komponieren hinzu. Hineingedrängt hat sie sich nicht. Im Gegenteil: Zuweilen ist sie durchaus konsterniert. Aber mit anderen entscheiden zu können, überhaupt sinnvoll entscheiden, manches durchsetzen zu können – das überwiegt. 2016 wird sie in den Aufsichtsrat der GEMA kooptiert, wo sie (wie bekannt) neuneinhalb Jahre lang wirkt. Sie wird ins Präsidium des Deutschen Musikrats, in den Vorstand des Deutschen Komponist:innen-Verbandes, ins Präsidium der Guardini Stiftung und in andere Gremien geholt und sie erarbeitet sich dort einen unmissverständlichen Ruf: „Verantwortliches, nachhaltiges Handeln – dafür stehe ich.“
Das ist ein Statement! Gemeint ist es keineswegs als Binsenweisheit, viel-mehr birgt es eine Essenz: „Opfer ist, wer nicht handelt.“
Letzteren Satz nun hat die Komponistin Charlotte Seither gesagt, zu ihrer neuesten Bühnenfigur Leonore, in ihrem Bühnenstück „Fidelio schweigt“. Sie können mir folgen? Beethovens Oper ist das Ausgangsmaterial, die Komponistin setzt scharfe Schnitte und eine Gestalt von heute entsteht. [Zitat:] „Leonore ist kein Attribut des Mannes mehr – sie wird zum handelnden Subjekt, das am Ende über traditionelle Rollenmuster hinaus auf Augenhöhe steht zu allen anderen, die sie umgeben. Als Frau tritt Leonore aus ihrem Kontext heraus und wird fähig zur Macht, indem sie handelt. Dabei aber bleibt sie verletzlich. Empathie und Macht schließen sich also keineswegs aus, wenn man wirklich handlungsfähig ist. Darum geht es mir.“
Die Künstlerin, die politisch Wirkende und die Person – ich meine Charlotte Seither als Mensch – verbinden sich in dieser Figurendramaturgie. Für mich jedenfalls. Um es nicht misszuverstehen: Nicht um Machtwillen an sich geht es hier, nicht um etwas wie eine „Rache der Frauen“. Längst geht es um alle in diesem Land, die ernsthaft Ernste Musik schreiben wollen – auf dass sie auch morgen noch davon zu leben und ihre Stimmen dazu geltend zu erheben vermögen!
Ich will sagen: Deutschland hat es 2026 vielleicht noch selbst in der Hand kein „Kein-Ort-Nirgends“ zu werden. Kunst- und Kulturschaffende sind noch keine eingeschlafenen Hunde und müssen um des Überlebens willen noch nicht unbedingt schweigen. Anders aber als einstmals in Ostberlin, wo Charlotte Seither jetzt lebt, wird von ihnen heute keine Antwort erwartet auf die drängenden Fragen der Zeit.
Charlotte Seither als eine von ihnen aber hat durchaus die Begabung, das zu singende Wort und das gesprochene Wort auf heute hörbare Weise formulieren zu können und zur Geltung zu bringen. Es lohnt sich, beides genauer zu hören, denn …
„Du, Frank, Kunst und Kultur allein verändern nichts, es muss noch etwas dazu treten: nur das konkrete, verändernde Handeln verändert etwas – Dein Handeln als Mensch. Du verstehst, was ich meine?“ – Ja, ich verstehe, Charlotte. Und womöglich schon länger. Sonst hätte ich Dir nicht zwei für Dich wichtige Kompositionsaufträge erteilt und zwei CDs mit Dir koproduziert.
Ich verstehe – und ich gratuliere Dir heute, Charlotte – zur FEM-Nadel 2026! Und ich danke dem DKV-Vorstand für seine kluge Entscheidung.
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