Unsere Gesellschaft wandelt sich rasant. Schon lange reagieren Musikpädagoginnen und -pädagogen in ihrer täglichen Arbeit auf die veränderten Bedingungen, die mit diesem Wandel einhergehen. Wie viel dürfen wir fordern, wenn Kinder und Jugendliche bereits einen durchgetakteten Alltag bewältigen? Und was geben wir auf, wenn wir aus Sorge um ihre Motivation musikalische Ansprüche immer weiter zurückschrauben? Das Thema der mitunter schwierigen Vereinbarkeit von Qualitätsanspruch und Motivation in der musikalischen Ausbildung von Kindern und Jugendlichen greift mehr und mehr Raum. Die sich anschließende Frage nach den Auswirkungen auf die musikalische Nachwuchsförderung in unserem Land ist auch eines der viel besprochenen Themen des Deutschen Tonkünstlerverbands.
Cathleen Bergner, Bundespräsidium DTKV. Foto: Event Foto Jena
Anspruch, der Freude weckt
Als Moderatorin einer Diskussionsrunde von Musikpädagoginnen und -pädagogen auf dem diesjährigen Thüringer Musikschulkongress wurde mir deutlich, wie stark dieses Thema in den Vordergrund drängt. Ganztagsschulen, Nachmittagsbetreuung und Verdichtung des Schulstoffs lassen immer weniger Raum für die musikalische Ausbildung. Eine drastische Zunahme an alternativen Freizeitbeschäftigungen, in die sich der Instrumentalunterricht mit der stetigen Forderung nach dem häuslichen Üben nur mühsam einreiht, erschwert die Situation zusätzlich.
Wir erleben, wie die Bereitschaft zu intensiver Anstrengung bei Schüler:innen und Eltern zunehmend sinkt. Die Hemmschwelle, bei ersten Widerständen aufzugeben, ist niedriger geworden. Lehrkräfte berichten, wie vielerorts der Anspruch der Lehrenden nach musikalischer Qualität, technischer Präzision, Werktreue oder einem langfristigen Lernfortschritt in dieser Entwicklung kaum oder nur schwer umgesetzt werden kann. Oft bleibt keine Zeit, um konzentriert an einem einzelnen Takt zu arbeiten, Nuancen auszufeilen oder die Tiefe einer Passage zu durchdringen. Was für einen Großteil der Lernenden kurzfristig mehr zählt, sind unmittelbare Erfolgserlebnisse, emotionale Selbstwirksamkeit und Entspannung als Ausgleich zum verschulten, stressigen Alltag. Die Eltern stehen im Spannungsfeld zwischen Leistungsstolz und konsumorientierter Haltung: „Es soll in erster Linie Spaß machen.“
Damit stehen Lehrkräfte in einem scheinbaren Dilemma, das sich zunächst mit den beiden Begriffen Leistung und Spaß zusammenfassen lässt. Wie können wir dem begegnen? Wir alle wissen, ein Entweder-oder gibt es an dieser Stelle nicht. Der Schlüssel liegt zwangsläufig in der Verbindung dieser beiden scheinbaren Gegensätze. Wir möchten jungen Menschen einen Zugang zur Musik eröffnen, der Freude macht, Kreativität weckt und zugleich in die Tiefe führt.
Motivation entsteht nicht allein durch Lob oder attraktive, leicht zugängliche Stücke. Sie kann wachsen, wenn Kinder Fortschritte wahrnehmen, eigene Entscheidungen treffen und sich im Unterricht ernst genommen fühlen. Dazu brauchen sie Herausforderungen, die Anstrengung verlangen, ohne dauerhaft zu überfordern, und eine Begleitung, die auch Unsicherheit und Fehler zulässt.
Ein Instrument zu erlernen, erfordert konsequentes Üben und auch den Anspruch an eine gute Qualität. Wenn Kinder spüren, dass ein eigenständiges Überwinden einer schwierigen Hürde tiefen dauerhaften Stolz auslöst, dass durch Anstrengung Fortschritte erzielt werden können, die ein tief empfundenes Erfolgserlebnis auslösen, dann wird die Begeisterung nicht nur beflügelt, sondern es werden Erfahrungen verankert, die möglicherweise ein Leben lang tragen.
Diese Erfahrungen können auch an einem ganz einfachen Stück gesammelt werden. So können ein tragfähiger Puls, eine bewusst gestaltete Phrase und ein aufmerksam gehörter Schluss entwickelt werden. Dies alles ist von Anfang an möglich und bildet die Grundlage für die weiterführende künstlerische Arbeit. Darüber hinaus halte ich es auch für wichtig, genau hinzuhören und auf die veränderten Bedingungen einzugehen. Fehlt tatsächlich die Bereitschaft zur Anstrengung? Oder fehlen Zeit, Ruhe, ein geeigneter Übeplatz und eine klare Vorstellung davon, wie Üben gelingen kann?
Diese Unterscheidung verändert unseren pädagogischen Blick – und damit unsere Handlungsmöglichkeiten. Künstlerischer Anspruch und pädagogische Zugewandtheit gehören hier eindeutig zusammen.
In der Diskussion mit den Kolleg:in- nen wird es deutlich: Es ist nicht immer leicht, im Unterricht eine gute Balance zu finden, und es bleibt in jeder Situation abzuwägen, welchen methodischen Weg man am besten einschlagen sollte. Entscheidend ist, dass der nächste Schritt sinnvoll gewählt ist und musikalisch etwas eröffnet. Dennoch lohnt es sich, an den pädagogischen Zielen dran zu bleiben, um in den eigenen Konzepten nicht in graue Beliebigkeit zu verfallen. Denn am Ende tragen wir Musikpädagoginnen und -pädagogen eine wichtige Verantwortung für die Ausbildung des musikalischen Nachwuchses. Die Musik ist ein zentrales Bindeglied für den Zusammenhalt unserer Gesellschaft. Eine fundierte Nachwuchsgewinnung stärkt den Erhalt unseres kulturellen Erbes, verjüngt nachhaltig unseren Publikumskreis in Konzert- und Opernhäusern. Echte Motivation wächst dort, wo Kinder und Jugendliche durch engagierte Lehrende spüren, dass sie etwas zutiefst Wertvolles schrittweise wirklich beherrschen lernen.
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