Dahlia Borsche hat am 1. Januar dieses Jahres die Geschäftsführung des Musikfonds e.V. von Gregor Hotz übernommen. Im Interview mit der Redaktion des DTKV schildert sie die Tätigkeit in ihrer neuen Rolle, Herausforderungen für die freie Musikszene sowie die bevorstehenden Aufgaben für den Musikfonds e.V.
Dahlia Borsche, Geschäftsführerin des Musikfonds e.V. Foto: Eunice Maurice
Das Bewusstsein für die freie Szene schärfen
DTKV: Stellen Sie bitte sich und den Musikfonds e.V. vor.
Dahlia Borsche: Ich habe Musikwissenschaft studiert und seither in Bereichen aktueller Musik gearbeitet, an verschiedenen Universitäten, etwa an der Humboldt Universität zu Berlin, beim CTM-Festival, als freie Kuratorin und zuletzt sieben Jahre als Leiterin der Sparte Musik und Klang beim Berliner Künstlerprogramm des DAAD. All diese Tätigkeiten habe ich mit einem genreübergreifenden Interesse verfolgt, eine Perspektive, mit der ich für die Geschäftsführung des Musikfonds prädestiniert war.
Der Musikfonds e.V. fördert seit 10 Jahren herausragende Projekte aktueller Musik in Deutschland. Er konzentriert sich auf die freie Szene und nimmt dabei sämtliche Spielarten avantgardistischer Musik in den Blick. Im Fokus des Musikfonds stehen ästhetisch hochambitionierte Projekte sowie Musikschaffende, die sich bereits etabliert haben und auf einem hohen Niveau arbeiten. Neben der regulären, offenen Projektförderung gibt es verschiedene Sonderprogramme und Stipendien. Als einer der sechs Bundeskulturfonds ist der Musikfonds vom BKM finanziert.
DTKV: Welche Aufgabenschwerpunkte stellten sich in Ihrem ersten halben Jahr als Geschäftsführerin des Musikfonds?
Borsche: Die Aufgaben sind sehr vielseitig: neben dem laufenden Betrieb mit bisher schon vier Ausschreibungen und den entsprechenden Auswahlsitzungen waren das vor allem eine neue Teamkonstellation moderieren, Antrittsbesuche bei Politiker:innen und anderen wichtigen Partnern absolvieren, die strategische Ausrichtung des Fonds schärfen und identifizieren, an welchen Stellen ich die Arbeit der letzten Jahre genauso weiterführen will und an welchen Stellen ich Entwicklungspotential sehe.
DTKV: Der Musikfonds schreibt viele verschiedene Förderungen für neue, nicht-kommerzielle Musik aus. Welche Herausforderungen sehen Sie insbesondere für diesen Teil der Musikszene und wie wirken sich diese auf Ihre Arbeit und die Planung des Musikfonds aus?
Borsche: Die freie Szene ist enorm unter Druck. Rasant steigende Lebenshaltungskosten zeitgleich zu drastischen Haushaltskürzungen, die generelle Verunsicherung durch Krisen und Kriege. Der aufgeheizte Wohnungsmarkt führt außerdem dazu, dass es immer weniger Orte für freischaffende Künstler:innen gibt wie günstige Studios oder nicht-kommerziell ausgerichtete Veranstaltungsorte. Der Musikfonds versucht natürlich, mit seinen Förderprogrammen gegenzusteuern, aber wir merken jetzt schon deutlich, wie der Druck steigt, und dass Kürzungen auf Landesebene dazu führen, dass sich immer mehr Projekte beim Musikfonds bewerben.
DTKV: Mit Ihren Förderungen unterstützen Sie die freie Musikszene projektbezogen. Bitte geben Sie uns einen Überblick über die verschiedenen Fördermöglichkeiten und ihre unterschiedlichen Schwerpunkte.
Borsche: Das Herzstück des Musikfonds ist die offene Projektförderung. Für Kleinstprojekte bis 3.000 oder große Projekte bis 50.000 Euro kann man sich mit einem Vorhaben im Bereich aktueller Musik bewerben, von komponierter zeitgenössischer Musik über elektroakustische Musik bis zu experimentellem Jazz, Klangkunst oder Noise. In den Sonderprogrammen kann der Musikfonds dagegen spezifischer auf gesellschaftliche und ästhetische Entwicklungen reagieren oder Bedarfe gezielt abfangen. Momentan läuft zum Beispiel noch eine zweijährige Ensembleförderung, eine Mischung aus Projekt-und Strukturförderung. Eine Wiederauflage dieses Programms wäre dringend nötig. In unserem Sonderprogramm Outer Ear ermutigen wir die Antragstellenden, mit ihren Projekten außerhalb der etablierten Szenen aktueller Musik zu wirken und Begegnungen mit anderen Teilen der Gesellschaft zu ermöglichen. Das Programm zu Künstlicher Intelligenz vergibt einjährige Stipendien für herausragende Musikschaffende, die sich in einem Kompositionsvorhaben vertieft mit den Chancen und Risiken dieser technologischen Entwicklung auseinandersetzen.
DTKV: Im Rahmen der Musikfonds-Publikation wird die freie Musikszene in den Blick genommen und Schlaglichter auf einzelne geförderte Projekte geworfen. Welche dieser Entwicklungen beziehungsweise Projekte möchten Sie besonders hervorheben?
Borsche: Das ist schwierig. Der Musikfonds fördert so viele Projekte, dass es unmöglich ist, sich auf ein paar zu beschränken, ohne ganz viele großartige Projekte unerwähnt zu lassen. Wenn ich jetzt stellvertretend für die große Projektförderung eins auswählen müsste, dann die Reihe Beyond Innocence, die gestern ihr Abschlusskonzert im ausland in Berlin veranstaltet hat. In Kooperation mit dem traditionsreichen Thikwa Theater haben Musiker:innen der Berliner Echtzeitmusikszene und eine Gruppe Schauspieler:innen mit und ohne Behinderung über einen Zeitraum von vielen Monaten einen Konzertabend erarbeitet. Durch die lange Arbeitsphase sind dabei nachhaltige Begegnungen und ein wirklich tolles Programm entstanden. Eins der kleinen Projekte, die mich beeindruckt haben, ist Joffel – ein Mini-Festival an einem stillgelegten Skilift auf der Schwäbischen Alb. Mit einem großartigen Programm aus lokalen und überregionalen Musiker:innen, die jeweils für 15 Minuten die Bühne übernehmen dürfen, schafft diese Initiative seit 2023 einen lebendigen Ort des Austauschs, bei dem sich ganz selbstverständlich Nachbarschaft, Fachpublikum und Familien treffen. In einem der KI-Projekte, die letztes Jahr in der ersten Runde des Stipendienprogramms entstanden sind und bei einer Abschlusspräsentation im Radialsystem in Berlin vorgestellt wurden, haben gamut inc. ein Instrument gebaut, das seither internationale Aufmerksamkeit bekommt: eine Orgel, die mit KI als Analysetool arbeitet und auf überzeugende Weise Technologie und Ästhetik verbindet.
DTKV: Der Musikfonds feiert im September sein zehnjähriges Bestehen. Was konnte der Verein bisher erreichen, möchten Sie einzelne Erfolge herausheben?
Borsche: Der Musikfonds hat sich in diesen zehn Jahren zu einem der wichtigsten Partner der freien Szenen aktueller Musik entwickelt, das ist ein großartiger Erfolg meines Vorgängers Gregor Hotz. Der Fonds hat zum einen die schwierigen Pandemiezeiten gut überstanden, die das Team und die gesamte Kulturszene vor unglaubliche Herausforderungen gestellt haben. Gleichzeitig ist es dem Fonds trotzdem gelungen, neben der Projektförderung durch die Sonderprogramme immer wieder wichtige Impulse zu setzen.
DTKV: Geben Sie uns bitte einen Ausblick auf das zukünftige Wirken des Musikfonds und auf die zu bewältigenden Herausforderungen, sowohl für Sie als auch für die geförderte Musikszene.
Borsche: Die größte Herausforderung für den Musikfonds und die freie Szene ist die angespannte Haushaltslage. Wir müssen uns dafür einsetzen, dass diese wichtigen Förderstrukturen nicht nur erhalten, sondern ausgebaut werden. Ich sehe meine Aufgabe vor allem darin, den Musikfonds stärker als Sprachrohr der Szene zu nutzen, und in der Öffentlichkeit und der Politik das Bewusstsein für die Bedeutung der freien Szene zu schärfen. Sie ist ein essentieller Teil unserer Demokratie. Hier passieren Aushandlungsprozesse, werden gesellschaftliche Utopien erprobt, wichtige Debatten angestoßen. Die freie Szene bietet Spielräume für neue Ideen, hier entstehen technische und ästhetische Innovationen, von denen das gesamte Musikleben in Deutschland profitiert. Wir dürfen nicht zulassen, dass diese künstlerischen Ökosysteme austrocknen.
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