Das von Anna Kakutia geleitete „Peter Kiesewetter-Netzwerk“ startete im Mai seine neue Konzertreihe in den AVIN Studios, die den intimen Rahmen eines größeren Wohnzimmers mit der Ton-und Videotechnik eines Todstudios verbinden. So wurde ein Livekonzert mit einer Ton- und Videoaufnahme kombiniert: Die beim Konzert entstandene, sehr professionell wirkende Videoaufnahme kann auf YouTube angeschaut werden. Das Hörerlebnis gleicht einer brillant abgemischten CD-Präsentation, was allerdings beim Liveerlebnis durch die vordergründige Verstärkung etwas irritierte.
Versunken in der Musik. Oliver Fraenzke am Klavier und Anna Kakutia an der Violine. Foto: AVIN Studios
Erfolgreicher Start einer neuen Konzertreihe
Kiesewetter und Umfeld
Die Programme der neuen Konzertreihe stellen Kompositionen von Peter Kiesewetter und seinem Umfeld in den Mittelpunkt, haben aber auch das Ziel, unbekannte oder vergessene Musik wieder zu entdecken. Beim Eröffnungskonzert mit dem Titel „Aus Fjord und Feld“ konnten pünktlich zum Erscheinen der Monografie über Hans Koessler in der vom Tonkünstlerverband Bayern herausgegebenen Reihe „Komponistinnen und Komponisten in Bayern“ die „Ungarischen Tanzweisen“ gehört werden. Doch ebenso neu war für die meisten Hörer sicherlich Paul Büttners „1. Sonate in c-Moll“.
Anna Kakutias Violinspiel faszinierte den Hörer mit großer Wandlungsfähigkeit des Tones, klarer Artikulation und einer Virtuosität, die technische Meisterschaft in den Dienst des musikalischen Ausdrucks stellte. Oliver Fraenzke erwies sich als kongenialer Duopartner. Das Klavier war unter seinen Händen Melodieinstrument, bei Büttner auch in komplexer Polyphonie, zauberte Klangfarben hervor oder markierte mit musikantischem Schwung die Tanzrhythmen.
Expressiv und leidenschaftlich
In Griegs Sonate gestalteten die beiden Musiker expressive und leidenschaftliche Ausbrüche aus den nordischen Klangfarben des Dunklen und Nebelverhangenen und lösten die Spannung im Schlusssatz mit einem natürlich lebendigen Spiel der Volkstanzmelodien auf. Paul Büttners Sonate sprengte den intimen Rahmen eines Hauskonzerts, ist anspruchsvoll und „orchestral“ wie ein Violinkonzert, was nicht minder an den Pianisten höchste Anforderungen stellt. Doch die Nahhörerfahrung des kleines Raumes ermöglichte, die komplexen Strukturen bewusst zu hören, die von Anna Kakutia und Oliver Fraenzke detailliert herausgearbeitet wurden. Berührend und eindrucksvoll gelang den beiden das expressive Adagio.
Die wenigsten Töne in diesem Konzert hatte Peter Kiesewetters „Hed“ und dennoch blieb dieses Werk besonders lange in der Erinnerung haften. Hier kommt es auf jeden Ton an. Kakutia und Fraenzke artikulierten sehr genau, gaben jedem Ton sein eigenes Gewicht und seine eigene Klangfarbe. Koesslers ungarische Tanzweisen spielten die beiden voller kammermusikalischer Delikatesse, ganz im Sinn des Komponisten, dem es auf die Essenz ungarischer Folklore ankam. Mit einer Zugabe – Erdmanns „An den Frühling“ – entließ das Duo sein begeistertes Publikum in den Maiabend. Wenn vergessene Musik so intensiv musiziert wird, zeigt sich, wie ungerecht Musikgeschichte sein kann.
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