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Musik und Verfolgung

Untertitel
20-jähriges Jubiläum des Lexikons verfolgter Musiker und Musikerinnen der NS-Zeit
Vorspann / Teaser

Am 2. Juni wurde im Institut für Historische Musikwissenschaft der Uni­versität Hamburg das 20-jährige Ju­biläum des Online-Lexikons für ver­folgte Musiker und Musikerinnen der NS-Zeit (LexM) begangen. Den Festvor­trag hielt der Historiker Prof. Dr. Mar­tin Rempe, der Tenor Julian Prégardien und die Pianistin Marlene Heiß brach­ten Werke unter anderem von Ruth Schonthal zur Aufführung.

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Das Lexikon verfolgter Musiker und Musikerinnen der NS-Zeit ist Teil des Langzeitforschungspro­jekts „NS-Verfolgung und Musik­geschichte. Revisionen aus biographi­scher und geographischer Perspektive“ unter der Leitung von Prof. Dr. Fried­rich Geiger, das in Kooperation zwi­schen der Universität Hamburg, der Hochschule für Musik und Theater München sowie dem Ben-Haim-For­schungszentrum München besteht. Das Projekt arbeitet die Auswirkungen der nationalsozialistischen Herrschaft auf die musikalische Praxis sowie die lang­fristigen Entwicklungen in der Musik­geschichtsschreibung heraus und be­leuchtet dabei verschiedene Perspekti­ven: zum einen die unmittelbaren Kon­sequenzen wie die Zerstörung des kulturellen Lebens vor Ort, aber auch die produktiven Entwicklungen der Emigrierten im Exil; andererseits wird der Aspekt der langfristigen Auswir­kungen der Zwangsmigration sowie der daraus folgenden globalen Verwer­fungen beleuchtet. Ziel des Projekts ist es, die Musikhistoriographie in dieser Hinsicht zu vervollständigen sowie „die Rekonstruktion des Beitrags NS-ver­folgter Musiker und Musikerinnen zum Musikleben der Zwischenkriegszeit, die Erschließung des mit der Verfolgung und der Zwangsmigration verbundenen musikalischen Wirkens sowie die Ana­lyse der Transferdynamik zwischen den Geflüchteten und den Musikkulturen der Exilländer mit Folgen bis in die Ge­genwart.“ Dabei konzentriert sich das Projekt auf aus dem deutschsprachigen Raum stammende Musikerinnen und Musiker und erschließt eine Vielzahl an bisher nicht ausgeschöpften Quellen. 

Das Lexikon verfolgter Musiker und Musikerinnen der NS-Zeit sorgt im Spe­ziellen dafür, das Leben der in ihm ent­haltenen Berufsmusiker:innen, das von Exil und Repressionen geprägt wurde, vor dem Vergessen zu bewahren und im musikkulturellen Bewusstsein der Öf­fentlichkeit zu verankern. Derzeit um­fasst es bereits über 5.600 Namen, de­ren Biografien im Rahmen des Lang­zeitprojekts, das noch bis 2042 läuft, aufgearbeitet werden. Anlässlich des 20-jährigen Jubiläums gab die Leite­rin der Arbeitsstelle Hamburg, Dr. So­phie Fetthauer, dem Musikjournal des Deutschlandfunk am 1. Juni ein sehr nachhörenswertes Interview, das Ma­rie König führte. In diesem geht sie so­wohl auf Zielsetzung und Stand des Projekts als auch auf die Herausfor­derungen und einzelne Biografien ver­folgter Musiker:innen ein. Des Weite­ren entstanden im Rahmen des For­schungsprojekts bereits zahlreiche Publikationen, genannt sei hier der Ar­tikel „Revision des herrschenden mu­sikhistorischen Bildes. NS-Verfolgung und Musikgeschichte – ein neues Lang­zeitprojekt in München und Hamburg“ von Prof. Dr. Friedrich Geiger in der Septemberausgabe der nmz. Die Pu­blikationen aus dem Projekt decken ein breites Themenspektrum ab, vom Spannungsfeld zwischen Musikkultur und Diktatur über die Jazzrezeption in der deutschsprachigen Oper bis hin zur Musikgeschichtsschreibung der Nach­kriegszeit und insbesondere die Kara­jan-Biografie von Michael Wolfssohn. 

Abschließend wird nun exempla­risch ein Blick auf Ruth Schonthal ge­worfen, deren Werke anlässlich des Jubiläums des Lexikons interpretiert wurden. Alle Informationen sind dem zugehörigen Artikel im LexM entnom­men (Martina Helmig: Ruth Schonthal, in: Lexikon verfolgter Musiker und Musikerinnen der NS-Zeit, Claudia Maurer Zenck, Peter Petersen (Hg.), Hamburg: Universität Hamburg, 2006 (https://www.lexm.uni-hamburg.de/ object/lexm_lexmperson_00001416, ab­gerufen am 21.9.2026). Ruth Schonthal, am 27. Juni 1924 als Ruth Schönthal geboren, wurde mit fünf Jahren als jüngste Schülerin in das Stern’sche Konservatorium Berlin aufgenommen und galt in den 1930er-Jahren als Wun­derkind. Trotz der Warnung des Vaters, dass Komponisten es schwer hätten und sie es als weibliche jüdische Kom­ponistin noch ungleich schwerer, war ihr Berufswunsch früh klar. Im Alter von zehn Jahren musste sie die Schule verlassen, mit elf auch das Konserva­torium. In den Jahren zwischen 1935 und 1938 wurde sie von Privatlehrern unterrichtet. 1938 flüchtete die Fami­lie nach Schweden, der Familienbesitz wurde enteignet. Trotz ihres eigentlich zu geringen Alters und des Umstands, dass sie keine schwedische Staats­bürgerin war, wurde Schonthal an der Königlichen Akademie ebenso aufge­nommen wie am Moskauer Konserva­torium, das ihr anbot, wahlweise bei Sergej Prokofjew oder Dmitri Schosta­kowitsch zu studieren. Doch die Fami­lie setzte ihre Flucht über Japan nach Mexico City fort, wo sie ihre Ausbil­dung fortsetzte und schließlich Paul Hindemith kennenlernte. 1946 bis 1948 schloss sie ihr Kompositionsstudium bei ihm an der Yale University ab. Ab 1958 lebte sie bei New York, wo sie an verschiedenen Institutionen, unter an­derem der New York University und dem Westchester Conservatory als Pro­fessorin tätig war. Die Erfahrungen aus Flucht und Exil schlagen sich vielfäl­tig in ihrem Werk nieder: So trägt etwa ihr drittes Streichquartett den Titel „In memoriam Holocaust“, aber auch ihre persönlichen Erfahrungen hat sie ver­arbeitet. So stellt sie etwa in „Fiestas y Danzas“ die USA der 1960er-Jahre den Erinnerungen an das Mexiko von 20 Jahren zuvor gegenüber oder setzt sich in „Nachklänge“ (Reverberations) für präpariertes Klavier mit den Erinne­rungen an Deutschland im Exil ausei­nander. Ab 1980 reiste sie auch wieder nach Deutschland, wo ihr Werk sich zunehmenden Erfolgs erfreute. Ruth Schonthal verstarb am 10. Juli 2006, im gleichen Jahr, in dem das Lexikon ver­folgter Musiker und Musikerinnen der NS-Zeit begonnen wurde. 

Das Lexikon ist abrufbar unter https://www.lexm.uni-hamburg.de/ content/index.xml und bietet die Mög­lichkeit, sowohl bekannte Namen nach­zuschlagen und neue Aspekte ihrer Biografie zu entdecken als auch verges­sene Musikerinnen und Musiker ken­nenzulernen. 

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