Routinen haben in der Kunst keinen guten Ruf. Ihnen wird nachgesagt, dass sie einengen, dass sie als uninspirierte Automatismen Kreativität und Spontaneität verhindern. Damit wahrhaft Künstlerisches entsteht, müssten sie durchbrochen, überwunden, verändert werden. Andererseits könnten Routinen aber Prozesse und Praktiken stabilisieren und wirksam im künstlerischen Unterricht eingesetzt werden. Mit diesem Spannungsfeld beschäftigte sich die Tagung der Gesellschaft für Musikpädagogik im März 2026 in Frankfurt. In einem umfangreichen und dichten Programm kamen Beiträge aus den verschiedensten Tätigkeits- und Forschungsfeldern der Musikpädagogik zusammen.
Künstlerische Praxis und Routine
In der ersten Keynote beschrieb Katja Schneider eine tanzwissenschaftliche Perspektive auf Routinen. Ausgehend von einem vorangegangenen Symposium an der HfMDK zu diesem Thema gab sie einen Überblick über die dort verhandelten Fragen und skizzierte, anschließend an Gabriele Klein, einen Begriff von Routine, der im Laufe der Tagung vielfach aufgegriffen wurde. Als künstlerische Praktiken zwischen Stabilisierung und Destabilisierung wurden die Routinen sowohl theoretisch gerahmt als auch durch Performances veranschaulicht, aufgeführt und infrage gestellt.
Routinen aufbrechen
In einer zweiten, musikpädagogischen Keynote fragte Ulrich Mahlert eher skeptisch, ob und wie gut künstlerisch-pädagogische Praxis und Routine miteinander vereinbar seien. Anhand von Beispielen aus der eigenen musikpädagogischen Praxis und der Beratung von Studierenden, beschrieb er das Potenzial, das im Aufbrechen oder Überschreiten von (Seminar-) Routinen liegt. Daran anschließend folgten die zahlreichen Tagungsbeiträge, angeordnet in vier Themenblöcken. Der erste Themenblock bot grundlegende Überlegungen zum Tagungsthema im Spannungsfeld von Freiheit und Entscheidung. In den einleitenden Beiträgen wurde zunächst eine instrumentalpädagogische und improvisationsbezogene Perspektive eingenommen. Corinna Eikmeier zeigte anhand mehrerer Fallbeispiele, wie im Instrumentalunterricht der „Gefahr der Routine“ beim Üben und Improvisieren begegnet werden kann, um stattdessen produktiv mit ihr umzugehen. Katharina Sasse und Andrea Welte stellten eine Studie zu Sichtweisen von Musiker*innen auf Freiheit und Routine in der Gruppenimprovisation vor. Peter Mall widmete sich ebenfalls der Improvisation und diesbezüglich der Frage nach freiem Willen und bewusster Entscheidung. Dabei wurde deutlich, dass Freiheit beim Improvisieren keinen Widerspruch zu Routinen bilden muss, dass deren Verhältnis jedoch unterschiedlich wahrgenommen wird. In der Studie von Malte Sachsse und Juliane Gerland erschienen Routinen als potenziell einschränkender Faktor: Ausgehend von einer gewissen Resistenz des Musikunterrichts gegenüber Innovation untersuchten die beiden, wie Routinen inhaltsbezogene Entscheidungen von Musiklehrkräften beeinflussen.
Dimension Kunst
Aus einer historischen Perspektive befasste sich Katharina Schilling- Sandvoß mit dem Begriff des Künstlerischen in musikpädagogischen Schriften aus dem 19. und 20. Jahrhundert. Sie zeigte, in welchem semantischen Feld sich dieser, selten explizit genutzte Begriff verortet. Maren Donner entwickelte in Anlehnung an den aus therapeutischen Kontexten stammenden künstlerisch-systemischen Ansatz ein Modell dazu, wie Routinen den Prozess des künstlerischen Unterrichts unterstützen. Helene Niggemeier und Nora Peters beschrieben künstlerische Überoutinen in der inklusiven elementaren Musikpädagogik: Am Beispiel eines inklusiven Musizierkurses für Kinder an der Musikhochschule in Leipzig stellten sie Möglichkeiten vor, Routinen für das Üben innerhalb und außerhalb der Kontaktzeit zu etablieren. Ebenfalls im Beitrag von Alban Peters gab es Beispiele aus einer jedoch ganz anderen Unterrichtspraxis: Er sprach über Musikunterricht zwischen Kunst und Praxis unter Bezug auf Hannah Arendt und zeigte anhand eigener Beispiele aus dem schulischen Musikunterricht, wie Routinen so gestaltet werden können, dass sie unterschiedliche didaktische Zugriffe auf Musik ermöglichen. Lea Tigges präsentierte Auszüge aus ihrer Dissertation zu Partizipation im Knabenchor und zeigte, wie dortige Routinen beschrieben und in partizipativen Prozessen verändert werden können; zudem wurde ihr im Anschluss an den Vortrag für die genannte Arbeit der Förderpreis der Gisela und Peter W. Schatt Stiftung – der Peter-W.-Schatt- Preis – verliehen. Der Beitrag von Paula Jehnichen befasste sich mit dem Notenlesen als künstlerischer Praxis im Musikunterricht, während Désirée Hall und Constanze Tinawi künstlerische Praxis eines hörend-tauben Ensembles am Beispiel des „ensemble in transition“ vorstellten.
Zeit und gutes Leben
Die Beiträge des dritten Themenblocks fokussierten verschiedene Umgänge mit zeitlichen Verläufen und Distanzen sowie dem Erleben von Zeit. Adrian Niegot stellte unter der Überschrift „Musikunterricht als Bühne der Verwandlung und als radikale Gegenwart“ ein künstlerisches Projekt im öffentlichen Raum mit Schüler*innen und Studierenden vor. Dieses widmete sich der Frage, welchen Beitrag eine barocke Marienvesper zur Gegenwart leisten könne und präsentierte Musikunterricht dabei als Ort von Irritation und Bedeutsamkeit. Jan David Wagner verstand Routinen im Musizierunterricht als eine spezifische Zeitstruktur und fragte, inwiefern diese mit der Zielvorstellung eines guten Lebens in Einklang zu bringen sei. Mit dem Plädoyer für Offenheit gegenüber Situationspotenzialen entwickelte er den Begriff der wirksamen Routine für den Unterricht, die Struktur gebe, sich aber von strenger Zweck-Mittel-Orientierung loslöse. Anschließend fragte Susanne Naumann nach dem Zusammenhang von musikalischer Routine und künstlerischer Praxis vor dem Hintergrund von Identität und Ereignishaftigkeit musikalischer Situationen. Peter W. Schatt sprach zu Kunstschaffen und Individualität. Anhand mehrerer Gegenüberstellungen – etwa von Form und Inhalt sowie Originalität und Authentizität – verortete er den Begriff der Routine und beschrieb, inwiefern diese künstlerisch werden kann.
Wissen und Forschen
Der letzte Tag des Programms wurde eröffnet von einem Workshop zu „TextArt“ von Anna Catharina Nimczik. Diese Methode der künstlerischen und produktiven Arbeit mit Text(-bausteinen) zeigte sich als Anregung, künstlerische und unterrichtliche Praxen zu durchbrechen und wurde von den Teilnehmenden aktiv, inspiriert und unterhaltsam ausprobiert. Anschließend sprach Andreas Höftmann zu postdigitaler Entformung: Er stellte ein Projekt mit Studierenden vor, das kompositorische (Reflexions-)Strategien im Streamingzeitalter umsetzt und reflektiert. In einer historischen Perspektive befasste sich Matthias Goebel mit Aufführungstraditionen und Interpretationskonventionen beziehungsweise Abweichung von entsprechenden Routinen. Anhand von Beispielen für Konzertrezensionen zwischen 1834 und 1878 zeigte er, wie Brüche mit musikalischen Konventionen wahrgenommen und verhandelt wurden. Im Anschluss sprach Maximilian Piotraschke über künstlerische Forschung als Wissenschaft und als Fachdidaktik. Er präsentierte diese als Möglichkeit, Routinen zu durchbrechen und beschrieb, welche Wissens-und Handlungsformen aus diesen Prozessen hervorgehen können.
Eine bereichernde Ergänzung des routinierten Tagungsformats lieferte Martina Krause-Benz mit einem abschließenden Beitrag. Als „Beobachterin“ der Tagung rekapitulierte sie Themen und Thesen der vergangenen Tage, setzte sie zueinander in Beziehung, hob Gemeinsamkeiten hervor und formulierte eine eigene Perspektive auf das Tagungsthema. Dabei fiel ihr auf, dass die forscherische Aufmerksamkeit vor allem der Routine gegolten hat, während das Künstlerische und vor allem die Praxis weniger im Fokus der Beiträge gestanden hätten. In ihrem Beitrag wie auch während der gesamten Tagung kamen die Vielfalt und das Interaktionspotenzial von musikpädagogischer Praxis und Forschung eindrücklich zur Geltung.
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