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Künstlerische Praxis und Routine

Untertitel
Tagung der Gesellschaft für Musikpädagogik vom 20. bis 22. März an der HfMDK Frankfurt am Main
Vorspann / Teaser

Routinen haben in der Kunst keinen gu­ten Ruf. Ihnen wird nachgesagt, dass sie einengen, dass sie als uninspirierte Au­tomatismen Kreativität und Spontanei­tät verhindern. Damit wahrhaft Künstle­risches entsteht, müssten sie durchbro­chen, überwunden, verändert werden. Andererseits könnten Routinen aber Prozesse und Praktiken stabilisieren und wirksam im künstlerischen Unterricht eingesetzt werden. Mit diesem Span­nungsfeld beschäftigte sich die Tagung der Gesellschaft für Musikpädagogik im März 2026 in Frankfurt. In einem um­fangreichen und dichten Programm ka­men Beiträge aus den verschiedensten Tätigkeits- und Forschungsfeldern der Musikpädagogik zusammen.

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In der ersten Keynote beschrieb Katja Schneider eine tanzwissenschaftliche Perspektive auf Routinen. Ausgehend von einem vorangegangenen Sympo­sium an der HfMDK zu diesem Thema gab sie einen Überblick über die dort verhandelten Fragen und skizzierte, anschließend an Gabriele Klein, einen Begriff von Routine, der im Laufe der Tagung vielfach aufgegriffen wurde. Als künstlerische Praktiken zwischen Stabilisierung und Destabilisierung wurden die Routinen sowohl theore­tisch gerahmt als auch durch Perfor­mances veranschaulicht, aufgeführt und infrage gestellt. 

Routinen aufbrechen 

In einer zweiten, musikpädagogischen Keynote fragte Ulrich Mahlert eher skeptisch, ob und wie gut künstle­risch-pädagogische Praxis und Rou­tine miteinander vereinbar seien. An­hand von Beispielen aus der eigenen musikpädagogischen Praxis und der Beratung von Studierenden, beschrieb er das Potenzial, das im Aufbrechen oder Überschreiten von (Seminar-) Routinen liegt. Daran anschließend folgten die zahlreichen Tagungsbei­träge, angeordnet in vier Themen­blöcken. Der erste Themenblock bot grundlegende Überlegungen zum Ta­gungsthema im Spannungsfeld von Freiheit und Entscheidung. In den ein­leitenden Beiträgen wurde zunächst eine instrumentalpädagogische und improvisationsbezogene Perspekti­ve eingenommen. Corinna Eikmeier zeigte anhand mehrerer Fallbeispiele, wie im Instrumentalunterricht der „Ge­fahr der Routine“ beim Üben und Im­provisieren begegnet werden kann, um stattdessen produktiv mit ihr umzu­gehen. Katharina Sasse und Andrea Welte stellten eine Studie zu Sichtwei­sen von Musiker*innen auf Freiheit und Routine in der Gruppenimprovi­sation vor. Peter Mall widmete sich ebenfalls der Improvisation und dies­bezüglich der Frage nach freiem Wil­len und bewusster Entscheidung. Da­bei wurde deutlich, dass Freiheit beim Improvisieren keinen Widerspruch zu Routinen bilden muss, dass deren Ver­hältnis jedoch unterschiedlich wahr­genommen wird. In der Studie von Malte Sachsse und Juliane Gerland er­schienen Routinen als potenziell ein­schränkender Faktor: Ausgehend von einer gewissen Resistenz des Musik­unterrichts gegenüber Innovation un­tersuchten die beiden, wie Routinen inhaltsbezogene Entscheidungen von Musiklehrkräften beeinflussen. 

Dimension Kunst 

Aus einer historischen Perspekti­ve befasste sich Katharina Schilling- Sandvoß mit dem Begriff des Künstle­rischen in musikpädagogischen Schrif­ten aus dem 19. und 20. Jahrhundert. Sie zeigte, in welchem semantischen Feld sich dieser, selten explizit ge­nutzte Begriff verortet. Maren Don­ner entwickelte in Anlehnung an den aus therapeutischen Kontexten stam­menden künstlerisch-systemischen Ansatz ein Modell dazu, wie Routinen den Prozess des künstlerischen Unter­richts unterstützen. Helene Niggemeier und Nora Peters beschrieben künstle­rische Überoutinen in der inklusiven elementaren Musikpädagogik: Am Bei­spiel eines inklusiven Musizierkurses für Kinder an der Musikhochschule in Leipzig stellten sie Möglichkeiten vor, Routinen für das Üben innerhalb und außerhalb der Kontaktzeit zu etablie­ren. Ebenfalls im Beitrag von Alban Peters gab es Beispiele aus einer je­doch ganz anderen Unterrichtspraxis: Er sprach über Musikunterricht zwi­schen Kunst und Praxis unter Bezug auf Hannah Arendt und zeigte anhand eigener Beispiele aus dem schulischen Musikunterricht, wie Routinen so ge­staltet werden können, dass sie unter­schiedliche didaktische Zugriffe auf Musik ermöglichen. Lea Tigges prä­sentierte Auszüge aus ihrer Disserta­tion zu Partizipation im Knabenchor und zeigte, wie dortige Routinen be­schrieben und in partizipativen Pro­zessen verändert werden können; zu­dem wurde ihr im Anschluss an den Vortrag für die genannte Arbeit der Förderpreis der Gisela und Peter W. Schatt Stiftung – der Peter-W.-Schatt- Preis – verliehen. Der Beitrag von Pau­la Jehnichen befasste sich mit dem No­tenlesen als künstlerischer Praxis im Musikunterricht, während Désirée Hall und Constanze Tinawi künstle­rische Praxis eines hörend-tauben En­sembles am Beispiel des „ensemble in transition“ vorstellten. 

Zeit und gutes Leben 

Die Beiträge des dritten Themenblocks fokussierten verschiedene Umgänge mit zeitlichen Verläufen und Distan­zen sowie dem Erleben von Zeit. Adri­an Niegot stellte unter der Überschrift „Musikunterricht als Bühne der Ver­wandlung und als radikale Gegenwart“ ein künstlerisches Projekt im öffentli­chen Raum mit Schüler*innen und Stu­dierenden vor. Dieses widmete sich der Frage, welchen Beitrag eine barocke Marienvesper zur Gegenwart leisten könne und präsentierte Musikunter­richt dabei als Ort von Irritation und Bedeutsamkeit. Jan David Wagner ver­stand Routinen im Musizierunterricht als eine spezifische Zeitstruktur und fragte, inwiefern diese mit der Ziel­vorstellung eines guten Lebens in Ein­klang zu bringen sei. Mit dem Plädo­yer für Offenheit gegenüber Situations­potenzialen entwickelte er den Begriff der wirksamen Routine für den Unter­richt, die Struktur gebe, sich aber von strenger Zweck-Mittel-Orientierung loslöse. Anschließend fragte Susanne Naumann nach dem Zusammenhang von musikalischer Routine und künst­lerischer Praxis vor dem Hintergrund von Identität und Ereignishaftigkeit musikalischer Situationen. Peter W. Schatt sprach zu Kunstschaffen und Individualität. Anhand mehrerer Ge­genüberstellungen – etwa von Form und Inhalt sowie Originalität und Au­thentizität – verortete er den Begriff der Routine und beschrieb, inwiefern diese künstlerisch werden kann. 

Wissen und Forschen 

Der letzte Tag des Programms wur­de eröffnet von einem Workshop zu „TextArt“ von Anna Catharina Nim­czik. Diese Methode der künstle­rischen und produktiven Arbeit mit Text(-bausteinen) zeigte sich als An­regung, künstlerische und unterricht­liche Praxen zu durchbrechen und wur­de von den Teilnehmenden aktiv, in­spiriert und unterhaltsam ausprobiert. Anschließend sprach Andreas Höft­mann zu postdigitaler Entformung: Er stellte ein Projekt mit Studieren­den vor, das kompositorische (Refle­xions-)Strategien im Streamingzeital­ter umsetzt und reflektiert. In einer hi­storischen Perspektive befasste sich Matthias Goebel mit Aufführungstra­ditionen und Interpretationskonven­tionen beziehungsweise Abweichung von entsprechenden Routinen. Anhand von Beispielen für Konzertrezensionen zwischen 1834 und 1878 zeigte er, wie Brüche mit musikalischen Konventi­onen wahrgenommen und verhandelt wurden. Im Anschluss sprach Maxi­milian Piotraschke über künstlerische Forschung als Wissenschaft und als Fachdidaktik. Er präsentierte diese als Möglichkeit, Routinen zu durchbre­chen und beschrieb, welche Wissens-und Handlungsformen aus diesen Pro­zessen hervorgehen können. 

Eine bereichernde Ergänzung des routinierten Tagungsformats liefer­te Martina Krause-Benz mit einem ab­schließenden Beitrag. Als „Beobachte­rin“ der Tagung rekapitulierte sie The­men und Thesen der vergangenen Tage, setzte sie zueinander in Beziehung, hob Gemeinsamkeiten hervor und formu­lierte eine eigene Perspektive auf das Tagungsthema. Dabei fiel ihr auf, dass die forscherische Aufmerksamkeit vor allem der Routine gegolten hat, wäh­rend das Künstlerische und vor allem die Praxis weniger im Fokus der Bei­träge gestanden hätten. In ihrem Bei­trag wie auch während der gesamten Tagung kamen die Vielfalt und das In­teraktionspotenzial von musikpädago­gischer Praxis und Forschung eindrück­lich zur Geltung. 

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