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Neue Oberstufe im Fach Musik

Untertitel
Was sich bewährt und was unter Druck gerät
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Erfahrungen bayerischer Musiklehrkräfte zeichnen uneinheitliches Bild 

Knapp zwei Jahre nach Einführung der neuen Oberstufe hat der VBS Musiklehr­kräfte an bayerischen Gymnasien nach ihren Erfahrungen gefragt. Wie kommt das neue Modell im schulischen Alltag an? Was funktioniert gut, und an wel­chen Stellen entstehen neue Schwie­rigkeiten? 

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Über die Ein- beziehungsweise Durchführung des Leistungsfachs Musik in den vergangenen beiden Jahren berichteten wir in der nmz-Ausgabe vom Juli/August. Im zwei­ten Teil der Befragung ging es darüber hinaus um den Musikunterricht insge­samt: um Lehrplan und Zeitbudget, um Wahlunterricht und Ensembles sowie um die Frage, wie sich die neuen Rah­menbedingungen auf Schülerinnen und Schüler auswirken. In mehreren freiwil­ligen Freitextfeldern konnten die Lehr­kräfte schildern, was sie in ihrer kon­kreten Unterrichts- und Ensemblepraxis beobachten. 

Die Rückmeldungen ergeben kein ein­heitliches Urteil. Viele Kolleg:innen be­richten von gelingenden Kursen, enga­gierten Lerngruppen und stabilen mu­sikalischen Angeboten. Zugleich treten wiederkehrende Spannungsfelder her­vor: die fachliche Breite des Lehrplans, die verfügbare Unterrichtszeit und die Zukunft von Wahlunterricht und Ensem­bles. Besonders deutlich wird dabei, wie eng diese Themen miteinander verbun­den sind. 

Stoff und Zeit: Raum für Praxis und Vertiefung sichern 

Wie gut passen Inhaltsfülle und ver­fügbare Unterrichtszeit in der neuen Oberstufe zusammen? Die Antworten zeichnen ein ambivalentes Bild. Von 80 auswertbaren Rückmeldungen bewer­ten 34 das Verhältnis als grundsätzlich angemessen oder machbar. Fast eben­so viele, nämlich 31, berichten jedoch von Zeitdruck, einer hohen Stoffdichte oder der Erfahrung, Themen nur noch anreißen zu können. 

Auffällig ist dabei, woran sich die Ein­schätzung „machbar“ misst. Mehrere Kolleg:innen weisen darauf hin, dass die vorgesehenen Inhalte zwar bearbeitet werden können, dann aber wenig Zeit für praktisches Musizieren, Projektar­beit, vertiefte Analyse oder ein Oberstu­fenkonzert bleibt – also die Formen des Lernens, die das Fach Musik in beson­derer Weise prägen. 

Besonders im Leistungsfach wird die vorhandene Zeit mehrfach kritisch be­wertet. Viele Lehrkräfte wünschen sich eine höhere Stundenzahl oder zumin­dest eine zusätzliche Stunde für Vertie­fung und Abiturvorbereitung. Im Grund­lagenfach reichen die Einschätzungen von einer Entzerrung gegenüber dem G8 bis zur Sorge, dass die gewonnene Zeit vor allem durch ein abgesenktes Anspruchsniveau erreicht werde. Auch einzelne Halbjahre, insbesondere 13/2, werden als zeitlich besonders dicht be­schrieben. 

Lehrplan, Anspruch und Praxis: Was im Unterricht zusammenkommt 

Die neue Oberstufe und ihre inhalt­liche Ausgestaltung werden von den Befragten allerdings nicht grundsätz­lich infrage gestellt. Viele Rückmel­dungen beziehen sich vielmehr auf die konkrete Gestaltung des Unterrichts und auf die Frage, welche Inhalte ausreichend Raum erhalten. Mehrere Kolleg:innen wünschen sich, dass historische Grundlagen wieder stärker be­rücksichtigt werden. Genannt werden etwa Gregorianik, Renaissance, Vokal­polyphonie, Psalmodie und Madrigal. 

Dabei wird häufig aus einer inhalt­lichen Logik heraus argumentiert: Die genannten Bereiche könnten helfen, spätere Themen fachlich einzuord­nen und musikgeschichtliche Entwick­lungen nachvollziehbar zu machen. Ge­rade vor dem Hintergrund knapper Zeit wird damit ein zentrales Spannungsfeld sichtbar: Wenn Inhalte reduziert oder nur kurz behandelt werden, kann dies zwar entlasten, zugleich aber wichtige fachliche Zusammenhänge schwächen. 

Auch die verbindliche Abfolge von Vokal- und Instrumentalmusik wird unterschiedlich beurteilt. Einige Lehr­kräfte begrüßen die klare Struktur, an­dere wünschen sich mehr Flexibilität und eine stärkere Abstimmung mit den Inhalten der Jahrgangsstufe 11. Ähn­lich differenziert fallen die Einschät­zungen zum Grundlagenfach aus. Wäh­rend manche Kolleg:innen eine Verein­fachung oder Verflachung wahrnehmen, verweisen andere auf die sehr unter­schiedlichen Voraussetzungen der Ler­nenden und den daraus entstehenden Bedarf an sorgfältiger Grundlagenar­beit. 

Damit treffen mehrere Anforderun­gen aufeinander: fachliche Breite, mu­siktheoretische Grundlagenarbeit, historische Orientierung und praktische Arbeit. Die Antworten legen nahe, dass die neue Oberstufe besonders dort als gelungen erlebt wird, wo diese Bereiche nicht gegeneinander ausgespielt werden müssen. Wo Unterrichtszeit knapp wird, gerät jedoch vor allem die vertiefte Ver­bindung von Wissen, Hören und Analy­sieren sowie das gemeinsame Musizie­ren unter Druck. 

Wahlunterricht: Viel Engagement, aber wachsende Unsicherheit 

Was im regulären Unterricht als Fra­ge von Zeit, Praxis und fachlicher Tie­fe erscheint, setzt sich außerhalb des Klassenraums fort. Besonders deut­lich wird dies beim Wahlunterricht und bei den Ensembles. In 38 von 68 aus­wertbaren Freitextantworten wird ein Rückgang der Belegung oder der fort­laufenden Teilnahme beschrieben. 

Als wichtigste Ursache nennen die Befragten die eingeschränkte Möglich­keit, Leistungen aus dem Wahlunter­richt in die Abiturbewertung einzubrin­gen. Gerade in Hinblick auf ihr letztes Schuljahr stellt sich für viele Schüle­rinnen und Schüler offenbar die Frage, ob sich ein zusätzliches Engagement noch „lohnt“. Einige Lehrkräfte berich­ten, dass erfahrene Musiker:innen die Ensembles in ihrer leistungsstärksten Zeit verlassen. Das mache es schwierig, Chöre und Instrumentalgruppen dauer­haft zu stabilisieren, Konzerte zu pla­nen und die Qualität der Ensemblear­beit zu halten. 

Hinzu kommen organisatorische He­rausforderungen. Volle Stundenpläne, Ganztag, fehlende gemeinsame Proben­zeiten und knappe Ressourcen erschwe­ren es mancherorts, Kurse zustande zu bringen oder über mehrere Halbjahre fortzuführen. Besonders kleinere Schu­len sehen sich vor der Aufgabe, musika­lische Angebote trotz geringer Teilneh­merzahlen und begrenzter personeller Möglichkeiten aufrechtzuerhalten. 

Doch auch hier ist das Bild nicht durchweg negativ. Fast ein Drittel der Rückmeldungen berichtet von nach wie vor stabilen oder gut funktionierenden Ensembles. Dort wählen Schülerinnen und Schüler die Angebote weiterhin aus Interesse und Freude am gemeinsamen Musizieren, auch wenn sie daraus kei­nen unmittelbaren Vorteil für die Abiturnote ziehen. Engagierte Schullei­tungen, gewachsene musikalische Tra­ditionen, überzeugende Ensemblearbeit und besondere Anreize wie Musikpro­bentage scheinen dabei wichtige Fak­toren zu sein. 

Wo Veränderung ansetzen muss 

Die Rückmeldungen liefern keine ein­fache Erfolgsformel für die neue Ober­stufe. Dass Wahlunterricht und En­sembles an manchen Schulen stabil bleiben, bedeutet nicht, dass die ge­genwärtigen Rahmenbedingungen dort grundsätzlich unproblematisch sind. Oft beruhen diese positiven Er­fahrungen auf besonderen lokalen Vo­raussetzungen. Diese Voraussetzungen sind wertvoll, aber nicht an jeder Schu­le gleichermaßen vorhanden und kön­nen strukturelle Nachteile nicht dauer­haft ausgleichen. 

Für Schulen, an denen Angebote unter Druck geraten, benennt die Be­fragung konkrete Ansatzpunkte: Es braucht verlässliche Zeitfenster für En­sembles und Proben, frühzeitige Bera­tung der Schülerinnen und Schüler über die Folgen ihrer Kurswahl sowie eine realistische Planung von Kursgrößen und Kooperationen. Zugleich zeigen die Antworten deutlich die Grenzen des­sen, was einzelne Schulen selbst lösen können. Die eingeschränkte Einbring­barkeit des Wahlunterrichts, die Stun­denzahl im Leistungsfach und die Mög­lichkeiten zur Einrichtung kleiner Kur­se sind Fragen der übergeordneten Rah­menbedingungen. 

Die Ergebnisse richten sich daher auch an die Bildungspolitik. Gefragt sind Regelungen, die kontinuierliches musikalisches Engagement stärker an­erkennen, Wahlunterricht und Ensem­bles absichern und das Leistungsfach Musik auch an kleineren Schulen realis­tisch ermöglichen. Die Erfahrungen der Kolleg:innen machen deutlich: Ein viel­fältiges und fachlich anspruchsvolles musikalisches Leben in der Oberstufe kann nicht allein von engagierten Lehr­kräften und wohlwollenden Schullei­tungen getragen werden, sondern be­nötigt verlässliche strukturelle Voraus­setzungen.

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