Baumschulen sind Gärtnereibetriebe, die sich auf die Anzucht von Bäumen, Sträuchern und anderen Gehölzen spezialisiert haben. Neben diesen Betrieben, in denen Bäume für private Gärten und den öffentlichen Raum herangezogen werden, gibt es auch sogenannte Forstbaumschulen. Dort werden Baumarten herangezogen, die für die Holzwirtschaft wichtig sind. Was die Arbeit der Forstbaumschulgärtner:innen grundlegend prägt, ist der Faktor Zeit.
Foto: Roberto Reale
Das Baumschulprinzip und der Faktor Zeit
Wer heute Eichensetzlinge in die Erde bringt, weiß, dass er die Ernte dieser Bäume nie erleben wird. Zwischen Pflanzung und Einschlag liegen oft 100 bis 200 Jahre – ein Zeithorizont, der weit über ein Menschenleben hinausgeht. Entscheidungen, die heute getroffen werden, haben Konsequenzen für Mitarbeiter:innen, die noch gar nicht geboren sind. Planungssicherheit bedeutet hier nicht, das nächste Quartal im Blick zu haben, sondern das nächste Jahrhundert. Die Arbeit in der Baumschule verlangt Geduld, Demut vor natürlichen Prozessen und ein tiefes Verantwortungsgefühl gegenüber denen, die nach einem kommen.
„Was sind das für Zeiten…?“
Mit Blick auf unsere gegenwärtige Gesellschaft hätte uns wohl etwas mehr vom „Baumschulprinzip“ gutgetan. Demographischer Wandel, Fachkräftemangel, Klimakrise, politische Polarisierung – all das sind Konsequenzen eines alles anderen als vorausschauenden, geduldigen und demütigen Lebensstils. Dies gilt auch für den Kulturbereich. Gerade mit Blick auf den Fachkräftemangel in der Musik – spätestens evident durch die MIKADO-Studie (Mangel an Nachwuchs im künstlerisch-pädagogischen Bereich an Ausbildungsinstituten in Deutschland und Österreich)– ist die Lage besorgniserregend: Die Studie legt strukturelle Defizite offen, die sich nicht kurzfristig beheben lassen und deren Konsequenzen wir, wenn wir nicht entschieden handeln, in vollem Umfang an die nächste Generation weitervererben werden. Der ungebremste Fachkräftemangel im künstlerisch-pädagogischen Bereich gefährdet langfristig nicht nur die kulturelle Teilhabe breiter Bevölkerungsschichten, sondern untergräbt mit dem Laienmusizieren, dem Vereinsmusikwesen und der Nachwuchspflege des professionellen Musikbetriebs gleich mehrere tragende Säulen des gesellschaftlichen Zusammenhalts – still, zunächst kaum sichtbar, aber in seinen Wirkungen weitreichend und schwer umkehrbar. Wo Fachkräftemangel Institutionen und Einzelakteure in einen permanenten Überlebenskampf zwingt, schwindet die Kapazität für Vernetzung, Kooperation und gemeinsames kulturpolitisches Handeln – und aus einem Feld, das zusammenwirken müsste, werden vereinzelte Akteure.
Verantwortungsprinzipien
Die üblichen Verteilmechanismen der Exklusivität etablierter Kulturförderung müssen gestört werden, damit Mittel und Aufmerksamkeit dorthin fließen, wo sie gebraucht werden. Dafür braucht es Vertreter:innen in der Politik, die diese Perspektive aktiv einbringen, und die Bereitschaft aller Beteiligten zu erkennen, dass Egoismen bei begrenzten Mitteln nicht funktionieren – weder institutionell noch individuell. Das stellt die Relevanzfrage neu: Was gilt als förderwürdig, was als systemrelevant, und nach welchen Kriterien wird das entschieden?
Die dringend notwendigen Allianzen bedeuten also mehr als das Unterzeichnen von Kooperationsvereinbarungen. Sie bedeuten, sich ehrlich zu machen: Wo sind Interessen deckungsgleich, wo enden sie? Nur auf dieser Grundlage ist belastbare, langfristige Zusammenarbeit möglich. Es braucht einen Konsens zwischen den Akteur:innen der Szene, der handlungsfähig macht, Aufklärungsarbeit nach innen wie nach außen, und ein neues Verständnis von Solidarität: Nicht als moralische Forderung, sondern als wichtigste Infrastruktur, die der Kulturbereich sich selbst zur Verfügung stellen kann. Verwaltungen sollten dabei als Ermöglichungsinstanzen begriffen werden und dementsprechend adressiert werden.
Aus-, Fort- und Weiterbildung
Mit ihren Qualifizierungsreihen reagieren Bundes- und Landesakademien bereits heute auf einen sich stark verändernden Kulturbereich. Diese staatlich subventionierten Angebote sind Ausdruck einer Haltung, die Investitionen in Aus-, Fort- und Weiterbildung als langfristige kulturpolitische Aufgabe begreift. Fünf solcher Qualifizierungsreihen gibt es an der Bundesakademie Wolfenbüttel (ba): Die EMP-Weiterbildung „Spiel mit Musik!“, die Weiterbildung „Musiktheatervermittlung: Künstlerische Praxis und Partizipation“ (Neustart Okt. 2028) und die Chorleiter:innenfortbildungen B-Kurs „Klassische Chorleitung“ sowie „Jazz- und Popchorleitung“ (Neustart Okt. 2028). In Planung befindet sich derzeit eine Qualifizierungsreihe zum musikalischen Ganztag in Niedersachsen, an der die ba gemeinsam mit zahlreichen niedersächsischen Kulturakteur:innen arbeitet (Arbeitskreis Musik in der Jugend, Landesmusikakademie und Niedersächsischer Landesmusikrat). Entscheidend ist dabei – auch eine Forderung der MIKADO-Studie –, dass finanzielle Mittel für diese Arbeit bereitgestellt werden, da Angebote gerade von jungen, bereits prekär beschäftigten Kulturschaffenden sonst nicht wahrgenommen werden können.
Baumschulen statt Leuchttürme!
Die hier skizzierten Überlegungen zeigen, dass produktive Impulse für Kulturpolitik bisweilen dort entstehen, wo man sie am wenigsten erwartet. Es braucht diese Bereitschaft zum Blick über den eigenen Tellerrand, den kontinuierlichen Austausch zwischen allen Akteur:innen und es braucht starke Allianzen, die von Solidarität geprägt sind. Aber auch dann gelingt eine nachhaltige Kulturpolitik nur, wenn die politisch Verantwortlichen bereit sind, Mittel nicht vorrangig für prestigeträchtige Leuchtturmprojekte bereitzustellen, sondern gezielt für die Aus-, Fort- und Weiterbildung jener Menschen, die Kultur vermitteln und lebendig halten. Wer in diese neuen Generationen von Kulturschaffenden investiert, investiert in die kulturelle Handlungsfähigkeit kommender Generationen – und das ist die wirkungsvollste Kulturförderung, die eine Gesellschaft sich leisten kann.
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