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Nicht nur mitspielen war gefragt, auch mitbestimmen. Foto: Ulrich Schrader

Nicht nur mitspielen war gefragt, auch mitbestimmen. Foto: © Ulrich Schrader

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Harzer Hexenroller und ein Hauch Brecht

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„Hänsel und Gretel“ im Kloster Michaelstein
Vorspann / Teaser

Blankenburg/Harz. Im Kloster Micha­elstein reichen sich künstlerische, wis­senschaftliche und kulturvermittelnde Zielsetzungen die Hand. Erstmals wur­de jetzt mit viel Aufwand und großem Erfolg ein partizipatives Musiktheater­projekt realisiert. „War eine tolle Zeit und super, dass wir mit den ganzen Pro­fis zusammenarbeiten durften!“

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Die elfjährige Lena und viele an­dere von rund 40 Kindern der 5. und 6. Klassen des Gymnasiums „Am Thie“ in Blankenburg hat das Theatervirus voll erwischt: Be­reits im Sommer begann die musika­lische und szenische Vorbereitung des großen Musiktheaterprojekts „Hänsel und Gretel“, für dessen szenische Lei­tung das Kloster den märchener­probten Schauspieler Arnold Hofheinz und die Berliner Theaterpädagogin Rosemarie Arzt gewinnen konnte. Das schuleigene Musiklehrinnen-Tandem Evelyn und Ortrud Baldovski richtete sogar eine Blitzproben-Dauerschleife in den großen Pausen ein: „Ihr müsst das natürlich auswendig können auf der Bühne!“ Dazu die Kinder: „Eindeu­tig zu viele Proben!“ Es galt das altbe­kannte Fazit: Kunst ist schön, macht aber viel Arbeit. 

Oper in Taschenformat 

Am Nikolaustag war es dann soweit: Premierenfieber im Kloster! Die Mi­chaelsteiner Musikscheune – sonst vor allem historisch informierte ba­rocke Klänge und alte Instrumente gewohnt – wurde über Wochen vom Klosterteam und einer Kulissen-AG an der Schule mit viel Kreativität in eine zauberische Waldlandschaft ver­wandelt und atmete nun mit Engelbert Humperdincks hochberühmten Klän­gen spätromantische Feiertagsstim­mung. Andreas N. Tarkmanns auf pu­blikumsfreundliche 60 Minuten Spiel­dauer gekürzte Bearbeitung der viel­gespielten Märchenoper transformiert die üppig-klanggesättigte Partitur in eine kammermusikalisch-intime aber auch skurrile Pocket-Version mit Augs-burger-Puppenkisten-Charme. Das wurde mit viel Spielfreude von einem siebenköpfigen Taschenorchester und Dirigentin Julija Domaševa vom Har­zer Städtebundtheater verwirklicht. 

Nenn mich nicht immer Engelberti!“ 

Ganz in Michaelsteiner Tradition wurden auch historische Hintergrün­de einbezogen, die sich allerdings nicht auf die Aufführungspraxis, son­dern auf den Entstehungskontext des Stücks bezogen: Als zeittypisches Weihnachtsspiel für den heimischen Salon von Humperdinck gemeinsam mit seiner Schwester Adelheid Wette geschrieben, startete es seine Erfolgs­geschichte weit entfernt vom Format einer abendfüllenden Oper. Daraus entstand die Idee, das Geschwister­paar Engelbert und Adelheid (gespielt vom Regieteam Hofheinz/Arzt persön­lich) quasi als erwachsene Spiegel­bilder Hänsels und Gretels mit auf den Plan treten zu lassen. Sie schufen so im Kontakt mit dem Publikum Raum für Spontaneität und Partizipation. Vor allem in den geschwisterlichen Kabbeleien („Nenn‘ mich nicht immer Engelberti!“) wird sich manche(r) wie­dererkannt haben. 

Qualität ist ansteckend 

Die professionelle Solistinnenriege Lotta Bagge (Hänsel), Lea Kohnen (Gretel), Sandra Maxheimer (Knusper­hexe) und auch die 16jährige Carolina Marie Eckart (Sandmännchen) vom Landesgymnasium für Musik Wernige­rode legten die künstlerische Messlet­te für die Kinder hoch, Felix Größler (Studio u311) gab den szenischen Wir­kungen mit einer perfekten Lichtre­gie den letzten Schliff. Dabei zeigte sich: Hohe künstlerische Qualität ist keineswegs ein Nice-to-have, sondern substanziell und ein enormer Motiva­tionsbooster, der Kinder und Jugend­liche anspornt, über sich hinauszu­wachsen. Deren Aufgaben waren sze­nisch wie musikalisch vielfältig und gingen über den im Original vorgese­henen Lebkuchenkinderchor weit hi­naus. Rosemarie Arzt setzte bei den individuellen Fähigkeiten und Ta­lenten an und integrierte sie mit viel Feingefühl und Humor in die Hand­lung. 

Das geht besser!“ 

Auch bei der Regiearbeit durften die Kinder mitreden. So vertauscht die Hexe in dieser Version den Besen mit einem schnittigen Cityroller und wird von der Verkehrspolizistin Gretel di­rekt in den Ofen gelotst. Dann folgt endlich Lenas großer Moment: Plötz­lich löst sie sich aus dem Lebkuchen­zaun, rennt zum Orchester und nimmt der Dirigentin den Taktstock ab: „Das geht besser!“ Stille. Das Publikum weiß im ersten Moment nicht so recht, ob das jetzt ernst gemeint war – und erlebt dann eine Umgestaltung des be­liebten Hausmärchens: Die Hexe wird nicht verbrannt, sondern in einer Art Gerichtsverhandlung von den Kindern mit ihren Taten konfrontiert und zu ei­ner Strafe verdonnert: Ein Hauch Ber­told Brecht durchweht die Michael­steiner Musikscheune. 

Der Impuls dazu kam von den Kin­der selbst – „Das wäre ja sonst Mord!“ Märchen schöpfen ihre kulturelle Sub­stanz aus der mündlichen Weitergabe, die Aufforderung zum Weitererzählen ist ihnen gleichsam eingeschrieben. Das hat Humperdinck selbst seiner­zeit auch nicht anders gemacht! Am Ende dann Schlusstableau, Seifenbla­senmaschine und Konfettiregen – zwei ausverkaufte Vorstellungen und ein jubelndes Publikum machen Lust auf mehr Theaterzauber im Kloster! 

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