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Musikschriftstellerei und Künstliche Intelligenz

Untertitel
Ein kritischer Blick auf die Komponistenbiographien aus dem Verlag „tredition“
Vorspann / Teaser

Bei der Suche nach neuer Fachliteratur für die Bibliothek der Landesmusik-akademie NRW stieß man eher zufäl­lig auf eine Reihe von Komponisten­biographien, die vom Self-Publishing- Verlag „tredition“ veröffentlicht wur­den. Die Titel befassen sich u. a. mit Komponisten wie Buxtehude, Johann Christoph Bach, Vivaldi, Mattheson, Hummel, Burgmüller, Raff, Jadassohn und Busoni. Diese Liste ist keineswegs vollständig – und leider auch keines­falls unbedenklich.

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Schon beim ersten Blick wird man stut­zig: Titel und Untertitel wirken vage, teils nichtssagend oder sogar irrefüh­rend. Noch auffälliger sind die Buch­cover, deren Gestaltung klar auf KI-ge­nerierte Bildwelten hinweist. Die dar­gestellten Personen haben offenkundig nur wenig mit den porträtierten Kom­ponisten zu tun, und die übrigen Mo­tive liefern kaum mehr als diffuse Stim­mungsbilder ohne erkennbaren Bezug zum versprochenen Inhalt. 

Verständnisdefizit 

Wer sich von diesen Warnsignalen nicht abschrecken lässt und ein Ex­emplar zum Preis von 29,99 Euro er­wirbt, stößt bei der Lektüre rasch auf neue Ungereimtheiten. Eine kur­ze Recherche ergibt, dass es sich bei sämtlichen Autorennamen um mut­maßliche Debütveröffentlichungen handelt. Keiner dieser Namen ist im musikwissenschaftlichen Kontext do­kumentiert; eine fachlich einschlä­gige akademische oder publizistische Vita lässt sich zu keiner der angege­benen Personen finden. Die inhaltliche Prüfung bestätigt den Verdacht: Die Texte zeigen gravierende Probleme – stilistische Brüche, sachliche Fehler, mangelnde Quellenangaben sowie ein grundlegendes Verständnisdefizit hin­sichtlich Leben und Werk der behan­delten Komponisten. Mitglieder der „International Association of Music Libraries, Archives and Documenta­tion Centres, Ländergruppe Deutsch­land e. V.“ (IAML Deutschland e. V.), der auch die Bibliothek der Landes­musikakademie NRW angehört, haben mehrere besonders auffällige Beispiele dokumentiert. 

So zeigt etwa das Buch „Johann Christoph Bach: Die vergessene Stim­me des Barocks“ eines gewissen „Va­lentin Fuchs“, dass der „Autor“ (oder die KI) offenbar nicht zwischen den verschiedenen Familienmitgliedern der Bach-Dynastie unterscheiden kann. Bruder, Onkel und Vetter Johann Sebas-tian Bachs werden ständig verwech­selt; stellenweise wird Johann Chris-toph sogar mit Johann Ambrosius Bach gleichgesetzt – ein Fehler, der den Sinn ganzer Passagen entstellt. 

Vielzahl faktischer Fehler 

Ein weiteres Beispiel liefert das Buch „Vom Schüler Liszts zum Lehrer Eu­ropas: Salomon Jadassohns Weg. Der Einfluss eines musikalischen Genies auf Generationen von Musikern“ von „Robert H. Hummel“. Bereits die erste Durchsicht offenbart eine Vielzahl faktischer Fehler. So wird behauptet, die Musikbibliothek der Stadt Leip­zig habe das Projekt „Complete Works of Salomon Jadassohn“ initiiert und verwahre einen Großteil seines Nach­lasses – beides ist falsch. Die Quellen­lage verstärkt den Eindruck des Un­seriösen: Angeführt werden willkür­liche, kaum überprüfbare Referenzen. Darüber hinaus finden sich Zitate aus Schriften, die nach heutigem Kenntnis­stand nie existierten, darunter „Her­bert Schneider: Die Harmonielehre Sa­lomon Jadassohns (1956)“ oder „Anna Krause: Salomon Jadassohn – Weg­bereiter der modernen Musiktheorie (2018)“. 

Predatory Publishing 

Solche Falschinformationen lassen sich aus dem fragwürdigen Bestand von „tredition“ nahezu beliebig er­weitern. Zwar ist das Phänomen des sogenannten „Predatory Publishing“ nicht neu, doch die massenhafte Nut­zung von KI zur automatisierten Er­zeugung ganzer Musikbücher verleiht ihm eine neue Dimension. Es wird ge­zielt der Anschein wissenschaftlicher Seriosität erweckt – und dies in einer Weise, die trügerisch ist und in ihrer Dreistigkeit hervorsticht. Solche Pu­blikationen gefährden das Vertrauen in musikbezogene Forschung, indem sie Falschinformationen verbreiten und seriöse wissenschaftliche For­mate imitieren. Besonders bedenklich ist die potenzielle Rufschädigung für Nachwuchswissenschaftler:innen, die – auf der Suche nach kostengünstigen Publikationsmöglichkeiten – mit An­bietern wie „tredition“ zusammenar­beiten und ungewollt in einem Umfeld landen, das pseudowissenschaftliche KI-Erzeugnisse toleriert oder fördert. 

Wer kontrolliert die Inhalte? 

Ein besonderes Geschmäckle er­hält die Angelegenheit im Hinblick auf die Selbstdarstellung des Ver­lags. Auf der Website finden sich Hin­weise zu angeblichen Qualitätsstan­dards, insbesondere zu „KI-gene­rierten Büchern“. Dort heißt es, KIs seien „noch nicht so weit, ein kom­plettes Buch zu schreiben“, und man wolle keine überwiegend KI-basier­ten Inhalte veröffentlichen. Die geis-tige Schöpfung müsse vom Verfasser stammen. Diese Aussagen stehen im deutlichen Widerspruch zu den vorlie­genden Werken und werfen zahlreiche Fragen auf: Unter welchen Umständen konnten diese Veröffentlichungen ent­stehen? Sind die genannten Standards nur ein Lippenbekenntnis des Verlags? Wer kontrolliert die Inhalte? Und exis-tieren die angegebenen Autor:innen überhaupt? 

Ein Geschäftsmodell, das viele Fragen aufwirft 

Auch ökonomisch ergeben sich Fra­gen: Wem fließen mögliche Tantiemen der VG Wort zu? Warum dürfen diese unseriösen Produkte zu derart hohen Preisen verkauft werden? Wer hätte die rechtliche Handhabe, ein derartiges Geschäftsmodell zu unterbinden und der Verbreitung biographischer und philologischer Unwahrheiten entge­genzutreten? Welche Rolle spielen hier Handelsplattformen wie Amazon, die die Bücher ohne Hinweise anbieten? 

Bis auf Weiteres bleibt nur, eindring­lich vor den Praktiken dieses und ähn­licher Verlage zu warnen. Der miss­bräuchliche Einsatz KI-gestützter Systeme stellt auch im Bereich der Musikschriftstellerei eine nicht zu un­terschätzende Gefahr dar – in einem Feld, das auf sorgfältige Quellenarbeit, fachliche Differenzierung und wissen­schaftliche Integrität angewiesen ist. 

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