Wie gelingt der Übergang von der Ausbildung in den europäischen Opernmarkt? Und welche Kompetenzen brauchen junge Sänger:innen, um langfristig bestehen zu können? Mit diesen Fragen beschäftigt sich das transnationale Erasmus+-Forschungsprojekt „Opera Bridge – From Early Career to European Stage“, eine Kooperation der Musikakademie Rheinsberg und des Opera Collective Ireland. 14 Nachwuchskünstler:innen aus Deutschland und Irland erhalten hier in verschiedenen Workshops sowie bei Expert:innen-Panels Einblicke und praktische Werkzeuge, um ihre berufliche Zukunft aktiv zu gestalten. Dabei reichen die Themen von Grundwissen über Steuern, Visa und Verträge über digitale Kommunikation bis hin zu psychologischer Resilienz.
Das Rheinsberg Opera Collective. Foto: Uwe Hauth
Wege in den europäischen Musiktheatermarkt
Veränderte Branchenstrukturen und sich wandelnde Berufsprofile
Politische Neuausrichtungen, Sparmaßnahmen, Publikumsschwund: Es ist ein offenes Geheimnis, dass der Opernsektor vor tiefgreifenden Veränderungen steht: Feste Ensemblestellen werden seltener, während freiberufliches Arbeiten und Aufführungsformen außerhalb klassischer Opernhäuser an Bedeutung gewinnen. Gleichzeitig steigen für Künstler:innen die Anforderungen an Eigeninitiative, Netzwerkarbeit und die Fähigkeit, sich in hybriden Formaten zwischen Live- Aufführung und digitaler Vermittlung zu behaupten. Im ersten Panel „Navigating the Opera Business“ standen unter anderem gängige Praktiken bei der Rollenbesetzung im Fokus. Die Branchenvertreter:innen Karen Stone (Opera Europa), Friedemann Röhlig (HfM Karlsruhe), Brenda Hurley (Royal Irish Academy of Music), Dieter Kaegi (Theater Orchester Biel Solothurn) und Ingo Jander (ZAV Künstlervermittlung) diskutierten über Audition-Kriterien und machten deutlich: Frauen haben es strukturell schwerer. Auf eine große Zahl hochqualifizierter Sopranistinnen kommen vergleichsweise wenige Rollenangebote.
Das zweite Panel wagte einen Blick in die Zukunft: Die Wissenschaftlerin Dr. Jenny Dagg stellte etwa das irische Pilotprojekt für ein bedingungsloses Grundeinkommen für Künstler:innen vor. Regisseur Tom Creed und Szenografin Franziska Ritter erörterten neue Musiktheaterformate und Kulturen der Digitalität. Hier wurde klar, dass sich auch die Bandbreite künstlerischer Fähigkeiten erweitert: Verschiedene Gesangs- und Schauspieltechniken sowie der souveräne Umgang mit Technik sind mittlerweile mehr als ein Nice-to-have.
Von Steuern bis zur digitalen Präsenz
„Opera Bridge“ reagiert auf diese Trends mit einer Workshop-Serie, die ein breites Spektrum an Themen abdeckt. Dabei ist das Ziel weniger, die Teilnehmenden zu Rechts- und Kommunikationsexpert:innen auszubilden, als vielmehr eine Navigationshilfe durch die oft unklaren bürokratischen Strukturen und Anforderungen zu bieten und aufzuzeigen, wo Unterstützung zu finden ist.
So stellten Sebastian Hoffmann vom Netzwerk Touring Artists und Kathleen Parker von RedTape Translation Wege vor, sich durch den Dschungel bürokratischer Themen zu kämpfen. Dass ein zweites Einkommen kein Eingeständnis einer wenig erfolgreichen Künstlerlaufbahn ist, sondern eine legitime Ressource für ökonomische und psychologische Stabilität darstellt, war für die Teilnehmenden eine beruhigende Erkenntnis. Padraic Rowan von der Deutschen Oper Berlin gab Einblicke in die Arbeit im Opernensemble und die renommierte Psychotherapeutin und Sängerin Virginia Kerr thematisierte Auftrittsängste und Mental Health. Die insgesamt sechs Online-Workshops wurden durch das Thema Öffentlichkeitsarbeit und digitale Kommunikation abgerundet: Hana Zushi-Rhodes von der internationalen Künstleragentur WildKat PR, die unter anderem Golda Schultz oder Cate Blanchett betreut, gab den Sänger:innen neben strategischen Tipps einen praktischen Fragenkatalog an die Hand, der beim Aufbau einer digitalen Identität eine gute Orientierung bietet.
Michelle Rennée Gille von der Kulturbotschaft Berlin warf wiederum einen kritischen Blick auf Social Media und gab den Teilnehmenden unter anderem Handlungsempfehlungen für Krisenkommunikation mit auf den Weg.
Abschlusskonzert im Schlosstheater Rheinsberg als künstlerische Forschung
Den Höhepunkt des Projekts bildet zweifelsohne die Präsenzphase in Rheinsberg, in der die Sänger:innen erstmals gemeinsam vor Ort arbeiten. Nach einem Camera-Acting-Workshop mit dem Schauspieler Luka Dimič (u. a. Filmuniversität Potsdam) und einem musikalischen Coaching mündet das Projekt am 30. Juli in ein öffentliches Showcase-Konzert unter der künstlerischen Leitung von Sina Schmidt, das im Rahmen des „Internationalen Festivals junger Opernsänger:innen“ der Kammeroper Schloss Rheinsberg im Schlosstheater stattfindet.
Das Programm steht unter dem Motto einer musikalischen Heldenreise, die entlang der verschiedenen Stationen einer Sänger:innenkarriere führt. Digitale Filter reagieren dabei in Echtzeit auf den Gesang. So verbindet das Konzert die im Projekt erarbeiteten Inhalte mit der künstlerischen Praxis – und thematisiert die Spannung zwischen persönlicher Authentizität und digitaler Selbstinszenierung.
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