Am 24. und 25. April 2026 findet im Kaisersaal in Erfurt die diesjährige Bundesversammlung mit Hauptarbeitstagung des Verbandes deutscher Musikschulen (VdM) statt. Neben der turnusgemäßen Wahl des Bundesvorstandes stehen vielfältige Themen auf der Agenda. Claudia Wanner, Pressesprecherin des VdM, sprach mit dem Bundesvorsitzenden des VdM, Friedrich-Koh Dolge, über die thematischen Schwerpunkte und Ziele der Bundesversammlung und Hauptarbeitstagung.
Friedrich-Koh Dolge. © Foto: privat
Fachkräftesicherung ist kulturpolitische Strukturaufgabe
Claudia Wanner: Welche Themen werden die Bundesversammlung und Hauptarbeitstagung dieses Jahr voraussichtlich am stärksten prägen, und was ist daran für Musikschulen aktuell besonders relevant?
Friedrich-Koh Dolge: Es wird im Wesentlichen um vier große Themenfelder gehen. Das erste Feld ist das drängende Thema „Fachkräftemangel und Berufsbild“ – mit den Ergebnissen der „MiKADO-Musik“-Studie und unserer Umfrage zum Fachkräftebedarf bis 2035. Der Fachkräftemangel ist zu einer strukturellen Zukunftsfrage für uns öffentliche Musikschulen geworden. Dabei geht es vor allem darum, Arbeitsbedingungen, Vergütung, Ausbildung und Personalgewinnung – und damit die Attraktivität des Berufs insgesamt – zu durchleuchten. Wir wollen herausarbeiten, dass Qualität in der musikalischen Bildung ausdrücklich verlässliche Beschäftigungsverhältnisse und professionelle Rahmenbedingungen braucht, damit sie sich auch künftig entfalten kann.
Das zweite Thema ist die Novellierung des Leitbildes und Grundsatzprogramms der öffentlichen Musikschulen im VdM. Das letzte Leitbild wurde 2015 in Münster verabschiedet, das Grundsatzprogramm mit integriertem Leitbild 2016 in Oldenburg. Nach zehn Jahren ist es an der Zeit, gesellschaftliche Entwicklungen sowie unsere weiterentwickelten – teilweise auch neuen – Positionierungen in diesen Dokumenten festzuhalten. Sie sollen einen gemeinsam getragenen normativen Rahmen bilden, in dem wir Selbstverständnis, Qualitätsanspruch und politische Zielrichtung klarer definieren und uns als Bildungs- und Kulturinstitutionen im öffentlichen Auftrag deutlicher positionieren. Damit erhoffen wir uns einen starken Rückhalt für die musikalische Bildung von Kindern und Jugendlichen, aber auch von Erwachsenen – und zugleich mehr Orientierung und Identifikation für und von unseren öffentlichen Mitgliedsschulen sowie eine deutlich gestärkte Argumentationsgrundlage gegenüber Trägern und Politik.
Das dritte Thema betrifft Finanzierung und politische Verantwortlichkeiten. Wir wollen deutlich machen, dass musikalische Bildung als gemeinsame Aufgabe von Kommunen und Ländern, aber in Teilaspekten auch des Bundes, verstanden werden muss. Dauerhafte Aufgaben brauchen eine verlässliche, strukturell abgesicherte Finanzierung. Andernfalls werden wir unseren öffentlichen Auftrag nicht erfüllen können. Deshalb ist es wichtig, diese Argumentationslinie auch im Grundsatzprogramm und im Leitbild politisch zu schärfen, um unsere Erwartungen nach außen klar zu kommunizieren.
Das vierte zentrale Thema ist die gesellschaftliche Rolle der Musikschulen. Zum einen sind Musikschulen Orte musikalischer und kultureller Bildung und Praxis – und sie stehen damit für den Eigenwert der Musik als Kunst- und Kulturform. Zum anderen sind Musikschulen Orte, an denen Teilhabe konkret ermöglicht wird: Sie fördern Inklusion und Persönlichkeitsbildung, stärken Demokratiekompetenz und gesellschaftlichen Zusammenhalt – und sie tragen Verantwortung dafür, dass Kinder und Jugendliche in einem geschützten Rahmen lernen, wachsen und sich ausdrücken können.
Wanner: Was hat sich verändert zwischen dem Leitbild 2015 und 2026?
Dolge: Wir haben 2015 einen wichtigen Schritt unternommen, indem wir eine Selbstbeschreibung vorgenommen und eine Wertebasis der Musikschulen definiert haben. Jetzt sind wir einen Schritt weiter gegangen und haben darauf aufbauend einen stärkeren strategischen Orientierungsrahmen formuliert. Das sehen wir zum Beispiel daran, dass wir die gesellschaftliche Rolle von uns öffentlichen Musikschulen als Akteure für gesellschaftlichen Zusammenhalt, für Demokratie und Integration sowie für Inklusion klarer definiert und beschrieben haben. Neu hinzugekommen ist der Kinder- und Jugendschutz: Wir sehen Musikschule ausdrücklich als sichere Orte für Kinder und Jugendliche, und wir haben eine ganz klare Haltung zu Nähe, Distanz und Schutz. In unserem neuen Leitbild betonen wir Musik auch stärker als Kunstform um ihrer selbst willen. Wir haben Vielfalt, Heterogenität, Diskriminierungssensibilität und Partizipation als Teil demokratischer Kultur und Selbstwirksamkeit herausgestellt und auch digitale Bildungsprozesse ausdrücklich berücksichtigt.
Wanner: Was bedeutet Verantwortung für nachhaltige Bildung und Gesellschaft im Kontext Musikschule, und welche Inhalte werden dazu bei der Bundesversammlung und Hauptarbeitstagung diskutiert?
Dolge: Wichtig ist mir dabei, dass wir Nachhaltigkeit nicht nur ökonomisch und ökologisch denken, sondern sie auch als Ermöglichung langfristiger musikalischer Bildungsbiografien verstehen. Damit verbinden wir den Anspruch, eine breite kulturelle Praxis über Generationen hinweg zu vermitteln, Selbstwirksamkeit, Dialogfähigkeit und Resilienz zu stärken und öffentliche Musikschulen als Orte der Begegnung und des gesellschaftlichen Zusammenhalts zu gestalten. Ökologische oder ökonomische Nachhaltigkeit allein zu denken, wäre mir persönlich zu wenig. Denn Kunst und Kultur sind kein Beiwerk, sondern der Resonanzraum, der Orientierung und Perspektivweite eröffnet und uns befähigt, Nachhaltigkeit nicht nur in kurzfristigen Kennzahlen, sondern in größeren Zusammenhängen und über Generationen hinweg zu denken.
Wanner: Welche sind die wichtigsten Ziele der anstehenden Bundesversammlung aus Sicht des VdM?
Dolge: Das wichtigste Ziel ist, ein gemeinsames Selbstverständnis und damit noch mehr Geschlossenheit unter unseren VdM-Mitgliedsschulen zu entwickeln – gemeinsam mit den Kolleginnen und Kollegen vor Ort. Wir wollen von „Wir VdM-Musikschulen“ sprechen können – nicht überheblich, aber selbstbewusst. Ich bin überzeugt, dass unser Grundsatzprogramm und unser Leitbild dafür die inhaltlichen Klammern bilden können – für unsere Mitgliedsschulen, für unsere Landesverbände und für uns als Bundesverband. Daraus erwachsen Orientierung und innere Geschlossenheit – und daraus wächst auch unsere Durchsetzungskraft gegenüber Trägern und Politik. Das ist meine klare Hoffnung. Daran knüpft auch der nächste Schritt an. Wenn wir nach innen klarer, geschlossener und sprachfähig sind, stärkt das unmittelbar auch unsere politische Handlungsfähigkeit.
Dieses Grundsatzprogramm und das Leitbild sollen zur belastbaren Grundlage für Gespräche mit Bund, Ländern und Kommunen werden – insbesondere dort, wo es um verlässliche Finanzierung geht. Dabei liegen die Themen auf dem Tisch: der Ganztag und das Ganztagsförderungsgesetz, der Fachkräftemangel mit seinen Folgen und die Frage, wie Qualität unter veränderten Rahmenbedingungen gesichert werden kann. Gleichzeitig sind viele Landesverbände und Bundesländer gerade dabei, Musikschul-Fördergesetze auf den Weg zu bringen. Hier kann das Grundsatzprogramm Orientierung geben, Argumente bündeln und als Ergänzung helfen, musikalische Bildung in und durch unsere Musikschulen weiter zu stärken. In Erfurt setzen wir mit dem Startpunkt einer bundesweiten Sichtbarkeitsinitiative bewusst auch ein Zeichen nach außen.
Wanner: Was ist der wichtigste Gewinn, den Teilnehmende aus der Bundesversammlung und Hauptarbeitstagung mit nach Hause nehmen sollen?
Dolge: Das Prinzip der Partizipation, wie wir sie in der Musikschularbeit und in der Pädagogik leben, wollen wir konsequent auch im Verband umsetzen. Deshalb haben wir die Novellierung von Grundsatzprogramm und Leitbild bewusst als breit angelegten Entwicklungsprozess gemeinsam mit den Landesverbänden gestaltet mit dem Ziel, die Mitgliedsschulen aktiv einzubeziehen und nicht nur Ergebnisse „von oben“ zu kommunizieren.
Auf der Hauptarbeitstagung bieten wir vier Workshops zu zentralen Themen an. Erstens die Frage, welche konkreten Handlungsfelder sich für uns Musikschulen vor Ort aus den aktuellen Herausforderungen ergeben – und welche Lösungsansätze wir selbst entwickeln können. Zweitens nehmen wir unsere Zusammenarbeit im Verband in den Blick: Was funktioniert gut, was braucht neue Strukturen, wie werden wir gemeinsam stärker?
Drittens geht es um unseren Auftrag in der Zusammenarbeit mit den Musikhochschulen als berufsausbildenden Einrichtungen. Und viertens um unseren politischen Auftrag und die strategische Zusammenarbeit mit Bund, Ländern und Kommunen. Wir führen jeden Workshop zweimal durch, damit alle Teilnehmenden mindestens in zwei Themenfeldern mitarbeiten können. Die „MiKADO-Musik“-Studie und unsere Umfrage, den Fachkräftebedarf bis 2035 betreffend, werden dabei selbstverständlich eine zentrale Rolle spielen – ganz praktisch: Was können wir selbst tun, welche Forderungen müssen wir formulieren, und welche Erwartungen richten wir an Partner, Träger und politische Ebenen? Und genau in diese Arbeitslogik der Hauptarbeitstagung fügt sich die Kernfrage ein: Die Fachkräftesicherung für unsere öffentlichen Musikschulen. Das ist keine Personalfrage einzelner Musikschulen vor Ort, sondern eine kulturpolitische Strukturaufgabe – und damit eine gemeinsame Verantwortung von Kommunen, Ländern, Bund und den Partnern im Bildungs- und Kulturbereich.
Als Verband deutscher Musikschulen werden wir dieses Problem nicht alleine lösen können – genauso wenig, wie es eine einzelne Musikschule für sich lösen könnte. Deshalb brauchen wir eine breite Allianz für die musikalische Bildung: verlässlich, langfristig und getragen von vielen. Ich wünsche mir, dass die Teilnehmenden aus Erfurt vor allem drei Dinge mitnehmen: Orientierung für die eigene Arbeit, Rückenwind für die nächsten politischen Schritte – und die klare Erkenntnis, dass wir in Kooperation und Gemeinsamkeit weit mehr erreichen als durch Einzelinitiativen. Ob als Landesverband oder als einzelne Mitgliedsschule. Entscheidend ist das Bewusstsein, Teil einer bundesweiten gemeinsamen Bewegung zu sein. Und dass Kolleginnen und Kollegen mit dem Gefühl nach Hause gehen, dass öffentliche Musikschulen systemrelevant sind und wir gemeinsam dafür eintreten werden.
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