Wo Musikschulen über ihre Zukunft sprechen, geht es nicht allein um Unterrichtsräume, Stundenpläne und Instrumente. Es geht um die Frage, wie eine Gesellschaft klingen will, wie sie jungen Menschen Wege in Kunst, Bildung und Gemeinschaft eröffnet und wie sie den öffentlichen Auftrag musikalischer Bildung sichert, wenn Fachkräfte fehlen und Zusammenhalt neu verteidigt werden muss. In Erfurt hat der Verband deutscher Musikschulen (VdM) bei seiner Bundesversammlung und Hauptarbeitstagung genau diese Fragen ins Zentrum gestellt.
Die musikalischen Beiträge begeisterten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer, wie hier das Akkordeon-Quartett „JenAccord“ der Musikschule der Stadt Erfurt und der Musik- und Kunstschule Jena bei der Eröffnung der Hauptarbeitstagung des VdM in Erfurt. Foto: VdM / Kerstin Heiderich
Musikschulen: Verantwortung für musikalische Bildung
Die Tagung machte sichtbar, wie eng die großen Themen der öffentlichen Musikschulen miteinander verbunden sind, darunter Nachwuchsgewinnung und Berufsbild, Finanzierung und politische Verantwortlichkeiten sowie die gesellschaftliche Rolle der Musikschulen. Diese Linien prägten die Debatten und fanden Eingang in zentrale Beschlüsse. Am 24. April 2026 verabschiedete die Bundesversammlung das überarbeitete Leitbild der öffentlichen Musikschulen im VdM sowie das Grundsatzprogramm „Musikalische Bildung in Deutschland – Musikschule stärkt, was uns verbindet!“. Mit beiden Papieren, die das gemeinsame Selbstverständnis der VdM-Musikschulen schärfen, machte der VdM deutlich, welche Rolle öffentliche Musikschulen für Bildung, Teilhabe und Zusammenhalt spielen.
Zugleich startete der VdM auf der Hauptarbeitstagung die Initiative „Musikschule stärkt, was uns verbindet!“. Mit ihr setzt der Verband ein deutliches Signal für die gesellschaftliche, politische und öffentliche Bedeutung öffentlicher Musikschulen. Die Initiative bündelt den Zukunftsimpuls von Erfurt und macht sichtbar, dass Musikschulen nicht nur Bildungsinstitutionen sind, sondern Orte der Teilhabe, der Begegnung und des gesellschaftlichen Zusammenhalts (mehr dazu im nebenstehenden Artikel).
Fachkräfte dringend gesucht
Wie dringlich dieses Signal ist, machte der Bundesvorsitzende des VdM Friedrich-Koh Dolge in seiner Eröffnungsrede deutlich. Mit Blick auf die „MiKADO-Musik“-Studie sagte er: „Bis 2035 werden über 14.700 Lehrkräfte in den Ruhestand gehen. Dem stehen nach den vorliegenden Berechnungen lediglich 4.000 künstlerisch-pädagogische Absolvierende gegenüber. Mehr als 10.000 Stellen könnten unter gleichbleibenden Bedingungen unbesetzt bleiben. Das entspricht einer Äquivalenz von 500.000 Schülerinnen und Schülern.“ Diese Zahlen beschrieben, so Dolge weiter, „nicht nur eine dramatische Statistik“, sondern die Realität der Musikschulen mit Schwierigkeiten bei der Besetzung offener Stellen, Unsicherheit in der Angebotsentwicklung, Belastungen in Kollegien und der Frage, unter welchen Bedingungen der öffentliche Auftrag künftig erfüllt werden könne.
Der Fachkräftemangel erscheint damit nicht als isoliertes Personalproblem, sondern als Strukturfrage. Die Studie verweist auf Arbeitsbedingungen, Vergütung, Sichtbarkeit des Berufsbildes, Übergänge in Ausbildung und Beruf sowie darauf, wie junge Menschen für musikpädagogische Tätigkeiten gewonnen werden können. Der Bundesvorsitzende formulierte daraus einen Auftrag an Musikschulen und Politik: „Für uns Musikschulen geht es darum, jungen Menschen musikpädagogische Tätigkeiten erfahrbar zu machen, das Berufsbild bewusster zu vermitteln, künstlerische Entwicklung auch für Lehrkräfte zu ermöglichen und professionelle Begleitung als selbstverständlichen Teil guter Arbeitskultur zu verstehen.“ Gegenüber Bund, Ländern und Kommunen müsse klar benannt werden, „dass bessere Bezahlung, Absicherung und Entwicklungsmöglichkeiten keine Nebensachen sind, sondern die Voraussetzungen von Qualität in der musikalischen Bildung.“
Politische Verantwortung
Auch der Thüringer Staatssekretär für Bildung, Wissenschaft und Kultur, Bernd Uwe Althaus, hob die Bedeutung der Musikschulen hervor. „Musikschulen sind weit mehr als Orte des Instrumentalunterrichts. Sie sind ein unverzichtbarer Bestandteil unserer Bildungslandschaft und Ausdruck eines Bildungsverständnisses, das den ganzen Menschen hat“. Mit Blick auf die „MiKADO-Musik“-Studie betonte er gemeinsames Handeln: „Die Herausforderungen, die die ‚MiKADO-Musik‘- Studie beschreibt, lassen sich nicht isoliert und schon gar nicht von einzelnen lösen. Es braucht eine gemeinsame Kraftanstrengung von Bund, Ländern und Trägern.“ Es gehe darum, das Berufsfeld zu stärken, attraktive Arbeitsbedingungen zu schaffen, Nachwuchs gezielt zu fördern und Ausbildung, Praxis und Perspektive besser zu verbinden.
Die Bundesversammlung des VdM bei der Verabschiedung des Leitbildes und des Grundsatzprogramms im Kaisersaal in Erfurt. Foto: VdM / Kerstin Heiderich
Leitbild und Grundsatzprogramm
Damit war ein politischer Rahmen gesetzt, der über die Fachdebatte hinausweist. Musikschulen sind Bildungsorte, Kulturorte und soziale Orte zugleich. Sie ermöglichen den Zugang zum Musizieren, fördern Persönlichkeitsentwicklung und kulturelle Teilhabe und leisten einen Beitrag zu Demokratiebildung und gesellschaftlichem Zusammenhalt. Dieses Verständnis liegt dem neuen Leitbild zugrunde. Es beschreibt Auftrag, Werte und Haltung der öffentlichen Musikschulen. Das neue Grundsatzprogramm formuliert die strukturellen Voraussetzungen für qualitätsvolle musikalische Bildung und leitet daraus politische Erwartungen an Kommunen, Länder und Bund ab.
Friedrich-Koh Dolge brachte die Bedeutung der beiden Papiere auf den Punkt: „Mit dem überarbeiteten Leitbild und dem Grundsatzprogramm machen wir deutlich, wofür öffentliche Musikschulen stehen und welchen Beitrag sie für unsere Gesellschaft leisten. Sie stehen für eine musikalische Bildung, die Menschen stärkt, Teilhabe ermöglicht und Zusammenhalt schafft. Damit diese Bildung auch künftig verlässlich und für alle zugänglich bleibt, braucht es klare politische Verantwortung und tragfähige Rahmenbedingungen.“ Mit dem Beschluss der Bundesversammlung bekräftigt der VdM seinen Anspruch, öffentliche Musikschulen als unverzichtbaren Teil der kommunalen Bildungs-und Kulturlandschaft zu stärken.
Erfurter Erklärung
Ein weiteres wichtiges Signal setzte die Bundesversammlung mit der Erfurter Erklärung „Verantwortung für nachhaltige Bildung und Gesellschaft“, die ebenfalls am 24. April 2026 beschlossen wurde. Die Erklärung erweitert den Blick auf Nachhaltigkeit und macht deutlich, dass sie für öffentliche Musikschulen nicht nur ökologische Verantwortung bedeutet, sondern ebenso Bildungsgerechtigkeit, Inklusion, kulturelle Teilhabe und demokratische Mitgestaltung. Musikschulen werden darin als Orte beschrieben, die Selbstwirksamkeit, Resilienz, Dialogfähigkeit und Gemeinschaft fördern. Sie schaffen Räume für Begegnung, Verständigung und aktives Mitgestalten.
Musikschulen sind danach Orte nachhaltiger Bildung und gesellschaftlicher Verantwortung. Mit der Erfurter Erklärung bekräftigt der VdM seinen Anspruch, kulturelle Teilhabe, demokratische Bildung und Zukunftsfähigkeit dauerhaft zu stärken. Mit dem Beschluss verbindet die Bundesversammlung die Forderung nach verlässlichen Rahmenbedingungen. Auskömmliche Finanzierung, tarifgerechte Beschäftigung, stabile Strukturen und starke Partnerschaften mit Kommunen, Ländern und Bund werden als Voraussetzungen benannt, damit musikalische Bildungsarbeit langfristig wirken kann. Die Erfurter Erklärung setzt ein Zeichen für eine Gesellschaft, in der Nachhaltigkeit ökologisch, sozial und kulturell gedacht wird.
Neben den inhaltlichen Beschlüssen standen in Erfurt auch Wahlen auf der Tagesordnung der Bundesversammlung. Dabei wurde der Bundesvorstand des VdM wiedergewählt (s. Information auf der linken Seite).
Allianz für musikalische Bildung
Zum Zukunftsimpuls von Erfurt gehörte auch die Vorstellung der gemeinsamen „Allianz für musikalische Bildung“ des Deutschen Musikrates (DMR), der Rektorenkonferenz der deutschen Musikhochschulen (RKM) und des VdM durch deren Präsidentin Lydia Grün (DMR) und die beiden Vorsitzenden Christian Fischer (RKM) und Friedrich-Koh Dolge (VdM). Die Allianz verfolgt das Ziel, musikalische Bildung für die Zukunft zu sichern und angesichts des Lehrkräftemangels gemeinsame Lösungen für Ausbildung, Berufsfeld und Fachkräftesicherung zu entwickeln. In Verbindung mit Leitbild, Grundsatzprogramm und Erfurter Erklärung wird deutlich, dass der VdM die Antwort nicht in Einzelmaßnahmen, sondern im gemeinsamen Vorgehen von Bildung, Kultur und Politik sucht.
Veranstaltet wurde die Hauptarbeitstagung mit Bundesversammlung vom VdM in Zusammenarbeit mit der Stadt Erfurt, der Musikschule der Stadt Erfurt und dem Landesverband der Musikschulen in Thüringen. Gefördert wurde sie durch das Bundesministerium für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend, die Stadt Erfurt und das Thüringer Ministerium für Bildung, Wissenschaft und Kultur. Damit spiegelte die Tagung, was inhaltlich eingefordert wurde: Musikalische Bildung braucht Kooperation, Verantwortungsteilung und verlässliche Partnerschaften.
Am Ende stand nicht nur eine Tagung mit Reden und Beschlüssen. Erfurt wurde zu einem Ort, an dem öffentliche Musikschulen ihre Rolle neu beschrieben haben, und zwar als verlässliche Einrichtungen musikalischer Bildung, als Partner von Kommunen, Ländern und Bund, als Räume der Teilhabe und als Kräfte des Zusammenhalts. „Musikschule stärkt, was uns verbindet!“ ist damit mehr als ein programmatischer Titel. Es ist eine Aufforderung, musikalische Bildung als öffentliche Aufgabe ernst zu nehmen und die Bedingungen zu schaffen, unter denen sie auch künftig wirken kann.
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