Vor 399 Jahren erklang auf Schloss Hartenfels in Torgau zum ersten Mal die „Dafne“ von Heinrich Schütz – das erste deutsche Singspiel, auch wenn die Partitur selbst verschollen ist. Dass der Landesverband deutscher Musikschulen Sachsen (LVdM Sachsen) seine Frühjahrstagung 2026 genau an diesem Ort abhielt, war eine bewusste Setzung: Musikschulen stehen in einer langen kulturellen Tradition – und sie beanspruchen einen Platz im öffentlichen Bewusstsein.
Die Delegierten der 25 sächsischen Musikschulen mit MinisterpräsidentnMichael Kretschmer (Mitte) bei der Frühjahrstagung des Landesverbandes in Torgau. Foto: © Sächsische Staatskanzlei
Musikschulen zwischen Tradition und Druck
Rund 40 Delegierte aus allen 25 sächsischen Musikschulen kamen am 16. und 17. April 2026 in Torgau zusammen. Das Programm spiegelte die Bandbreite dessen wider, womit sich öffentliche Musikschulen derzeit auseinandersetzen müssen: Finanzierungsfragen, strukturelle Reformen, rechtliche Verpflichtungen und die grundlegende Frage, wie Musikschule als Institution künftig aussehen soll.
Ein Dialog auf Augenhöhe – mit der Politik
Selten glückt es Fachverbänden, politische Entscheidungsträger nicht nur als Grußwortgeber zu gewinnen, sondern in einen echten Austausch einzubinden. Den Sächsischen Musikschultagen ist das gelungen. Der 1. Vorsitzende Sven Rössel moderierte am Nachmittag des ersten Tages ein Gespräch, das in seiner Offenheit bemerkenswert war: Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU) und Landrat Kai Emanuel (Landkreis Nordsachsen) stellten sich gemeinsam den Fragen der Mitgliedschaft. Im Mittelpunkt stand das Positionspapier „Musikschulen stärken!“ mit Blick auf den Doppelhaushalt 2027/28. Die Forderung nach einer Drittelfinanzierung – je ein Drittel aus Landesmitteln, kommunalen Zuschüssen und Elternbeiträgen – ist politisch ambitioniert. Derzeit trägt der Freistaat lediglich zwischen elf und vierzehn Prozent der Gesamtkosten sächsischer Musikschulen. Rössel hatte nüchtern formuliert, dass ein Sprung auf dreiunddreißig Prozent in einem Haushaltszyklus unrealistisch sei – aber die Richtung müsse klar benannt werden. Auch Friedrich-Koh Dolge, Bundesvorsitzender des Verbands deutscher Musikschulen, war unter den Gästen und richtete ein Grußwort an die Versammlung.
Strukturelle Erschütterung mit Langzeitwirkung
Als roter Faden durch die Berichte des Vorstandes zog sich das sogenannte Herrenberg-Urteil. Auch wenn im letzten Kalenderjahr bereits 80 Prozent des Unterrichts durch festangestellte Lehrkräfte erteilt wurden (2024 noch 70 Prozent), bleiben die finanziellen Konsequenzen erheblich – die Umstellung erfordert Planungssicherheit, die kommunale Haushalte oft nicht bieten können. Die Kreismusikschule „Heinrich Schütz“ Nordsachsen hat den Prozess weitgehend vollzogen: 72 Festangestellte stehen fünf Honorarkräften gegenüber – bei über 3.300 Schülerinnen und Schülern. Andere Einrichtungen stehen noch vor dieser Weichenstellung.
Kindeswohlschutz: Pflicht und Haltung
Der zweite Veranstaltungstag war dem Schutz von Kindern und Jugendlichen in Musikschulen gewidmet – durch das Gesetz zur Stärkung der Strukturen gegen sexuelle Gewalt inzwischen gesetzliche Pflicht für alle Einrichtungen. Elisabeth Riesel-Weicht, stellvertretende Leiterin der Leo-Borchard-Musikschule Steglitz-Zehlendorf in Berlin, führte die Teilnehmenden in einem praxisorientierten Workshop durch die Grundlagen der Konzeptentwicklung. Ihr Ansatz: Schutzkonzepte nicht als bürokratische Pflichtübung begreifen, sondern als Haltungsfrage. Einzelunterricht, geschlossene Türen, intensive Lehrer-Schüler-Beziehungen – das pädagogische Setting der Musikschule ist per se ein sensibles. Klare Regeln schützen alle: die Lernenden wie die Lehrenden.
Verband im Aufbruch: neue Arbeitsgruppen
Neben den inhaltlichen Schwerpunkten nutzte der Verband die Tagung für einen strukturellen Neustart: Drei weitere Arbeitsgruppen wurden ins Leben gerufen, die zentrale Themenfelder künftig kontinuierlich bearbeiten sollen – Ergebnis der Herbstkonferenz 2025 in Zwickau, bei der das Landesthema „Veränderungsmanagement an Musikschulen“ intensive Diskussionen ausgelöst hatte.
Fazit: Musikschulen als demokratische Bildungsorte
Torgau 2026 war mehr als eine Jahrestagung. Musikschulen leisten täglich kulturelle Grundversorgung: Sie öffnen Zugänge zur Musik für Kinder und Jugendliche aller sozialen Schichten, sie bilden aus, sie fördern, sie binden. Dass dies verlässlich finanziert, politisch anerkannt und rechtlich abgesichert werden muss, ist keine Sonderforderung einer Lobbygruppe – es ist eine bildungspolitische Selbstverständlichkeit. Schloss Hartenfels hat dafür einen würdigen Rahmen geboten. Heinrich Schütz hätte seine Freude gehabt.
Die nächste Herbstkonferenz des LVdM Sachsen findet 2026 in Freital statt.
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