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Lehrkräfte im Austausch: Jonas (li.) und Vadim (re.) im Gespräch. Foto: ver.di

Lehrkräfte im Austausch: Jonas (li.) und Vadim (re.) im Gespräch. Foto: ver.di

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Mehr als nur ein Statuswechsel

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Wie sichere Arbeitsplätze Musikschulen stärken
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Die Stadt Bielefeld ist als Folge des Herrenbergurteils und eines starken gewerkschaftlichen Engagements im Sommer 2024 den Schritt der Umwand­lung gegangen. Sie hat in diesem Rah­men allen freien Lehrkräften der Mu­sik- und Kunstschule ein Festanstel­lungsangebot gemacht, das, bis auf sehr wenige Ausnahmen, fast alle an­genommen haben. Es folgte ein um­fangreicher Onboarding-Prozess – so­wohl durch die Schulverwaltung als auch untereinander durch das Kollegi­um. Knapp zwei Jahre später wollten wir wissen, wie es den „neuen“ fest­angestellten Lehrkräften geht und ob sich die Mühen des gewerkschaftlichen Zusammenschlusses gelohnt haben. 

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ver.di: Danke, dass ihr euch für dieses Gespräch bereit erklärt habt. Vorweg interessiert uns natürlich am meisten, wie sich euer Leben verändert hat, seit ihr angestellt wurdet! 

Rita: Bei mir ist mit der Festanstel­lung vor allem ein großes Gefühl von Sicherheit und Ruhe eingekehrt. 

Jonas: Seit der Festanstellung hat sich mein Leben vor allem durch deutlich weniger Stress verändert – insbeson­dere im bürokratischen Bereich. The­men wie Steuererklärung, Kranken­kasse oder KSK haben vorher viel En­ergie gekostet und fallen jetzt deutlich leichter beziehungsweise ganz weg. Ein weiterer großer Faktor ist die Ar­beitssicherheit. Früher hatte ich oft das Gefühl, mich trotz Krankheit zur Arbeit schleppen zu müssen und mich mit Medikamenten irgendwie fit halten zu müssen, damit ich überhaupt unter­richten konnte. 

Vadim: Und eine der größten Verän­derungen ist Planbarkeit, unter ande­rem von Erholungsurlaub. Meine Frau und ich hatten früher immer Sorgen, dass es bei längerer Krankheit wäh­rend der Schulzeit zu großen finanzi­ellen Ausfällen kommen könnte und im Sommer dann noch einmal sechs Wochen ohne Honorar folgen könnten. Nun ist da schon eine große Sicherheit eingekehrt. 

Sicherheit im Alltag

ver.di: Wirkt sich die Sicherheit, die ihr beschreibt, auch auf euren Ar­beitsalltag aus? 

Vadim: In der Praxis hat sich mein Arbeitsalltag gar nicht so sehr ver­ändert, weil ich nach wie vor diesel­ben Tätigkeiten ausübe wie zuvor als Honorarkraft. Trotzdem bringt die Festanstellung auch in der Arbeit ein deutlich größeres Sicherheitsgefühl mit sich. Früher hatte ich oft das Ge­fühl, dass ein Widerspruch gegenüber dem Arbeitgeber negative Folgen ha­ben könnte – zum Beispiel weniger Un­terrichtseinteilungen oder die Nicht­verlängerung des Vertrags. Deshalb habe ich vieles mitgemacht, obwohl es eigentlich nicht in Ordnung war. Heute habe ich das Gefühl, dem Arbeitgeber auf Augenhöhe begegnen zu können. 

Jonas: Das Sicherheitsgefühl wirkte sich natürlich auch auf die Qualität meiner Arbeit aus. Seitdem ich ange­stellt bin, haben sowohl mein Arbeits­enthusiasmus als auch meine Arbeits­leistung deutlich davon profitiert. 

ver.di: Hat sich eurer Ansicht nach eure Rolle an der Musikschule verändert? 

Rita: Ich empfinde vor allem ein völlig neues Gefühl der Zugehörigkeit. Frü­her habe ich Veranstaltungen wie bei­spielsweise die Tage der offenen Tür überwiegend aus finanziellen Grün­den mitgemacht. Heute habe ich eine ganz andere Einstellung dazu, bringe mich gerne ein und fühle mich da­durch nicht mehr als Lehrkraft zwei­ter Klasse. 

Vadim: Für mich fühlte es sich vor der Umwandlung auch wie eine Zweiklas­sengesellschaft an, wobei ich mich qualitativ nie schlechter als die ande­ren Lehrkräfte gefühlt habe. Am Bei­spiel von Jugend musiziert ließ sich immer gut erkennen, dass die frei­en Mitarbeiter genauso tolle Schüle­rinnen und Schüler hervorgebracht haben, wie die fest angestellten Lehr­kräfte. Heute bringe ich mich im sel­ben Umfang ein, habe aber kein wü­tendes Gefühl dabei. 

Jonas: Ich fühle mich heute auch mehr als Teil der Musikschule und des Kol­legiums. Vor allem bei gemeinsamen Veranstaltungen mit den Kolleginnen und Kollegen merke ich, dass wir alle auf Augenhöhe agieren. Unser letztes Dozentenkonzert war so ein Moment, in dem ich gemerkt habe, dass ich dazu gehöre und nicht nur einen Job mache, um mehr Honorar zu erwirtschaften. 

ver.di: Haben sich für euch auf päda­gogischer Ebene Veränderungen er­geben? 

Jonas: Ich bin schon dadurch ein besserer Lehrer, weil ich gesund und entspannt in den Unterrichtsraum kommen kann. Allein dadurch, dass mich das Arbeitsverhältnis weniger stresst und ich mir weniger Sorgen darum machen muss. Ich komme ger­ne und mit einem Lächeln zur Arbeit und das spüren natürlich auch meine Schülerinnen und Schüler. 

Vadim: Durch die Zugehörigkeit und nun fair bezahlte Zusammenhangstä­tigkeiten kann ich ganz neue Dinge für die Musikschule tun. Ich plane aktuell zum Beispiel ein gemeinsames Ensem­ble-Projekt mit der Musikhochschule Detmold. Das wirkt sich am Ende auch positiv auf die Außendarstellung der Schule aus. Die Musikschule kann von diesem „neuen“ Engagement also auch profitieren. 

ver.di: Haben eure Schülerinnen und Schüler den Statuswechsel wahrge­nommen? 

Vadim: Meine Schülerinnen und Schü­ler haben damals sehr aktiv bei der Pe­tition mitgewirkt. Eine Familie werde ich nicht vergessen: Sie waren damals ganz neu bei mir im Unterricht und ha­ben über 100 Unterschriften für uns gesammelt. Diese Unterstützung tat ungeheuer gut. 

Rita: Einige meiner Schülerinnen und Schüler hatten lange vor der Umstel­lung über Geschwisterkinder bei fest­angestellten Lehrkräften schon mitbe­kommen, dass es Ungleichheiten gab – vor allem bei Nachholunterricht nach Krankheitsausfällen. Viele haben na­türlich auch an unserer Petition teil­genommen und sich mit uns für Fest­anstellungen stark gemacht. 

Jonas: Also ich werde auch nie ver­gessen, wie sehr sich meine Schüle­rinnen und Schüler für mich nach dem Statuswechsel gefreut haben. Es ha­ben ja schon viele gemerkt, wenn wir uns krank zur Arbeit geschleppt haben und nicht fit unterrichtet haben. Ich habe das Gefühl, dass der Unterricht dadurch eine ganz neue Anerkennung bekommen hat. 

ver.di: Würde das Berufsbild „Musik­schul-Lehrkraft“ durch mehr Festan­stellungen attraktiver werden? 

Vadim: Ich denke, da spielen nicht nur Festanstellungen eine Rolle – die sollten selbstverständlich sein. Bei der Berufswahl spielt es ja auch eine Rolle, ob ich eine gute Altersvorsorge aufbauen kann. Da es, je nach Instru­ment, kaum Vollzeitbeschäftigungen gibt, spielt darum allgemein eine hö­here Eingruppierung eine große Rolle. Der drohende Fachkräftemangel und Umfragen zeigen ja deutlich, dass das Berufsbild finanziell attraktiver wer­den muss. 

Botschaft an die Politik

ver.di: Für mehr Festanstellungen braucht es ja auch einen politischen Willen. Gäbe es eine Botschaft, die ihr an die politischen Entscheidungsträ­ger richten würdet? 

Jonas: Es wäre unglaublich wichtig, dass die Politik anerkennt, dass die musische Bildung durch den Fach­kräftemangel vor allem an allgemein­bildenden Schulen eine Krise erleidet und damit die gesamte Gesellschaft trifft. Musikschulen sind „Bastionen“, die berufsvorbereitend auf dem Weg zukünftiger Lehrkräfte wirken. 

Vadim: Vom Honorarsystem auf Fest­anstellungen umzustellen bewirkt mehr als den reinen Statuswechsel: Festanstellungen stärken Musikschu­len – nach innen und nach außen. Wir befähigen junge Menschen dazu, durch die hohe Selbstwirksamkeit im Lernprozess eine eigene Meinung zu entwickeln und damit tragen wir nach­weislich zu einem größeren Demokra­tieverständnis bei. 

ver.di: Warum sollten Kommunen in Musikschulen investieren? 

Jonas: Es gibt einen Bildungsauftrag, der die musische und kulturelle Bil­dung beinhaltet. Das ist an allgemein­bildenden Schulen nicht mehr darzu­stellen, dort mangelt es ja auch mas­siv an Musiklehrkräften. Musikschu­len füllen an dieser Stelle eine große Lücke. Kommunen kommen ihren ge­sellschaftlichen Pflichten nicht mehr nach, wenn Musikschulen nicht ent­sprechend ausgestattet werden. Po­litik muss daher erkennen, dass Mu­sikschulen diesen Auftrag haben und ernst nehmen, dass es eine bessere fi­nanzielle Unterstützung geben muss. 

Rita: Musikschulen machen die Stadt­gesellschaft bunter. Sie verbinden Menschen und tun vor allem Kindern und Jugendlichen, die die Auswir­kungen der Krisen auch spüren, etwas Gutes. Wenn den Kommunen etwas an ihren Bürgerinnen und Bürgern liegt, sollten sie Kunst und Kultur besonders unterstützen und musische Bildung im Blick haben. 

ver.di: Was möchtet ihr Kolleginnen und Kollegen an anderen Musikschu­len raten, die noch für eine Umwand­lung kämpfen oder darüber nachden­ken? 

Rita: Gebt nicht auf! Unfair bezahlte Honorare sind ungerecht – nicht nur innerhalb einer einzelnen Schule, son­dern auch über die ganze Musikschul­landschaft gesehen. Bei uns gab es ei­nige, die Sorge hatten, mit der Festan­stellung ihre Flexibilität im konzer­tanten Alltag zu verlieren, dass sie zu stark an die Schule gebunden werden würden. Das ist so nicht, denn auch als Festangestellte können wir mal Unterrichtsstunden verlegen, um ei­gene Projekte umsetzen zu können. 

Jonas: Sucht Allianzen in den kommu­nalen Räten. Tragt ihnen eure Anlie­gen vor, erklärt eure Arbeitsbedingun­gen und beschreibt, wie es an ande­ren Musikschulen aussieht. Wenn ihr etwas verändern wollt, müsst ihr an die Entscheidungsträger herantreten. 

Vadim: Haltet durch und holt euch ge­werkschaftliche Hilfe – ohne Unter­stützung durch ver.di wären wir nicht so weit gekommen! Wir sind darüber unter anderem auch mit Lehrkräften aus anderen Schulen in den Austausch gekommen und haben Rat und Bei­stand bekommen. Wenn ihr nun von uns etwas braucht, Hilfe oder Tipps für Aktionen, dann meldet euch. Hono­rarbeschäftigungen waren kein Biele­felder Problem, da stecken wir bun­desweit alle mit drin. 

ver.di: Vielen Dank für dieses großar­tige Angebot und die Zeit, die ihr euch genommen habt, eure Erfahrungen mit uns zu teilen! 

Das Interview führte Frederik Richts für ver.di.

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