Ende November letzten Jahres hat der Deutsche Musikrat die Studie „MiKADO-Musik“ vorgestellt. Sie sagt bis 2035 einen existenziellen Fachkräftemangel an Musikschulen voraus (siehe Infokasten). Mit Prof. Dr. Michael Dartsch von der Hochschule für Musik Saar – Mitglied der Steuerungsgruppe der Studie – hat Juan Martin Koch über die Ergebnisse und mögliche Konsequenzen daraus gesprochen (siehe auch Seite 1 und 26).
Michael Dartsch, Sommer 2025 © Monika Tschurl
„Wir hoffen, das Ruder noch herumreißen zu können“
neue musikzeitung: Was versteht man eigentlich unter einem Crowd Research Projekt und wie ergibt sich daraus dann dieses Gesamtbild?
Michael Dartsch: Crowd Research bedeutet hier, dass viele Forscherinnen und Forscher, hauptsächlich aus deutschen Musikhochschulen, an diesem Projekt beteiligt waren und Teilstudien durchgeführt haben, die dann zusammengeführt wurden: Da gab es zum einen eine Online-Befragung unter gut 500 musikalisch aktiven Schülerinnen und Schülern sowie weiteren rund 500 Studierenden verschiedener Studiengänge, zum anderen Auswertungen von Hochschulstatistiken und schließlich knapp 50 Interviewstudien in Form von Gruppendiskussionen oder Einzelinterviews mit Schüler:innen, Studierenden, Musikschullehrkräften oder Hochschullehrenden. Aus alledem – sowie aus Berechnungen auf der Basis von Statistiken des Musikinformationszentrums – hat sich das Gesamtergebnis aus Zahlen, Prognosen, Interviewauswertungen und einem Theoriemodell ergeben.
nmz: Was hat Sie an den Ergebnissen überrascht und was nicht?
Dartsch: Die Tendenz habe ich durchaus erwartet, aber frappierend war für mich schon die Klarheit, mit der man sagen kann, dass es in naher Zukunft viel zu wenig künstlerisch-pädagogische Absolvierende für die frei werdenden Stellen geben wird, und dass es andersherum für die wenigen Stellen, die in deutschen Orchestern in den nächsten zehn Jahren frei werden, viel zu viele Musiker:innen geben wird. Überraschend waren auch die Zahlen, wie viele Schülerinnen und Schüler da letztlich auf Unterricht werden verzichten müssen, wenn es so bleiben würde, wobei wir natürlich hoffen, das Ruder noch herumreißen zu können. Dazu kommen Teilaspekte: So gibt zum Beispiel rund die Hälfte der befragten Schüler:innen an, auf ihren Hauptfachinstrumenten auch aktiv Popmusik zu spielen! Das hat mich schon zum Nachdenken gebracht, ob man das nicht auch in den Eignungsprüfungen und Studiengängen viel stärker adressieren müsste.
nmz: Wie dramatisch sind die Zahlen? Kann man abschätzen, wie sich das in den nächsten Jahren entwickeln würde, wenn man es einfach so weiterlaufen lassen würde wie bisher?
Dartsch: In Zahlen würde es bedeuten, dass die Stellen von zirka 10.700 Personen, die in den nächsten zehn Jahren in den Ruhestand gehen, nicht wieder besetzt werden könnten. Das heißt, an jeder Musikschule würden knapp 30 Unterrichtsstunden pro Tag ausfallen, was 445.000 Schülerinnen betreffen würde. Das sind schon gravierende Zahlen, auch wenn man natürlich mit bedenken muss, dass die Musikschulen auch Schulmusiker:innen, Kirchenmusiker:innen, Orchestermusiker:innen et cetera einstellen. Wir gehen aber zunächst einmal davon aus, dass entsprechend den Richtlinien des Verbandes deutscher Musikschulen Menschen mit fachdidaktischer Qualifikation eingestellt werden sollten. Dann ergeben sich die Lücken, die ich dargestellt habe.
nmz: Ein Hebel könnten also all jene Absolvent:innen künstlerischer Studiengänge sein, die nicht in Orchestern unterkommen werden?
Dartsch: So ist es, doch die haben im Laufe ihres Studiums vielleicht mal eine Pflichtveranstaltung in Pädagogik absolviert, aber das ist keine Grundqualifikation. Hier müssten wir wirklich das Quereinstiegsmodell zu Ende denken, also eine Grundqualifikation auf breiter Basis aufbauen. Wir haben ja in den letzten Jahren wirklich versucht, die Qualität der musikpädagogischen Studiengänge zu steigern und da droht dann schon eine Erosion dieses Niveaus, wenn einfach so Quereinsteiger:innen eingestellt würden.
nmz: Vielleicht können wir noch einmal einen Schritt zu den drei Bereichen zurückgehen, in denen sich entscheidet, ob ein musikpädagogisches Studium begonnen und dann auch ein entsprechender Beruf ergriffen wird: die Studienvorbereitung, das Studium und die Berufspraxis. Können Sie vielleicht die wichtigsten Faktoren in diesen drei Feldern ein wenig umreißen?
Pädagogische Erfahrungen
Dartsch: In der Studienvorbereitung ist es ganz wichtig, dass die Schüler:innen bereits pädagogische Erfahrungen machen und Informationen bei Personen bekommen, die sich da sehr gut auskennen. Nach den Webseiten der Hochschulen sind Instrumentalpädagog:innen die wichtigste Auskunftsquelle, doch deren eigenes Studium liegt ja teilweise 30, 35 Jahre zurück und sie raten dann oft von einem entsprechenden Studium ab… Was pädagogische Erfahrungen betrifft, so gibt es in manchen Bundesländern ein Mentor:innensystem, hauptsächlich angesiedelt bei Musikvereinen. Da kann man wirklich von der Amateurmusik lernen! An den Musikschulen hat sich das bis auf vereinzelte Maßnahmen in Richtung Übepatenschaften leider noch nicht so etabliert, da könnte noch mehr entwickelt werden. Im Studium selbst greift sehr stark das, was auch schon ein wenig in der Studienvorbereitung anklingt: eine ganz klare Hierarchie zwischen künstlerisch auf der einen und künstlerisch-pädagogisch auf der anderen Seite. Die wichtigste Gruppe bilden hier die Hauptfachlehrenden, die – explizit oder implizit – diese Vorstellung eines künstlerisch-pädagogischen Studiums als Plan B oder gar als minderwertig vermitteln. Es wird oft gar nicht gesehen, dass es eine echte Motivation sein kann, Musik weiterzugeben, und dass diese Arbeit ja ganz starke künstlerische Anteile enthält. Daneben gibt es andere Faktoren, wie etwa das, was ich schon angesprochen hatte, nämlich die Frage, ob man sich vielleicht nicht auch stärker für eine gewisse Vielfalt von Genres öffnen sollte. Für den Bereich des Jungstudiums würde ich mir wünschen, dass auch diese Klientel schon pädagogische Impulse mitbekommt. Da passiert vereinzelt schon etwas und bei den Leitenden der entsprechenden Institute gibt es auch eine Offenheit dafür, aber das müsste verstärkt werden.
Arbeitsbedingungen
Was die Berufspraxis betrifft, so kommen natürlich die Arbeitsbedingungen zum Tragen, die ein Hauptgrund dafür sind, warum junge Menschen diesen Weg nicht einschlagen. Sie sind bisher noch von Honorarstellen geprägt, die knapp die Hälfte an den Musikschulen ausmachen. Das wird sich durch das Herrenberg-Urteil nun ändern, aber es bleiben ein Gefühl der Unsicherheit, die Angst vor der Freiberuflichkeit und der Ausblick auf ein niedriges Gehalt. Andere Berufsbedingungen spielen aber auch eine Rolle: die nicht so familienfreundlichen Unterrichtszeiten zum Beispiel, mangelnde Aufstiegschancen, geringe Weiterbildungsmöglichkeiten und wenig Aussicht, das Künstlerische, das einen vielleicht zum Studium motiviert hat, weiter auszuleben. Das gesamte Arbeitsumfeld muss also attraktiver werden.
nmz: Kann man sagen, aus welchen Bereichen die relevantesten Gründe stammen, und kann man daraus ableiten, welche Maßnahmen jetzt kurz-und mittelfristig am meisten bewirken könnten?
Dartsch: Entscheidend wird sein, wie nun seitens der Politik, der Hochschulen und der Musikschulen reagiert wird. Politisch betrachtet, müssen die Arbeitsbedingungen verbessert werden, um den Beruf attraktiver zu machen. Auch eine Höhergruppierung wäre durchaus sinnvoll, denke ich, selbst wenn das vor dem Hintergrund von Herrenberg vielleicht utopisch klingt. An den Hochschulen sehe ich verschiedene Stellschrauben: Die Eignungsprüfungen müssten offener gestaltet werden für begabte Menschen, die von ihrer musikalischen Sozialisation her nicht dem traditionellen Bild entsprechen. Im Jungstudium sollte es die Möglichkeit geben, Grundqualifikationen zu erwerben, und die Hauptfachlehrenden müssen wir vom Wert und von der Bedeutung des Pädagogischen überzeugen. Für die Musikschulen wünsche ich mir, dass frühzeitig pädagogische Erfahrungen gemacht werden können, dort wo es rechtlich und ethisch sinnvoll ist. Schüler:innen könnten durchaus Assistenzaufgaben übernehmen und dafür vielleicht auch ein Zertifikat bekommen. Dort sollte man sich außerdem die Frage stellen, was man den Lehrkräften an Weiterbildung, Supervision und Coaching bieten könnte, damit sie gesund und motiviert bleiben.
Best Practice
nmz: Gibt es denn Best Practice Beispiele aus den Hochschulen, wo die Durchlässigkeit zwischen künstlerischen und pädagogischen Inhalten schon gut funktioniert?
Dartsch: Genau die stellen die Verantwortlichen für künstlerisch-pädagogische Studiengänge gerade überregional zusammen. An einigen Hochschulen gibt es beispielsweise im Rahmen eines Orchesterstudiengangs die Möglichkeit, ein pädagogisches Profil hinzuzuwählen. Das ist dann keine Vollausbildung, etwa für komplexere Unterrichtssituationen wie das Klassenmusizieren, aber eine gewisse Grundqualifikation. In Detmold gibt es im Rahmen des Jungstudiums das Modell „Patenschaft auf Ohrenhöhe“. Hier haben die Musikschulen Hamm und Leichlingen zusammen mit der Detmolder Musikhochschule eine Initiative gegründet, bei der Jungstudierende Patenschaften für Musikschüler:innen übernehmen, und das wird dort gut mit Leben gefüllt. Und dann gibt es natürlich noch den Hochschulwettbewerb Musikpädagogik als Anreiz, entsprechende Projekte und Konzepte zu entwickeln.
nmz: Sehen Sie Parallelen zur MULEM-EX-Studie (siehe Infokasten), die man dazu nutzen könnte, nun gleichzeitig in beide Richtungen – Musikschule und Schulmusik – initiativ zu werden?
Dartsch: Es braucht sicherlich spezifische Maßnahme für beide Bereiche, gleichzeitig müssen wir aber auch gemeinsam auftreten und versuchen, die Wertigkeit von Musikpädagogik auf allen Ebenen zu erhöhen.
nmz: Da müssen wir vielleicht noch grundsätzlicher werden. In der Studie heißt es an einer Stelle: „Der Nachwuchsmangel an Musikschulen ist nicht nur ein Ergebnis struktureller Defizite, sondern ebenso Ausdruck kultureller und identitätsbezogener Herausforderungen…“ Im Grunde genommen geht es doch darum, wie wir über Musik, das Musik Machen und Musik Unterrichten nachdenken, urteilen, werten. Da scheint in Deutschland nach wie vor eine ziemlich konservative Grundhaltung vorzuherrschen, während man in Großbritannien oder den USA weiter zu sein scheint, etwa wenn man die Bedeutung von Community Music betrachtet…
Dartsch: Da müssen wir nicht mal ins Ausland blicken: Schon in der ehemaligen DDR gab es ein ganz anderes Verhältnis dazu. Klaus Hertel etwa, der berühmte Violinprofessor, war sich nicht zu schade in die Musikschule zu gehen und dort Kinder zu unterrichten. Und auch heute noch gibt es ja Modelle wie das Sächsische Landesgymnasium in Dresden, an dem Professorinnen unterrichten. Diese Einstellung – dass man als gute Hochschullehrkraft natürlich auch Kinder unterrichtet – war in Ostdeutschland deutlich stärker vertreten und ich würde fast sagen, dass das bis heute so ist. Da sollte stärker angeknüpft werden, finde ich. Positive Ansatzpunkte gibt es ja, zum Beispiel im Bereich der Jungstudierendeninstitute, die sich als Netzwerke verstehen: Amadé in Mannheim oder die Young Academy Rostock. Was die Diagnose betrifft, so gibt es zwei Aspekte: Da ist zum einen der Geniekult, der in Deutschland besonders stark gepflegt wurde, und zum anderen das geringe Ansehen pädagogischer Berufe generell, also gar nicht nur auf die Musik bezogen. Da sind wir bei gesellschaftlichen Problemen, die wir allein aus dem Musikbetrieb heraus gar nicht lösen können.
MiKADO-Musik – Crowd-Research- Projekt zum Mangel im Künstlerisch-Pädagogischen Bereich an Ausbildungsinstituten in Deutschland und Österreich
Beteiligte Institutionen: Deutscher Musikrat, Arbeitsgemeinschaft der Leitenden pädagogischer Studiengänge (ALMS), Rektorenkonferenz der deutschen Musikhochschulen in der HRK (RKM) und deren Ausschuss Künstlerisch-Pädagogischer Studiengänge (KPS), Verband deutscher Musikschulen (VdM)
Zentrale Ergebnisse:
· Bis 2035 gehen rund 14.700 Musikschulkräfte in den Ruhestand
· Dem gegenüber stehen lediglich rund 4.000 Absolvent:innen der Instrumental- und Vokalpädagogik sowie der Elementaren Musikpädagogik.
· Damit könnten in 10 Jahren etwa drei Viertel der freien Stellen nicht mit entsprechend qualifizierten Musikschullehrkräften besetzt werden.
· Angesichts konstant steigender Nachfrage bedeutet dies, dass mindestens 500.000 Schüler:innen keinen Musikschulunterricht mehr bekommen können.
MULEM-EX – Musiklehrkräftemangel – eine explorative Studie
Beteiligte Institutionen: RKM, Bundesfachgruppe Musikpädagogik (BFG), Konferenz Musikpädagogik an Wissenschaftlichen Hochschulen
Hintergrund: Die Zahl der Studienanfänger:innen im gymnasialen Lehramt Musik ist in den vergangenen fünf Jahren um 20 Prozent, die der Bewerber:innen um 40 Prozent zurückgegangen.
Zu den Faktoren, die als abschreckend empfunden werden, zählt die Studie unter anderem
· den zeitlichen und finanziellen Aufwand in der Vorbereitung sowie die an der klassisch-europäischen Kunstmusik ausgerichteten Eignungsprüfungen mit ihren hohen Anforderungen in Theorie und Gehörbildung,
· die Aussicht auf ein Studium, das nicht ausreichend auf die schulische Praxis vorbereitet sowie
· den Berufsalltag, insbesondere mit dem schwierigen Einstieg über das Referendariat.
Hintergründe und Downloads zu beiden Studien auf den Seiten des DMR: www.musikrat.de
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