100 Jahre Nähe durch Musik – Zur Eröffnung der Jubiläumsausgabe des Mozartfest Würzburg


(nmz) -
„Ich weiß nicht, ob Sie schon einmal von der Weglassprobe gehört haben?“, fragte Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier die Gäste der Eröffnungsgala des Mozartfestes. "Bei der Weglassprobe geht es ganz einfach um die Frage: Was würde uns fehlen, wenn es dieses oder jenes nicht gäbe, das so selbstverständlich da ist, mit dem wir uns selbstverständlich umgeben. Fehlte uns also etwas, wenn es Mozart nicht gegeben hätte, wenn wir die „Zauberflöte“ nicht kennen würden? Fehlte uns etwas, wenn wir das erschütternde Requiem nicht kennen würden? Fehlte uns etwas, wenn wir die späten Sinfonien nicht kennen würden, die ganz aus ihrer Zeit sind und doch weit darüber hinausweisen“? Eine unmissverständliche Antwort darauf gaben im Anschluss die Musikerinnen und Musiker der Camerata Salzburg unter Jörg Widmann, die nach Monaten der künstlerischen Enthaltsamkeit alles in die Waagschale warfen, was sie an Verve, Können und tiefempfundener Mozartkenntns zu bieten hatten.
01.06.2021 - Von Andreas Kolb

Intendantin Evelyn Meining hatte ein klug gemachtes Eröffnungsprogramm zusammengestellt, das dem Titel 100 Jahre Mozartfest mehr als gerecht wurde: Da gab es die „Fantasie für eine Orgelwalze f-Moll“ (KV 608), für Orchester gesetzt von Festivalgründer Hermann Zilcher. Die „Sinfonia concertante für Violine, Viola und Orchester Es-Dur“ (KV 364) war ein Mitbringsel der Camerata Salzburg aus der Stadt an der Salzach im doppelten Sinn: Entstanden 1779/80 in Salzburg wurde es 141 Jahre später in Würzburg am Main wieder im Originalklang dargeboten. Renaud Capucon und Gérard Caussé spielten auf Mozarts Costa-Violine und dessen Viola von Giovanni Paolo Maggini aus Brescia. Beide selten gespielte Instrumente wurden für diesen Anlass von der Stiftung Mozarteum den Künstlern zur Verfügung gestellt. Dieser „Schrein der Originale“, also der (vielleicht) authentische Originalklang – vor allem die Bratsche klang wie aus anderen Zeiten –, verfehlte seine Wirkung nicht. Mozart war präsent und keiner der Anwesenden konnte sich in diesen Minuten eine Welt ohne diesen Komponisten vorstellen.

Im bewährten Sandwich-Modus dirigierte Widmann nach kurzer, coronabedingter Lüftungspause die Camerata durch ein Stück eigener Provenienz, die „Konzertouvertüre für Orchester. Con brio“. Wenn Mozarts Musik erwiesenermaßen nur aus schönen Stellen besteht, so versammelt Widmanns Ouvertüre die effektvollsten Stellen aus der Geschichte der Sinfonik. Nach dieser Parade der neuen Musik, gab die Camerata Salzburg den Zuhörern mit einer strahlenden „Jupiter-Sinfonie“ das authentische Gefühl, eine Zeitreise in den Kaisersaal der Würzburger Residenz des ausgehenden 18. Jahrhunderts gemacht zu haben. Nur dass statt dem Kaiser und seinem Tross die Repräsentanten unserer demokratisch verfassten Gegenwart im Saale waren: Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier, Altkanzler Gerhard Schröder und Bayerns Kulturminister Bernd Sibler gaben dem Neustart in Würzburg etwas Paradigmatisches: An diesem Abend fiel gefühlt der Startschuss für den postpandemischen musikalischen Neustart in der gesamten Republik. Zumindest für diesen Sommer.

Auch wenn Steinmeier zurecht darauf hinwies, dass der schlimmste Feind der Musik ihre Musealisierung sei, soll hier noch auf eine Ausstellung im Museum Kulturspeicher hingewiesen werden, die eigens fürs 100. Jubiläum konzipiert wurde. „Imagine Mozart/Mozart Bilder“ – die Ausstellung führt den Besucher von Originalhandschriften und Partituren des Meisters bis hin zur Rezeption des Künstlers in den folgenden Jahrhunderten durch Maler, Bildhauer, Bühnenbildner oder auch die Presse. Sehenswert sind die in Malerei und Plastik dokumentierten Verwandlungen des Wunderkindes in einen, vom Äußeren her als nicht besonders attraktiv geltenden, jungen Mann bis hin zum Heldenstandbild für den gottbegnadeten Komponisten. Das Gemälde „Die Champagnerarie“ des Impressionisten Max Slevogt, das den Star-Bariton Francesco d‘Andrade darstellt, gilt als einer der Fälle, wo die Ikone postum dem Musikstück einen Titel gibt. Denn in der die Arie „Fin ch’han dal vino“, in der  Don Giovanni die kulinarischen Zutaten fürs Fest bei Leporello ordert, kommt das Wort Champagner nicht vor.

Gelegenheit zum postmodernen Assoziieren gibt einem etwa auch das Bild „Mozart“ von Tom Philipps von 1980. Es spielt auf den leidenschaftlichen Billardspieler Mozart an, eine Mozartkugel rollt durchs Bild und wie ein Menetekel reißt die schwarze Acht ein Loch ins lebendige Grün des Billardtuchs. Einer Grabinschrift nachempfunden umrahmt eine elegische Klage des Malers das Bild: OH MOZART HOW THEY FORGET YOU * HOW CAN IT HELP YOU NOW ALL THEIR STATUES & FESTIVALS THEIR CAFES & POOSTCARDS & MARZIPAN SWEETS * OH MOZART HOW THEY FORGET YOU.

Jedes Exponat erzählt von oder über Mozart und vor allem über die Welt nach Mozart. Die Ausstellung, angeregt von Evelyn Meining und kuratiert von Damian Dombrowski, Andrea Gottdang und Ulrich Konrad, spiegelt wider, wie sich Deutungen und Wahrnehmungen im Laufe der Jahrhunderte wandeln. Und würde man den von Steinmeier ins Spiel geführte „Weglass-Test“ anwenden, dann wären nicht nur im Kulturspeicher Würzburg, sondern an vielen Stellen unserer Welt eine ganz schöne Menge weißer Flecke an der Wand.

Die Ausstellung ist noch bis zum 11. Juli 2021 zu sehen, Musik erklingt noch bis 27. Juni 2021 in Würzburg.

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