30 Jahre später: Sondheims „Follies“ als Huldigung der Staatsoperette Dresden


(nmz) -
Wie war das im Jahr des Mauerfalls 1989? Stephen Sondheims „Follies“ spielt in den freien Theaterstrukturen der USA, wie es diese in den stabilen Subventions- und Administrationsrahmen der DDR nicht geben konnte. Trotzdem geht das Experiment des Regisseurs Martin G. Berger auf. Ein herausragendes amerikanisches Musical wird zum bewegenden und ganz unsentimentalen Rückblick auf das frühere, jetzt leerstehende Theatergebäude der Staatsoperette Dresden in Leuben. Mit dieser Produktion verbeugt sich die neue Intendantin Kathrin Kondaurow vor der Geschichte ihres Ensembles in bewegter Zeit. Ovationen für eine außergewöhnliche Hommage!
07.11.2019 - Von Roland H. Dippel

Mit Theater auf dem Theater in den für die Staatsoperette Dresden relevanten Gattungen Musical, Operette, Revue will die neue Intendantin Kathrin Kondaurow treues und neues Publikum gewinnen. Die von Jan Neumann getextete Revue „Hier und Jetzt und Himmelblau“ folgte der bereits vor 1989 kultivierten Praxis einer synthetischen Stückentwicklung: So wurde man von Neumann nicht in die Traumwelt hinein-, sondern in die eigene Lebenswelt hinaus-verführt. Zur Wiederaufnahme von Axel Köhlers Inszenierung der „Csardasfürstin“ gibt Dresdens neue Operettenprimadonna Steffi Lehmann die Sängerin Sylva Varescu. Der Höhepunkt dieses Musiktheater-Triathlons ist jedoch die Wiederentdeckung von Stephen Sondheims und James Goldmans Musical „Follies – Glanz und Schatten der Revue“ aus dem Jahr 1971. Es ist nicht bekannt, wer am Haus die Idee zu den bewegend nostalgischen Aktualisierungen des Stücks hatte, das 2018 am Royal National Theatre London den Laurence Olivier Award als „Best Musical Revival“ erhielt. Vor der Pause ist „Follies“ ein liebevoller und dabei von Sentimentalität freier Blick aus dem Kraftwerk Mitte in die heute leerstehende Staatsoperette-Spielstätte an der Pirnaer Landstraße in Leuben. Zuschauer hatten in den beiden ersten Vorstellungen am vergangenen Wochenende nicht nur deshalb feuchte Augen. Dabei machte der für Operette und Musical viel begehrte Regisseur Martin G. Berger in seiner deutschsprachigen Einrichtung nichts anderes als das Original behutsam zu entamerikanisieren, in der Übergangsgeschichte von der ehemaligen DDR Richtung Jubiläum 30 Jahre Mauerfall zu verorten und, nach seinen eigenen Worten, die Paarkonstellationen eher wie ein Schauspiel von Tschechow als wie ein typisches Musical in Szene zu setzen.

Die Zeit selbst ist das Thema: 30 Jahre nach dem Höhepunkt seiner Ära lädt der ehemalige Direktor (Roland Florstedt) die Frauen seiner früheren Tanz-Company ein. Im Original sind das frühere Tänzerinnen der legendären „Ziegfeld Follies“. Unter ihnen befinden sich die Paare Sally (Frederike Haas) und Buddy (Christian Grygas), Phyllis (Franziska Becker) und Ben (Marcus Günzel). Deren Konflikte explodieren in dem Wunsch, mit dem Zurückdrehen der Lebensuhr frühere Lebensentscheidungen zu optimieren. Indes versuchen sich die Stars trotz physischer Gebrauchsspuren mit glücklichem Erinnern und kleinen Lügen an den Choreographien von früher. Die Musik Stephen Sondheims, dem zu „Follies“ zwischen „Company“ und „Lächeln einer Sommernacht“ eine mindestens vergleichbar ungewöhnliche und schwebende Partitur gelungen war, kommt mit dem Orchester der Staatsoperette unter Peter Christian Feigel zur besten Geltung: Ein magischer Abend.

Im Amerikanischen meint man mit ‚follies‘ jene jugendlichen Liebestollheiten, die vielleicht doch keine waren oder sind. Bis sich die beiden reifen Paare nach bitterem Ehekrieg zu einem emotionalen Neuanfang durchringen, werden sie von ihren jugendlichen Doubles begleitet, gespiegelt – und korrigiert, sobald das Wunschdenken andere Wege nimmt als die objektive Wirklichkeit (Florentine Beyer, Gero Wendorff, Florentine Kühne, Claudio Gottschalk-Schmitt). Die phänomenale Video-Realisierung von Vincent Stefan hebt die Ebenen von Gegenwart, Vergangenheit und trügerischen Erinnerungen auf. Das geschieht in großartiger Affinität zu Sondheims Musik, die in den großen von Ensemble und Ballett mitreißend gestalteten Showszenen (Choreographie: Marie-Christin Zeisset) aufdreht und mit süchtig machender Instrumentation ihre Höhepunkte während der intimen Szenen und monologisierenden Songs erklimmt. Gegen die zarten Schleier, hinter denen die Vergangenheit lockt, dürfen die erwartungsgemäß üppigen Materialien von Sarah-Katharina Karl (Bühne) und Esther Bialas (Kostüme) diesmal keine Chance haben. Immer wieder gibt es Überblendungen, wenn Kameras in der leeren alten Staatsoperette nach der verlorenen Zeit suchen. Diese alte Zeit verdichtete Martin G. Berger mit feinen Andeutungen über Gerd Natschinski, Conny Odd und Wendeschicksale – dezent, respektvoll und mit eindringlicher, sanfter Emotion. Erinnerungen welken nicht: Deshalb bekommen Bettina Weichert, die Evita der DDR-Erstaufführung im Jahr 1987, und die eindrucksvolle Reihe gereifter Ballettmädchen so viel Applaus wie die Hauptdarsteller. Eine berührende Gesamtleistung.


  • Premiere am 02.11.2019 – Besuchte Vorstellung am 03.11.2019 – Weitere Vorstellungen am Di 05.11.2019 – 19:30 / Mi 06.11.2019 – 19:30 / Do 21.11.2019 | 19:30 / Fr 22.11.2019 – 19:30 / Sa 28.12.2019 – 19:30 / So 29.12.2019 – 15:00 / Sa 11.01.2020 – 19:30 / So 12.01.2020  – 15:00 / Sa 22.02.2020 – 19:30 / So 23.02.2020 – 15:00 / Di 03.03.2020  – 19:30 / Mi 04.03.2020 – 19:30 / Mi 15.04.2020 – 19:30 / Do 16.04.2020 – 19:30 / Fr 17.04.2020  – 19:30

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