An der Oper Lyon macht Tobias Kratzer aus Gioachino Rossinis „Guillaume Tell“ ein Lehrstück


(nmz) -
Mit seinem „Guillaume Tell“ hat sich Gioachino Rossini den abrupten Wechsel vom Erfolgskomponisten zum Lebenskünstler mit 37 Jahren sozusagen redlich verdient. Denn mit dem macht er Ernst, da geht’s 1829 zur Sache. Rossini feiert mit revolutionärem Furor den exemplarischen Freiheitswillen der Schweizer im Format einer Grand Opera. Dabei analysiert er das bedrohlich Böse so glasklar, dass seinem Publikum keine Chance bleibt, als dem in eine Oper übersetzten Pathos Friedrich Schillers zu folgen. Joachim Lange sieht und hört eine große Oper.
06.10.2019 - Von Joachim Lange

Hier darf in Tell-Tiefe und mit Arnold-Höhe geschmettert werden, was das Zeug hält. Und das hält in Lyon jeder Erwartung stand. Ob Nicola Alaimo als schwergewichtiger Tell, ob der fabelhaft auftrumpfende John Osborn als Arnold. Ob die mit Leichtigkeit strahlende und koloratursichere Jane Archibald als die von ihm geliebte Frau von der anderen Seite Mathilde oder Enkelejda Shkoza, die mit dunkel vokaler Pracht die kurzen, aber prägnanten Aufritte von Hedwige zum Ereignis macht. Auch die Gegenseite ist hochkarätig besetzt – vokal ist drin was drauf steht: große Oper!

Szenisch ist Tobias Kratzer schon längst vor seinem Tannhäuser-Erfolg in Bayreuth diesen Sommer ein ausgewiesener Spezialist für die große Oper. Für die von Wagner, aber auch, als hübsche zeitgenössische Pointe für einen deutschen Regisseur, für die von dessen französischem Kollegen Meyerbeer. Da ergibt sich Rossinis „Guillaume Tell“ von selbst. 

Im Kanon von Rossinis Opern gehört der Tell nicht zu den vergnüglichen Schmankerln. Der ist im Wortsinne todernst, bleiben doch prominente Leichen auf der Strecke. Die eine ist der würdige alte Vater Arnolds Melcthal (Tomislav Lavoie) als Opfer barbarischer Besatzerwillkür bei der vor allem der Scharfmacher Rodolphe (Grégoire Mour) selbst Hand anlegt. Der andere ist Gesler (Jean Teitgen). Ein prototypischer Charakterfiesling aus denen die deutschen Nazis, viel schlimmer als Schiller das ahnen konnte, ihre Mordhandwerker rekrutierten.

Aber Kratzer verhandelt weder wirklich den folkloristisch aufgehübschten Schweizer Gründungsmythos schlechthin, noch macht er daraus eine direkte Paraphrase auf den Zivilisationsbruch um die Mitte des vorigen Jahrhunderts. Bei ihm wird die Melange aus Schiller-Drama und der von einem Italiener komponierten französischen Grand opera eine exemplarische Versuchsanordnung der Bedrohung von Zivilisation durch die Barbarei. Das wird schon während der Ouvertüre klar. Auf einem leeren Podest spielt eine Musikerin Cello. Ein Paar tanzt dazu. Drumherum Stühle für ein Konzertpublikum. Plötzlich stört eine Truppe Männer. In Unterwäscheweiß und mit einem betont angeberisch vorgeschnallten Suspensorium. Aggressive Männlichkeit mit Baseball-Schlägern und Machogehabe. Mit ihren schwarzen Melonen behaupten sie frech eine Bürgerlichkeit, die sie längst nicht mehr haben. Sie verhöhnen nicht nur die Künstler, sondern schlagen mit voller Kraft drauf. Zerstören zunächst „nur“ das Cello. Diese in Personifizierung übersetzte Barbarei ist ein Meisterwerk von Kratzers Dauer-Ausstatter Rainer Sellmaier. Dessen Bühne beschränkt sich ansonsten auf einen schwarz-weiß-Alpenblick im Hintergrund. Der verfinstert sich im Laufe des fast vierstündigen Abends zunehmend. Aber nicht durch Wolken. Immer, wenn von Gesler die Rede ist, läuft Schwarz von oben über dieses Bild der Naturidylle. Am Ende ist nichts mehr zu sehen von der schönen Aussicht.

Natürlich übersetzt Kratzer den berühmten Schuss des Vaters auf den Apfel in diese Bühnenästhetik. So wie auch den Sturm überm See und das Feuer, das Tell junior entfacht, um den Vater zu retten. Hier verbrennt der Knabe, früh desillusioniert, Notenblätter. Den Jungen hat am Ende nicht nur der Schuss traumatisiert. Als die existenziell bedrohten Orchestermusiker endlich ihre Instrumente zu Waffen umbauen, um sich damit der Willkür zu erwehren, bringt auch der Kleine seine Geige wie ein Opfer dar. Und sorgt damit für einen ziemlich berührenden Moment.

Die Oper selbst beginnt mit einem familiären Essen am gedeckten Tisch. Und sie endet auch so, aber nichts ist da mehr so, wie es war.

Die Gesellschaft, die sich als Gemeinschaft kunstliebender und Musik und Tanz praktizierender Bürger – inklusive der blitzgescheit und von Demis Volpi haargenau aus der Musik choreographierten Balletteinlagen der drei Tänzerpaare – präsentierte, ist wieder beieinander. Sie haben den Sturm über dem See und den massiven Angriff auf ihre Menschenwürde überstanden und durch Zusammenstehen gesiegt. Dazu waren sie alle (die Schweizer, sprich die Orchestermusiker) aus ihrem Tal angerückt: die Streicher, die Bläser und das Blech. Aber der Preis der Freiheit ist hoch. Sie haben gegen ihre Natur die Instrumente wortwörtlich zu Waffen umgebaut und sich gewehrt. (Dass die Schweiz heute einer der aktivsten Waffenproduzenten der Welt ist, ist freilich nur eine kleine, Pointe am Rande.)

Die grundlegende Bedrohung von Zivilisation durch die Gewalt von Barbaren

Man kann bei Kratzers Bildsprache die Assoziationen Richtung Schweizer Eigensinn oder deutscher Entgleisung freilich immer leicht mitdenken. Wenn man erlebt, wie Geslers Schergen die bürgerlichbraven Musiker verhöhnen und erniedrigen, kommen unwillkürlich die Bilder der ersten Übergriffe auf die Juden im Deutschland der 30er Jahre hoch. Da braucht es keinerlei eindeutig erinnernde Insignien. 

Kratzer geht es um die grundlegende Bedrohung von Zivilisation durch die Gewalt von Barbaren. Und um den Preis, den eine wehrhafte Gesellschaft für den Widerstand dagegen zahlt. Er hat das analytisch und der Musik auf den Grund gehend wie immer gemacht. Und bei aller – fast schon altmeisterlichen – Reduktion der Mittel, jenseits von Überwältigungsopulenz mit einer mustergültig packenden Personenführung mehr als nur bewältigt. Am Ende kriecht Tells hinreißend spielender Dreikäsehoch unter den wieder (wie am Anfang) gedeckten Tisch. Und dann weiter bis zur Rampe. Dort setzt er sich trotzig einen der liegengebliebenen Melonen der vertriebenen Eindringlinge auf. „Mir wird das nicht noch einmal passieren“ soll das wohl heißen. Das Erschrecken auf den Gesichtern der andren bleibt das letzte Bild dieser atemberaubenden Inszenierung.  

Für deren musikalische Überzeugungskraft neben Daniele Rustioni und einem mit hörbarer Emphase aufspielenden Orchester auch der Chor (Johannes Knecht) seine Hauptrolle in dieser Oper mit Bravour bewältigt. Die Protagonisten sowieso. 

Aus Lyon ist ein musikalischer und szenischer Wurf zu vermelden – Koproduktionspartner Karlsruhe kann sich auf den neuen Kratzer freuen. 

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