Bruch mit Traditionen: Die „Meistersinger“ von Salzburg


(nmz) -
Bleiben die Osterfestspiele Salzburg in sächsischer Hand? Der aktuelle Jahrgang wird wagnerhaft von der Dresdner Staatskapelle unter deren Chefdirigent Christian Thielemann bespielt, „Die Meistersinger von Nürnberg“ haben als Musikfest mit Botschaft einen fulminanten Auftakt gesetzt – und die weitere Zukunft ist (k)ein Thema? Eine Beobachtung von Michael Ernst.
16.04.2019 - Von Michael Ernst

Theatrum Mundi in Salzburg. Wo sonst, wenn nicht in dieser zauberhaften Kulisse, wo Jedermann Theater zu spielen scheint. In Festspielzeiten gibt das Publikum allzu gerne den Hauptdarsteller, lässt sich bestaunen, feiern und nicht selten auch mal belächeln. Wie bei allen Diven, gehört stets auch eine große Portion Neid und Gehässigkeit mit zum Programm.

Zum Welttheater taugt bei den, wie es hier heißt, heurigen Osterfestspielen nicht nur das international wohlbetuchte Publikum, sondern auch die Eröffnungspremiere mit Richard Wagners „Die Meistersinger von Nürnberg“. Die wurden als Theater im Theater präsentiert, mit Hans Sachs als regieführendem Intendanten, der auch mal als Beleuchter tätig war, seltener als Schuster, und so manchen Streit zu schlichten hatte. Dass dazu das Bühnenportal der Dresdner Semperoper an die Salzach verfrachtet und im Großen Festspielhaus nachgebildet worden ist, dürfte nur die kleinste Überraschung gewesen sein. Vor allem nämlich sollten „Die Meistersinger von Nürnberg“ – ausdrücklicher Wunsch von Christian Thielemann als künstlerischem Leiter an den eigentlichen Regisseur Jens-Daniel Herzog – mal ganz unpolitisch bleiben. Aber kann man Wagner entpolitisieren?

Aber kann man Wagner entpolitisieren?

Mitnichten. Die „Meistersinger“ von Salzburg sind auf den dieser Oper innewohnenden rein menschlichen, den zwischenmenschlichen Kerngedanken reduziert worden. Kann es etwas Politischeres geben als Menschlichkeit? Menschliches Verhalten innerhalb der Civitas, wo Kunst und Kultur eine prägende Rolle zukommen, wo allerdings auch das Begehren von Anerkennung und Liebe tradierten Grundsätzen folgt, die – so ihr Ethos Bestand haben soll – immer wieder erneuert und aufgebrochen werden müssen?

Einem solchen Ansatz folgt Herzog in seinem Theater-Theater, das in Salzburg mit dem Abbild der Dresdner Oper ebenso wie mit dem Theater Nürnberg spielt. Möglicher Hintergedanke: Kapelle und Dirigent wirken in Dresden, Thielemann war einst GMD in Nürnberg, wo Herzog jetzt als Intendant auf Peter Theiler gefolgt ist, der wiederum die Semperoper übernommen hat. Soweit alles klar? Versteht sich, dass die „Meistersinger“ nun eigentlich keines weiteren Lokalkolorits als Zierrat mehr bedurften.

Die Eingangsszene in der Kirche wurde folglich rasch als bloße Kulisse erkannt, die Drehbühne gab mal Raum für Straßenszene und Prügelorgie, dann für Sachsens Arbeitszimmer, für Theatergarderoben mit Techtelmechtel und öffnete sich schließlich zur opulenten Fest(spiel)wiese. Es waren Leute von heute, die da im bewegten Bühnenbild Mathis Neidhardt und in Kostümen von Sibylle Gädecke zu sehen gewesen sind. Leute, die über die Rolle von festen Traditionen ebenso uneins schienen wie über ihr Verhältnis zum Fremden.

Letzteres geriet in Form des Adligen Walther von Stolzing in die enge Welt der Gilden, ein burschikoses, interessantes Wesen, das nicht nur Veit Pogners Tochter Eva sofort fasziniert hat, sondern auch dem Spielführer Hans Sachs (anfangs noch oft mit Regiebuch unterwegs) die Chance für innerbetriebliche Erneuerung zu bieten schien. Wären da nur nicht die Vorbehalte der Meisterschaft und insbesondere der eigennützige Widerstand des Sixtus Beckmesser zu überwinden. Der hat ebenso ein Auge auf Eva geworfen und übersah mehr und mehr, wie sehr er sich trotzig in eine Sackgasse verrannte.

Jens-Daniel Herzog hat die Figuren klug geformt, gab ihren Darstellern Gelegenheit, sich zu entfalten, verunglimpfte sie nicht und machte somit auch Beckmesser nicht zur billigen Karikatur. Für den Rest sorgten Wagner und seine Musik. Denn da steckt alles drin an Dramatik und Charakteristik von Geschehen und Personen.

Die Meistersinger von Salzburg

Wie dieses Wechselspiel aus Orkan und Kammerspiel umgesetzt werden sollte, zeichnete sich schon in den ersten Takten des strahlenden Vorspiels ab. Luzide überwältigend im Ganzen, ergreifend im Detail, auf emotionale Kontraste setzendes Holz, von samtigen Streichern mit dem strahlenden Blech verwoben – Thielemann, Staatskapelle und Wagner sind und bleiben ein vortreffliches Triumvirat auch und gerade in den „Meistersingern“. Zumal ihnen hier eine wahre Luxus-Besetzung zur Verfügung stand.

Seinen ganz großen Auftritt hatte Georg Zeppenfeld, vor zwei Jahren zu den Osterfestspielen der Hunding in Wagners „Walküre“, in seinem gefeierten Rollendebüt als Hans Sachs mit bezwingender Menschlichkeit, schier jugendlicher Spielfreude und vor allem mit prachtvollem Glanz in der Stimme. Es sind unvergessliche Momente der Freude, wie sie aus baritonalen Tiefen in leuchtende Höhen schwingt, stets unangestrengt wirkt und in wirklich jedem Moment absolut textverständlich bleibt. Dass er seinen Widerpart Sixtus Beckmesser nicht vorführt und desavouiert, mit wissender Reife auf Eva verzichtet und sich als Alt-Meister für Neues zu öffnen vermag, das steht bleibend als grandiose Sänger-Darsteller-Leistung.

Ebenfalls neu in seiner Rolle ist Sebastian Kohlhepp als David gewesen, ein sichtlich erwachsen gewordener Geselle, der mit charaktervollem Organ bestach und sich keineswegs hinter den ganz großen Namen etwa von Vitalij Kowaljow als noblem, prachtvoll präsentem Veit Pogner, oder von Klaus Florian Vogt, dem lyrisch feinen Stolzing, verstecken musste. Hier wurden wirklich sämtliche Meistersinger von wahren Meister-Sängern dargestellt, bis hin zum Nachtwächter von Jongmin Park gab es an keiner Stimme was zu deuteln. Vital und stellenweise feurig agierten zudem der Dresdner Staatsopernchor sowie der Bachchor Salzburg.

Besonders gefallen haben auch Jacquelyn Wagner sowie Christa Mayer, die ihre Partien als Eva und Magdalene aus dem üblichen Schattendasein geholt und sehr selbstbewusste, liebenswerte Persönlichkeiten dargestellt haben, die sie mit klangschönem Stimmmaterial zu versehen wussten.

Ein blaues Auge geholt hat sich lediglich Adrian Eröd, freilich auch dies nur nach der furiosen Prügelszene und in seiner Figur als Beckmesser, die er mit eigenem Charakter sowie mit baritonal glänzender Leichtigkeit ausstattete.

Theater auch um die Osterfestspiele?

Welttheater also, man könnte gar von Weltklasse-Theater reden. Wären da nicht die grauen Schatten über der weiteren Zukunft der Osterfestspiele Salzburg. Zeichnet sich da etwa ein Ende der sächsischen Mitwirkung ab?

Eigentlich undenkbar angesichts der geradezu frenetischen Begrüßung des künstlerischen Leiters und „seines“ Residenzorchesters schon vor dem ersten Ton in Salzburg. Die Sächsische Staatskapelle und Christian Thielemann prägen die 1967 durch Herbert von Karajan gegründeten Festspiele seit 2013 und haben sich die Herzen dieses Publikums geradezu im Sturm erobert. Nach jeder der beiden „Meistersinger“-Pausen schwoll der Beifall im ausverkauften, knapp 2.200 Plätze fassenden Festspielhaus nur noch mehr an, um sich nach mehr als fünfeinhalb Wagner-Stunden in einem rund zwanzigminütigen Schlussapplaus zu entladen. Will man darauf verzichten und die anstehende Nachfolge des noblen Intendanten Peter Ruzicka zum Zankapfel geraten lassen?

Dieses Theater-Thema wurde – vorerst – beredsam mit ausdrücklichem Stillschweigen bedacht.

  • Osterfestspiele Salzburg, noch bis zum 22. April. „Die Meistersinger von Nürnberg“, ab Januar 2020 in Dresden

 

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