Chanukka – Zwischen Klangmagie und Erkenntnistheorie – Mehr als ein Konzert mit dem OJM


(nmz) -
Wenn marktbeherrschende Gruppierungen – sagen wir im Segment der klassischen Musik – ihren Kunden – sagen wir den Musikfreunden – das immer gleiche Repertoire anbieten mit wenig bis null Zeitgenossenschaft, gewöhnt sich das Publikum daran. Und will das dann auch. Entsprechend leicht ist es daraufhin, einer Stadt das Image reaktionär zu verpassen. Im Falle Münchens funktioniert das schon lange, allzu lange.
08.12.2016 - Von Wolf Loeckle

Gäbe es da nicht br musica viva, experimentelle musik in der Akademie der Bildenden Künste, Musikhochschule und diverse andere Privatinitia-tiven – es könnte der Eindruck entstehen, diese Stadt lebe mit all ihrer pulsierenden Vitalität und innovativen Kraft zwischen Glasfaserkabel und IT, zwischen erfindungsreichen start-ups und künstlerischem Ehrgeiz so inmitten des Barockzeitalters und der klanglich opulenten Spätromantik.

(Fast) keine Spur von drittem Jahrtausend… Kontinuierlich intelligent wie dauerhaft erfolgreich setzt da das OJM dagegen – das Orchester Jakobsplatz München. Benannt nach dem zentralen Sankt Jakobs Platz am Herzen der Stadt. Mit Stadtmuseum, Katholischer Sankt Jakobs-Kirche. Und dem Zentrum der israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern mit Verwaltung, Schule, Sälen, jüdischem Museum und nicht zuletzt der Ohel Jakob Synagoge. Im Jahr 2005 gründete Chefdirigent Daniel Grossmann das OJM, das seitdem hier und an anderen Spielstätten der Stadt sowie auf internationalen Tourneen denkerisch fundierte wie musikalische, analytische und zugleich empa-thische Programme anbietet.

Aktuell wurde zu Chanukka mit Wunder und Erkenntnis sozusagen mehr als ein Konzert angeboten. Das jüdische Chanukka ist ein Fest der Wunder. Folglich fragen Daniel Grossmann und das OJM danach, was das denn sei, das Wunder. Da lassen sie den Rabbiner Aharon Horovitz zum ersten Teil sprechen und den Philosophen Julian Nida-Rümelin zur Einstimmung in den zweiten Teil des Abends, der Johann Sebastian Bachs unvergleichlich wundervollem wie rätselhaftem musikalischen Opfer gewidmet ist. Jener im Auftrag des Preußenkönigs Friedrich II. angefertigten varianten-und-variationenreichen kontrapunktischen Wunderwelt über das königliche Thema von 1747. In der höchst luziden und absolut klaren musikalischen Einrichtung des Dirigenten, Komponisten und Transparenzweltmeisters Igor Markevitch freilich. Der hier dem Vorbild Anton Weberns und dessen Bearbeitung des Ricercare folgend, Kontrapunktik der höchsten Reinheitsstufe realisierte. In einem Opus für drei Orchestergruppen und Soloquartett vom Jahr 1949/50. Da schloss sich der Bogen von Nida-Rümelins erkenntnistheoretischen Spinoza-Variationen, in denen der Glaube an nicht zu beweisende Phänomene abgelehnt wird in die Bach-Markevitch´sche Welt der Hochintelligenz hinüber – voller Empathie.

Was Daniel Grossmann und das OJM in fast magischer und kontemplativer Imagination da ins erklingende Leben holten, war wunderbar. So wunderbar, wie Nida-Rümelins Diktum vom Wunder der Freiheit des Menschen. Der Burda-Saal zeigte sich im Begeisterungsmodus. Von der Bedeutung des Wunders im Judentum hatte zuvor Rabbiner Yehuda Aharon Horovitz gesprochen, dessen Worte eine Fortsetzung fanden in Ernest Blochs (1880-1959) „Nigun“ für Solo-Violine und Streichorchester, voller tief gründender, zwischen Depression und Hoffnung changierender, Auslotung, packend dargeboten von der Hamburger Geigerin Tanja Becker-Bender. Noch exemplarischer in den Tiefen des Denkens, des Empfindens recherchierte der große wundersame Klangenträtseler Alexander Knaifel (1943) mit seiner Komposition „Das heilige Opfer“ (1991), die in ihren denkerischen wie emotionalen Auslotungen in Richtung musikalisches Wunder unterwegs war. Teil eins fand seinen Abschluss mit der Uraufführung von „Meditation und Gebet“ für Solo-Violine und Streichorchester von Gabriel Iranyi, des rumänisch-ungarisch-jüdisch verwurzelten Wahlberliners.

Ein denkwürdiger Abend ohne schlüssige Antworten. Dafür voll fragender geistiger Bewegung zwischen Beweisbarkeit und Glaube, zwischen Wissenschaft und Kunst, die ja immer der Wissenschaft sich zugehörig fühlte und als solche durchaus behandelt werden wollte – und wurde.

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