Charles Gounods Grande Opéra „Le Tribut de Zamora“ konzertant in München


(nmz) -
„Vive la France“ ertönt bei vielen Gelegenheiten in Frankreich – weniger auf den landeseigenen Konzert-Podien und Bühnen. So verweist Alexandre Dratwicki, der wissenschaftliche Leiter des Palazetto Bru Zane, auf ganze Karteikartenreihen im Archiv der Bibliothèque National: mit kaum je gespielten Werken französischer Komponisten. Daher die Begeisterung für die Zusammenarbeit mit dem Bayerischen Rundfunk, was zur Aufführung der seit rund 100 Jahren schlummernden letzten Oper Gounods im Münchner Prinzregententheater führte.
29.01.2018 - Von Wolf-Dieter Peter

Kein Aprilscherz: am 1.April 1881 „Skandal“ in der Pariser Oper, für die nächsten Tage der Aufreger für „tout Paris“. Der 63jährige Charles Gounod hatte im Palais Garnier seine letzte Oper „Le Tribut de Zamora“, wie damals Usus, direkt hinter dem Souffleurkasten dirigiert: also mit dem Orchester hinter sich, dafür mit bestem Kontakt zu den Sängern. Für das Aufbegehren der Spanier gegen die arabischen Besetzer im 10.Jahrhundert hatte Gounod eine zündende Freiheitshymne komponiert, die den Nerv der Zeit traf: erst 1879 war die „Marseillaise“ mit „Allons enfants…“ zur Nationalhymne erklärt worden – und nun hieß es auf der Bühne „Debout, enfants…“ – Begeisterung im Publikum – die mit diesem „Schlachtruf“ rollengerecht auf der Bühne zusammengebrochene weibliche Hauptfigur, der Opernstar Gabrielle Kraus, erhob sich und schüttelte über den Souffleurkasten hinweg Gounod gratulierend die Hand – das Haus raste… Doch nach weniger als 50 Aufführungen versank das Werk im Notenarchiv – zu Unrecht, wie nun die erstklassige Wiederbelebung bewies.

Die Handlung greift eine literarische Episode der mehrfach zwischen Berbern und Spaniern besetzten Stadt Zamora auf: sie muss für die Verletzung von Tributzahlungen 20 junge Frauen an den Kalifen ausliefern; dadurch wird die bildschöne Braut Xaïma (Sopran) direkt vor der Hochzeit von ihrem Bräutigam Manoël (Tenor) getrennt, während sich der arabische Heerführer Ben-Saïd (Kavaliersbariton) in sie verliebt; Manoël folgt der Geliebten auf den Sklavenmarkt von Cordoba, kann sie aber gegen das Höchstgebot Ben-Saïds nicht ersteigern; dafür trifft er auf Hadjar (Heldenbariton), den einst erretteten Bruder Ben-Saïds, der Hilfe verspricht; im Harem Ben-Saïds trifft Xaïma auf die wahnsinnige Hermosa (dramatischer Mezzosopran), die sich, geschützt von der Koran-Sure „Heilig sei euch der Wahn. Wo nicht, seid verflucht“, frei bewegen kann; in einer hochdramatischen Erinnerungsszene, in der sich Hermosa von ihrem Zamora-Kriegstrauma befreit, erkennt sie in Xaïma ihre verlorene Tochter; als Ben-Saïd seine tiefe Liebe zu Xaïma bekennt und sie daher nicht freigibt, ersticht Hermosa ihn und darf, abermals vom Koran geschützt, mit Tochter und Bräutigam nach Zamora zurückkehren.

Mit all dem und der besonderen Exotik von „Al-Andalus“ steht Gounods Grande Opéra neben den Historien-Dramen von Meyerbeers „Prophète“, „Vasco da Gama-L’Africaine“, „L’esule de Granata“ oder „Huguenots“, von Bizets „Perlenfischern“ oder ähnlichen Werken von Cherubini und Donizetti. Das gilt zuerst für die Musik, die Hervé Niquet in expressiver Gestik mit dem Chor des Bayerischen Rundfunks und dem großbesetzten Münchner Rundfunkorchester in ihrem ganzen Reichtum ausbreitete. Mit ein wenig Tamburin, einer süßen Barkarole, einem griechischen und spanischen Tanz wird „couleur locale“ beschworen. Doch durchflutet die vier Akte ein von allem französischen „Wagnerianisme“ freier, oft geradezu italienisch belcantesker Melodienreichtum, der begeistert. Liebesduett, dramatische Konfrontation, das Freiheitsfinale des 1.Akts, Terzett der Frau mit rivalisierenden Männern, groß wogendes Ensemble am Sklavenmarkt, nach einem hochdramatischen Männer-Terzett eine an Verdis Azucena heranreichende Szene der zu sich selbst findenden Hermosa, die in ein fulminantes Duett mit Xaïma mündet – Szenenbeifall im Prinzregententheater -, betörende Bariton-Lyrik des liebenden Ben-Saïd – und dann geradezu „modern“ alle Publikumserwartungen unterlaufend ein leises Finale nach dem Tod Ben-Saïds – all das verlangt nach großer Inszenierung.

Auf dem Konzertpodium standen die erstklassigen Sänger dazu. Die Sopransüße von Juliette Mars als Xaïmas Freundin und ihre Barkarole überstrahlte Judith van Wanroijs Xaïma mit heller Glut. Edgaras Montvidas Manoël verströmte den typischen „lyrisme“ des französischen Tenor-Helden. Und über die guten  Stimmen der kleinen Nebenrollen hinaus war eine Besetzungsraffinesse gelungen: Boris Pinkhasovichs Hadjar prunkte mit derart viril markanten Bassbariton-Tönen, dass er eigentlich der dunkle Liebhaber sein sollte – doch im 3. und 4.Akt muss Ben-Saïd eben edelste Liebesglut verströmen, also in Eleganz und Lyrik Verdis Grafen Luna und dessen „Il balen del suo sorriso“ gleichen – was Tassis Christoyannis überzeugend gelang. Ein zusätzlicher Orchideen-Strauß hätte an Jennifer Holloway gehen müssen: Hermosa muss Belcanto-Lyrik à la Bellini-Donizetti verströmen und in den Furor von Verdis Azucena-Eboli ausbrechen können – auch das gelang fulminant! Ein Sängerfest ohne all diese Marketing-Stars! Inzwischen hat es die Münchner Bru Zane-Ausgrabung „Cinq Mars“ auf die Leipziger Opernbühne geschafft. Die Qualitäten von Gounods „Tribut de Zamora“ werden im Herbst auf Bru-Zane-CDs nachzuprüfen sein – doch darüber hinaus „schreien“ sie nach der szenischen Wiederbelebung.