Das Werk der Stunde – Das Opernstudio der Bayerischen Staatsoper beeindruckt mit Menottis „Der Consul“


(nmz) -
„Kein Schiff, kein Strand für den, der im Meer ertrinkt – Müssen wir erst sterben, weil es von uns so viele gibt?“ – kein gewollt aktualisierender Einschub oder gezielte „Neuübersetzung“: so steht das im Libretto von Gian Carlo Menottis Musikdrama. Angesichts so vieler bemühter Versuche, die Problematik um Flüchtlinge jeglicher Art auf die Bühne zu bringen, bewies das Opernstudio der Bayerischen Staatsoper: hier ist das gespenstisch aktuelle Werk - uraufgeführt 1950!
29.03.2017 - Von Wolf-Dieter Peter

Der fliehende Widerständler John Sorel in einer Diktatur; seine Frau Magda, die für sich, Großmutter und Baby auf dem Konsulat um ein Visum kämpft; eine nahezu alle Schicksalslagen umfassende Schar von Antragsstellern; gegenüber die auf Vorschriften fixierte, letztlich inhuman bürokratische Sekretärin vor einem unsichtbar bleibenden Konsul; eine mal subtil, mal zupackend bedrohliche Geheimpolizei; am Ende: Tod von Kind und Großmutter, Gefangennahme des Widerständlers und Selbstmord der Frau. Menotti wollte diese leider „klassische“ Handlung nicht konkret, also auf den damaligen Ost-West-Konflikt bezogen sehen und betonte dies - angesichts des in zwanzig Sprachen übersetzten Welterfolgs seines 90minütigen, pausenlos fesselnden Musikdramas - bis in die 1980er Jahre.

Trotzdem glaubte Regisseurin Christiane Lutz, das Werk „verbessern“ zu müssen: Waren die Verlegung in Räume von „Heute“, entsprechende Kostüme und natürlich Handy akzeptabel, schon die Umdeutung von Magdas Baby in einen Jungen, der im Konsulat im Treppenhaus zu Tode stürzt ein „Naja“, so war die US-Flagge hinter der Glastür des Warteraums im Konsulat selbst in Trump-Zeiten eine fragwürdige Zutat. Doch dann sah Regisseurin Lutz die verlöschend alte Großmutter als schicke, resolute Dame mit blonder Mähne (Souverän: Mezzo Helena Zubanovich). Sie holt aus dem Versteck hinter der Fußbodenleiste zwei Daten-CDs, übergibt diese auf dem Konsulat dem Geheimdienstler und geht sich in Sicherheit wiegend stolz davon – oder gar mit einem Visum für sich? Fazit: Verschlimmbesserung – denn diese lebens- und leiderfahrene Frau singt „Wie lange müssen Frauen weinen über des Menschen Geschick“.

Statt derartiger künstlerischer Ambitiönchen wäre speziell für die jungen Sänger differenziertere Personenregie zu wünschen gewesen: so sangen sie Menottis hochemotionale Duette, Terzette und Quintette durchweg frontal ins Publikum. Klanglich war das zu begrüßen, denn der junge englische Dirigent Geoffrey Paterson animierte das Münchner Kammerorchester mehrfach zu einem Fortissimo, als müsse er nicht das intime Cuvilliéstheater, sondern den benachbarten Odeonsplatz beschallen.

Dennoch schlug der musikdramatische Gesamteindruck restlos in Bann. Menottis Komposition setzt neben die Gehetztheit John Sorels (baritonal überzeugend Johannes Kammler) die klangmalerisch düstere Wucht der Geheimpolizei (Igor Tsarkov mit kernigem Jung-Bass) und signalisiert im Konsulat durch Schreibmaschinen-Rhythmik gezielt menschenferne Amtshoheit. Sie gibt den leidenden Frauen mal hilflos „sprachlos-kurze“ (gekonnt Anna El-Khashem), mal emotional hochschäumende Phrasen (strahlend Sopran Paula Iancic und Mezzo Alyona Abramowa) und lässt den ein Tournee-Visum suchenden Zauberkünstler mal pfiffig, mal gauklerisch betörend agieren (gekonnt tenoral selbstgefällig Owen Mills) im Kontrast zum hilflos schon im Fotoautomaten scheiternden Dauerbittsteller (überzeugend Milan Siljanow).

Ihnen allen gegenüber war Niamh O’Sullivan eine zunächst schick betuliche, sich hinter ihre Formulare flüchtende und zu spät um Hilfe bemühte Sekretärin mit keckem Sopran. Doch Menotti hat bei aller wiederholt an Puccini angelehnter Melodik der verzweifelnden Magda eine über Toscas „Vissi d’arte“ hinausweisende, grandiose Klageszene geschrieben – etwas für eine große, reife Sängerdarstellerin. Dafür brachte die körperlich robuste, 29jährige Italienerin Selena Zanetti den hinreißenden Sopran einer echten Jugendlich-Dramatischen mit und überwältigte mit beseelter Glut – langer Szenenbeifall.

Am Ende einhellige Jubelstürme für diese  Entlarvung von Diktatur, Widerstand, inhumaner Bürokratie und die zeitlos gültige Klage um mangelnde Humanität. Das Opernstudio der Staatsoper hat das Stück der Stunde wiederentdeckt und fesselnd belebt.