Der pure Händel-Glücksfall! Claus Guth inszeniert am „Theater an der Wien“ Händels „Saul“


(nmz) -
Jeder Regisseur, der sich darauf einlässt, ein Oratorium von Händel zu inszenieren, darf sich über das übliche Maß hinaus, als ein später Verbündeter des Barockmeisters fühlen. Als dessen Opern (und das dazugehörige Unternehmen) in London nicht mehr so recht gingen, schaltete er auf Oratorium um. Und machte weiter. Für den cleveren Manager seiner Selbst, gehörte dieser Relaunch zur Kunst des Überlebens. Das funktionierte auch über seinen Tod hinaus. Dank seiner Oratorien war er nie völlig weg vom Fenster. Was sich bei seinen Opern erst im 20. Jahrhundert mit einem fulminanten Crescendo als unsterblich erwies, stand bei den Oratorien nie in Frage.
26.02.2018 - Von Joachim Lange

Claus Guth, der 2009 im Theater an der Wien schon den „Messiah“ inszeniert hatte, ist genau der Richtige, um das auch im Falle des aus dieser Umbruchszeit von 1739 stammende Oratorium „Saul“ geradezu referenzverdächtig vorzuexerzieren. Das konnte bei diesem hochsensiblen und allemal präzise in die Musik lauschenden Regisseur gar nicht schiefgehen. Dass es allerdings auf so fulminante Weise gut gehen würde, ist dann doch eine von den Überraschungen, die glücklich machen. In Wien, wo Händel nach wie vor zu den Exoten der Musikgeschichte gehört, gab es mit „Saul“ atemberaubendes Musiktheater vom Feinsten!

Entfaltungsspielraum ins Allgemeinmenschliche

Claus Guths kongenialer Dauerausstatter Andreas Schmidt hat sich dafür von seiner schon in alle Richtungen ausgeloteten, dezent cleanen Gänge-, Wände- und Türenfluchten-Architektur gelöst. Ohne sie völlig aufzugeben hat er magische, in ihrer archaischen Schlichtheit mit Bedeutung aufgeladene Räume geschaffen, die dem überzeitlichen Gehalt der biblischen Geschichte jeden Entfaltungsspielraum ins Allgemeinmenschliche lassen.

Saul weiß als erwählter Aufsteiger, bis hinauf zum König, selbst nur zu gut, dass diese (nennen wir es der Einfachheit halber: göttliche) Gunst auch andere treffen kann. Er ahnt im Innersten sofort, dass es jener bildschöne und kampfstarke junge David aus Betlehem sein wird. Der bringt ihm den Kopf des Goliath als Gastgeschenk mit. Und obwohl er noch in Kampfmontur an der Tafel des Königs Platz nimmt und dabei so gut wie jede Benimmregel ignoriert, weil er sie einfach nicht kennt, sind ihm sofort Sauls Sohn Jonathan und dessen jüngere Tochter Michel, aber auch die erstgeborene Merab verfallen. Alle drei, wie in einer Szene offenkundig wird, auch sexuell. Claus Guth inszeniert das so, dass die Konstellation an Pasolinis „Teorema“ erinnert. Dass er im Falle Jonathans auch Davids ausdrücklich bekundete Gegenliebe nicht übergeht, lässt aus heutiger Sicht vermuten, dass Händel da mehr Autobiographisches in die Geschichte gerutscht ist, als er womöglich preisgeben wollte. Aber hier ist eh nichts schwarz oder weiß. Bei der älteren Tochter Merab, die Saul dem siegreichen David als „Belohnung“ zur Frau geben will, nimmt die Zuneigung einen Umweg über die anfängliche Verachtung für den Mann ohne bedeutende Abstammung. Bei ihr ändert sich das, als Saul sich in seinen pathologischen Neid und die Angst vor dem Macht- und Bedeutungsverlust hineinsteigert. Er will David ermorden lassen und glaubt, damit sein Problem zu lösen.

Hier ist nichts schwarz oder weiß

Es ist gespenstisch, dass der König zur Hexe, die er selbst verfolgen ließ, geht, um sie nach dem Ratschluss der Hölle in dieser Sache zu befragen! Der fällt aber auch nicht anders aus, als der des Himmels: Game over. Es ist einer der genialen unaufgeregten Regieeinfälle, dass das servierende Dienstmädchen am Tisch des Königs, dann auch jene Hexe ist, die er befragt, und die ihn dazu bringt, den Teufel in sich selbst reden zu lassen. Dank der Dauerpräsenz von Ray Chenez im Hause der Königsfamilie als Vorbereitung für diesen kleinen Auftritt, gewinnt der die Qualität eines Psychokammerspiels mit den Identitäten.

Ein Kraftzentrum der Inszenierung ist Saul

Ein Kraftzentrum der Inszenierung ist Saul. Bassbariton Florian Boesch fasziniert hier mit imponierenden Kraftausbrüchen in der fortschreitenden Selbstzerstörung. Der spielt gleich noch den Nabucco mit. Ob allein in seiner Kachelgruft, mit dem personifizierten, finsteren Teil seiner Seele als (Tänzer-)Double. Oder auf seinem umgekippten Thron wie Lear auf der Heide. Das ist atemberaubend. Leider konnte Anna Prohaska (grippebedingt) in der besuchten Vorstellung die ältere Tochter Merab „nur“ spielen. Doch die äußerst flexibel, gleichsam aus den Proben für die bevorstehende Premiere von Gottfried von Einems „Besuch der alten Dame“ am Haus weilende Cornelia Horak sprang mit dem Gesangspart vom Graben aus kurzfristig und mit traumwandlerischer Sicherheit ein. Wunderbar zart und flexibel die Michal von Giulia Semenzato. Großartig und mit Leidenschaft gesungen und gespielt der Tenor Andrew Staples als Jonathan, von dem David später sagen wird, dass er ihn mehr geliebt habe, als die Frauen.

Schließlich David selbst – der agile und stimmsichere Countertenor Jake Arditti stolpert mit Goliaths Haupt in der Hand in die Geschichte, wie Parsifal mit dem Schwan in den Gralsbezirk. Ganz so, als wisse er nicht wie ihm geschieht und was er bewirkt. Als die anderen ihm das klar machen, wächst er immer mehr in die Rolle des Hoffnungsträgers hinein. Ersetzt den abgerissenen Kampfanzug bald durch strahlendes Weiß von Anzug und Uniform. Am Ende, wenn Jonathan und Saul tot sind, er sie offiziell betrauert (und er, schon ganz Staatsmann, auch über den toten Saul nur Gutes sagt), wird ihm zunehmend auch die Last des Auserwählten, also die Verantwortung klar. Er schreibt, wie am Anfang Saul, seinen Namen an die gekachelte Wand. Und hält sich die Ohren zu, vor all dem, was er da von seinen Mitmenschen und in seinem Inneren zu hören bekommt.

Der pure Händel-Glücksfall!

Diese Geschichte ist nicht nur mit der perfekten Personenführung detailliert nachvollziehbar und spannend erzählt. Ihre Wirkung baut auch auf Räume, die mit intelligenter Opulenz und Assoziationskraft wirken. Von dem klinisch gekachelten Raum des Umgangs mit dem Wahnsinn, über den angedeuteten, warm rot tapezierten Salon, in dem man sich zum Essen trifft, bis hin zu den imaginären Räumen, in denen der fabelhaft von Erwin Ortner einstudierte Arnold Schoenberg Chor seine reflektierenden Passagen beisteuert oder die Schlachten geschlagen werden. Es gelingen kongenial immer genau die atmosphärisch passenden Räume, die spannendes Musiktheater eben auch braucht. 

Auch die Wahl von Dirigent und Orchester: der pure Händel-Glücksfall! Am Pult garantierten der Leiter der Göttinger Händelfestspiele Laurence Cummings und das Freiburger Barockorchester exquisiten Klangzauber. Sie füllen das Haus, tragen die Sänger, machen mühelos jeden emotionalen Wechsel schon vom Graben aus zum theatralen Ereignis.

Weil auch die Wiener Staatsoper, deren Händel-Aktivitäten sich bislang auf eine „Alcina" -Produktion beschränkte, mit einem neuen „Ariodante" aufwartet, gibt es derzeit in Wien so viel hochkarätigen Händel wie noch nie!