Der scheidende Intendant tanzt – Flimm inszeniert und spielt Igor Strawinskys „Die Geschichte vom Soldaten“ in Berlin


(nmz) -
Mit Strawinskys „Geschichte vom Soldaten“ bereitete sich Jürgen Flimm selbst ein Abschiedsfest: zugleich eine Abschiedsinszenierung und eine Abschiedsrolle, bei der er am Ende seinen Hut nochmals in den Ring wirft – respektive seinen Zylinder auf die leer gefegte Spielfläche. Ungeahnte Jahre hat es gedauert, bis Flimm endlich die Staatsoper eröffnen durfte, und dann, in dieser Spielzeit, an der Seite eines Co-Intendanten, der inzwischen bereits im Haus Unter der Linen alleine das Sagen hat, Matthias Schulz.
24.04.2018 - Von Peter P. Pachl

Am überzeugendsten war Flimm als Staatsopernchef immer dann, wenn er vor dem Publikum stehen und seine Schmonzetten zum Besten geben konnte. So auch hier – bereits beim Einlass in den Apollo-Saal, den er nach der Restaurierung eigentlich nicht mehr bespielt wissen wollte, angesichts des von ihm im Intendantentrakt neu geschaffenen Spielorts für kleinere Produktionen, der „Neuen Werkstatt“. Nun aber doch, mit einem Beleuchtungsaufwand, wie ihn sonst derartig kleine Räume nicht aufweisen können, mit starken, bunten Lichtwechseln und dem Flackern der Kerzenleuchter als dramaturgischen Effekten aus dem Vollen schöpfend. Flimms Witz vom Komponisten „Bernd Alois Strawinsky“ löste allerdings keine Lacher aus, so dass er sich im Nachhinein genötigt sah, diese Namensschöpfung als Witz zu deklarieren.

Die kammermusikalische Mischung zu einer Märchenhandlung zwischen „Faust“ und Ludwig Thuilles „Lobetanz“, für eine Besetzung mit nur sieben Instrumentalisten, mischt Strawinskys Sinn für Rhythmik mit diversen überkommenen Formen und Stilen, Chorälen, Märschen, Pastorale, Tango, Walzer und Ragtime. Wie die Instrumentenkunde fürs junge Publikum bei den Junior Classics der Berliner Symphoniker, so erklärt Jürgen Flimm hier den Erwachsenen die Instrumente und deren Namen, die Schlagzeug-Batterie als „Küche mit vielen Töpfen“.

Bühnenbildnerin Polina Liefers hat ein rotes Spielpodest in die Mitte des Apollo-Saals gestellt, jeweils in der Mitte der vier Seiten mit einem Tischchen für allerlei nur zum Teil verwendete Requisiten.

Der erste Sprecher-Einsatz – dessen rhythmische Schwierigkeit Flimm in seinen Präliminarien betont, indem er Barenboim zitiert: auch Patrice Chéreau habe diesen jedes Mal falsch gemacht – gelingt dem Grandseigneur des Theaters. Melodramatisch kämpft Flimm tapfer gegen die Klanggewalt des Instrumentariums der Staatskapellen-Soli an, verzichtet dabei jedoch auf das hierfür häufig verwendete Megaphon. Als ehemaliger Schauspieler lässt er es sich nicht nehmen, in breit gestreiften Pluderhosen selbst mitzuspielen. Den König gibt er, mit übergroßer Krone und Prunkornat (Kostüme: Birgit Wentsch), als vergesslichen Greis. Und bedeckt von einem Sombrero, geriert er sich auch als Tanzpartner der Prinzessin.

Stefan Kurt ist ein Bilderbuch-Teufel, der sich in den zopfig geflochtenen Teufelschwanz beißt und als Hof-Medikus vor dem eigenen Roten Kreuz auf seiner Medizintasche erschrickt. Diverse Rollen-Verwandlungen sind spielerisch gelöst, liebevoll bis hin zu einer vom Teufel selbst bedienten, allerdings ein paar Mal zu oft eingesetzten Nebelkanone (Co-Regie: Eva-Maria Weiss).

Laura Fernández vermag Flimms Vorschusslorbeeren allerdings nicht einzulösen, obgleich die spanische Flamenco-Tänzerin nicht nur die stumme Prinzessin verkörpert, sondern auch selbst sprechen und in andere Rollen schlüpfen darf – etwa in jene der Braut des Soldaten in dessen Heimatdorf, allerdings ohne die in Ferdinand Ramuz’ Dichtung erwähnten, in dieser Neuinszenierung auch textlich eliminierten Kinder.

Originell ist die Kartenspielszene zwischen Soldat und Teufel gelöst: die Prinzessin liegt unter dem Tisch hält mit ihren nackten Zehen die Spielkarten der Kontrahenten in die Höhe. Michael Rotschopf als Soldat tanzt wie ein Irrwisch, reißt die Blätter aus seinem im Tausch erworbenen, die künftigen Börsenkurse vorhersagenden Zauberbuch und pickt den Geldschein-Segen mit der Spitze seines Stocks auf.

Das merklich insbesondere mit Freunden des scheidenden Intendanten besetzte Publikum feierte die einstündige Darbietung mit langem, überaus herzlichem Applaus.

  • Weitere Aufführungen: 29. April und 5. Mai 2018

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